Ein Abenteurer im Rollstuhl

Bern

Seit 29 Jahren bereist Roland Bigler die Länder dieser Welt im Rollstuhl. Und manchmal öffnen sich ihm so Türen, die Fussgänger verschlossen bleiben.

Roland Bigler ist Tetraplegiker und Reiseberater beim Reisebüro Globetrotter. Foto: Beat Mathys

Roland Bigler ist Tetraplegiker und Reiseberater beim Reisebüro Globetrotter. Foto: Beat Mathys

Die Idee kam Roland Bigler in Australien. Ein Jahr lang war der damalige Treuhänder mit seiner Partnerin unterwegs, mit Auto, Zelt und Rollstuhl. «Unterwegs überlegte ich mir, dass ich eine Reiseberatung spezifisch für Rollstuhlfahrer anbieten könnte», erzählt Bigler, der seit einem Badeunfall vor 29 Jahren Tetraplegiker ist. «Eine Beratung auf Augenhöhe.» 

Am nächsten Tag schickte er eine Mail an den damaligen Globetrotter-Geschäftsführer André Lüthi. Und erhielt postwendend die Antwort: «Komm vorbei, wenn du wieder zu Hause bist. Dann können wir reden.» Seither berät Bigler in der Globetrotter-Filiale an der Aarbergergasse rund fünfzig Rollstuhlfahrer pro Jahr. Dabei kann der 49-Jährige aus seiner eigenen reichen Erfahrung schöpfen.

Bereits über zwanzig Länder hat Bigler bisher bereist, darunter Brasilien, Israel, Kanada, Kuba, Costa Rica, Thailand und der Tschad. «Letzteres war hart», erinnert er sich. «Ich hätte keinen Meter selber fahren können, weil sämtliche Strassen aus Sand sind.» Seine Partnerin musste ihn stets schieben. Genauso schwierig war die Altstadt in Trinidad. Das Kopfsteinpflaster sei berüchtigt unter Rollstuhlfahrern: «Die Strasse schüttelt dich massiv durch, verbiegt fast den Rollstuhlrahmen», sagt er. «Nie wieder.»

Rollstuhl bringt Ideen

Gestaunt hat er in Thailand – die Regierung arbeite daran, das Land auch für Menschen im Rollstuhl zugänglich zu machen. So hat der Skytrain in Bangkok, der hoch über den Häusern fährt, einige rollstuhlgängige Haltestellen. Einmal mussten er und seine Partnerin bis zur Endstation fahren, weil er erst da aussteigen konnte. Dort entdeckten sie aber den geschäftigen Chatuchak-Markt mit über 15000 Ständen, die alles von Haustieren bis Handys anpreisen. «Ohne Rollstuhl wären wir nie auf diese Idee gekommen.»

Auf seinen Reisen muss Bigler auf ein Stück Spontaneität verzichten. Die Unterkünfte muss er im Voraus buchen, manche Transporte auch. Dennoch bedeutet ihm das Reisen vor allem eines: Freiheit. «Etwa die Safari in Kenia hat mich tief berührt», sagt er. «Zu sehen, wie die Giraffen durch die Savanne stolzieren, war unbeschreiblich schön.» Er ist überzeugt, dass er auf seinen Reisen Berührungsängste abbaut. «Im Ausland trifft man selten auf andere Menschen im Rollstuhl», sagt er. In manchen Ländern würden sie gar versteckt, weil sich die Familie für sie schäme. Abschätzig behandelt wurde er selber nie – im Gegenteil. «Unglaublich tolle» Begegnungen mache er mit Leuten, wenn es darum gehe, ihm zu helfen. «In Thailand haben sie mir im Hotel sogar extra eine Holzrampe gebaut.»

Bigler hofft, dass durch Begegnungen mit Rollstuhlfahrern nach und nach die Infrastruktur verbessert wird. Denn immer noch ist das Reisen in den meisten Ländern schwierig – unter anderem wegen der sanitären Anlagen. Ein Badezimmer im Hotel muss so gross sein, dass ein Rollstuhl neben dem WC Platz hat. An der Wand braucht es Griffe. Die Dusche muss befahrbar sein – oder der Reisende muss sich mit einer Katzenwäsche begnügen. 

Im gleichen Hotel gefangen

Je nach Art der Behinderung sind andere Vorbereitungen nötig. Als Tetraplegiker, der seine Finger nicht bewegen kann, ist Bigler sowieso auf Hilfe angewiesen. Meistens begleitet ihn seine Partnerin und kann ihm über kleine Stufen hinweghelfen. «Einem Paraplegiker jedoch, der allein reist, ist der Weg so versperrt.» Während Bigler normale Taxis nehmen und den Rollstuhl im Kofferraum verstauen kann, braucht ein Mensch mit einem 160 Kilo schweren Elektrorollstuhl ein speziell ausgerüstetes Auto. 

Einige Rollstuhlfahrer nehmen deshalb lieber an Gruppenreisen für Para- oder Tetraplegiker teil. Oder sie bleiben während der ganzen Ferien im gleichen Hotel gefangen. «Viele fürchten sich vor unabhängigem Reisen», sagt Bigler. Behutsam versucht er, ihnen diese Angst zu nehmen.

Einen grossen Reisetraum hat sich Bigler noch nicht erfüllt: einen Segeltörn auf der Lord Nelson, einem zweimastigen Schiff in England, das extra für Rollstuhlfahrer umgebaut wurde. «Sie ziehen dich sogar auf einen zehn Meter hohen Guckbalkon», sagt Bigler mit träumerischem Lächeln. Und während er spricht, sieht man ihm das Fernweh richtig an.

Fernweh-Festival: Roland Bigler hält heute Samstag um 11 und 14 Uhr einen Vortrag zu seinen Kuba-Reisen. Kursaal Bern, kostenlos.

Berner Zeitung

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