Wenn aus Ostereiern Kunstwerke werden

Neuenegg

In ihrem Atelier im Weiler Bramberg beschriftet die Kalligrafin Any Kobel nicht nur Papier, sondern auch Eier. Das tut sie mit leichter, ­ruhiger Hand, scharfen Augen und viel Inspiration.

Any Kobel, Schriftkünstlerin aus Neuenegg, bemalt erstmals Ostereier. Video: Claudia Salzmann

Die Fahrt führt vorbei an Bauernhäusern und grünen Wiesen. Hoppelt da nicht ein Hase gegen den Waldrand? Ja! Da ist sogar noch ein zweiter, eine Häsin zweifellos. Spielerisch ziehen die beiden Kreise im Gras und rennen einander nach. Klarer Fall: Das müssen Osterhasen sein.

Davon ist auch Any Kobel überzeugt. «Die machen sicher Ostereier», sagt die 55-Jährige und bittet in ihr Atelier im alten Schulhaus von Bramberg, einem Weiler bei Neuenegg. Die Eier, die die Kalligrafin beschriftet und bemalt, legten nicht Osterhasen, sondern Federvieh aus der Nachbarschaft.

Ei, Ei, Ei

In ihrem Atelier «Bunte Feder» schleift Any Kobel die ausgeblasenen Eier. «So entferne ich Unebenheiten und Flecken», sagt sie, nimmt ein Ei in die Linke, führt mit der Rechten den Tuschestift und beginnt sorgfältig mit leichter Hand zu schreiben. Die fertigen Ostereier liegen auf blauer Seide, in einem Köfferchen.

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Ein Gänseei hat Any Kobel mit Wörtern beschriftet, die die Silbe ei enthalten: einmalig, zeichen, esserei, heilig, heikel, Eiffelturm. Geschrieben hat sie in Schönschrift, mit schwarzer Tusche auf dem Hintergrund von naturgrauen Punkten. Neben diesem Paradestück liegt ein Hühnerei mit einer aufgemalten Uhr, die fünf vor zwölf zeigt. Auf einem gelbgoldenen, winzigen Wachtelei steht: «klein, aber oho». Ein in Pink und Violett marmoriertes Ei ist zerbrochen.

Finish mit Omas Haarlack

Ursprünglich war Any Kobel ­Hotel- und Tourismusfachfrau. Schon vor 30 Jahren besuchte sie Kurse und begann mit dem Schreiben von Auftragsarbeiten. 2007 machte sie sich selbstständig. In diesem Jahr hatte sie den Kalligrafen Fred Balmer kennen gelernt, der sie unterrich­tete und dessen Nachfolge sie ­antrat, nachdem er unerwartet gestorben war. Das autodidaktische Lernen und stundenlange Schreibübungen gehören für sie für immer zum Handwerk. «Die Welt der schönen Buchstaben ist unendlich und faszinierend.»

Heute sei sie komplett ausgefüllt mit ihrer Schreibarbeit. «Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt», sagt sie, denn Kalligrafie ist gefragt. Any Kobel führt Zunftbücher, schreibt Bott- und Gautschbriefe, Diplome und gestaltet exklusive Weihnachtskarten für Firmen. «Ich habe so viele Aufträge, dass ich kaum mehr Zeit für Eigenes habe», sagt sie und zeigt ihr Skizzenbuch.

«Hier sind einige meiner Ideen, die mir zufliegen.» Die Gedankenblitze, die sie zu Papier bringt, entstehen durch Erlebnisse, Gehörtes, Beobachtetes und oft durch Musik, die sie in Wortbilder umsetzt: Beim Blättern findet man zahlreiche Sprüche und Gedichte, aber auch kleine Kinderporträts, farbig und leicht.

Erstmals Eier

In diesem Jahr hat sich Any Kobel erstmals an Eier gewagt. Eben hat sie eines beschriftet. Sie hält das ovale Kunstwerk in der Hand. Zuletzt fixiert sie Tusche und Farbe mit Haarlack. Die goldene Elnett-Spraydose sieht immer noch gleich aus wie die, mit der sich vor Jahrzehnten Oma die Frisur fixierte. Any Kobel sprüht sorgfältig. Das Ei ist fertig.

Bis Ostern hat sie noch zu tun. Auf Seidenpapier liegen weitere ausgeblasene Eier, bestückt mit einem Aufhängefaden und bereit, beschriftet oder bemalt zu werden. Wem der Osterhase eines von Any Kobels kleinen Kunstwerken bringt, kann sich glücklich schätzen.

Berner Zeitung

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