Duex und die Kilbi

Düdingen

Daniel Fontana, von allen Duex genannt, ist Chef des Bad Bonns in Düdingen und organisiert alljährlich die Bad Bonn Kilbi. Wir stellen den 52-Jährigen in der Serie BEsonders vor.

Mehr besondere Menschen aus Bern und Region finden Sie in diesem Dossier. Fürs beste Sehvergnügen nutzen Sie die Vollbildfunktion.
Johannes Reichen

Paris, Mailand, München, Hamburg, Stockholm, Oslo, Kopenhagen, Berlin, Utrecht, Brüssel, London. Das sind die Stationen der amerikanischen Band Sleep während ihrer Europa-Tournee im Mai dieses Jahres. Elf Konzerte, elf Städte, darunter die grössten, schönsten, wichtigsten, die bekanntesten und geschichtsträchtigsten des Kontinents.

Ein zwölfter Ort fehlt noch in dieser Aufzählung. Er komplettiert den Tourneeplan der Band. Es ist keine Metropole, keine Hauptstadt, kein Touristenmagnet, nicht mal eine Stadt. Es ist ein Dorf im Kanton Freiburg.

Von der Autobahnausfahrt Düdingen führt eine kleine Landstrasse aus dem Dorf, an einer Industriezone, an Einfamilienhäusern und Bauernhöfen vorbei, weiter Richtung Schiffenensee. Fast am Ende, gleich neben einer Hühnerfarm, liegt das Bad Bonn. Auch hier treten Sleep auf.

Das Motto des Clubs steht auf einem Transparent über dem Haus: Where the hell is Bad Bonn?

Der Club

28 Jahre ist es her, dass Daniel Fontana zusammen mit Georges Gobet den Gasthof Bad Bonn übernommen hat. Daraus zimmerte er einen Musikclub, in dem schon manche bekannte und unbekannte Band aus der alternativen Szene aufgetreten ist. Er ist der Grund, weshalb Düdingen in der Welt der Musik gar kein so unbekanntes Örtchen mehr ist.

Und vor allem stellt der Club mit der Kilbi jeden Sommer ein Festival auf die Beine, das sich konsequent dem Massengeschmack verweigert und stets neue Wunderlich- und Absonderlichkeiten präsentiert. So wie vorletztes Wochenende.

Drei Tage, drei Bühnen, fünfzig Konzerte, ein paar Tausend Besucher. Kein Sicherheitsdienst, kein Behördenapéro, keine VIPZone. Und Bands, von denen die meisten Besucher noch nie gehört haben. Fontana kann buche, wen er will, die Leute kommen immer. «Die Leute machen es sich zum Spass, dass sie nichts kennen», sagt der 52-Jährige. Das Resultat jahrelanger Arbeit.

Die Geschichte

Ende der 80er-Jahre betreibt Fontana zusammen mit Gobet noch eine Beiz im Dorf Düdingen, Johnnys Pub. Etwas zu laut für das Dorf. «Also haben wir etwas anderes gesucht», sagt Fontana, der von allen «Duex» genannt wird. Sie werden fündig, kaufen den Landgasthof Bad Bonn. Der Name erinnert an den früheren Kurort, der 1963 im aufgestauten Schiffenensee ertränkt wurde. Dort beginnen sie, Konzerte zu organisieren. «Metal auf dem Land, das hat damals funktioniert.»

Vom Musikmilieu habe er damals gar keine Ahnung gehabt, sagt Fontana, und von Musik verstehe er bis heute nicht viel. Er beginnt, sich die Adressen von Bands und Agenturen von den CD-Hüllen abzuschreiben, besucht Konzerte im Fri-Son in Freiburg und in der Roten Fabrik in Zürich, taucht immer tiefer ein in das Business.

Aber dann gibt es Probleme. Nachbarn beschweren sich über Lärm. Im März 2014 zieht der Oberamtmann dem Bad Bonn den Stecker, Konzerte sind nicht mehr erlaubt. «Wir sind am Arsch, den wir uns seit zehn Jahren aufreissen», lässt sich Fontana zitieren. Doch er gibt nicht auf, plant einen Umbau, der den Lärm eindämmen soll, und nach anderthalb Jahren wird ein neuer Konzertsaal eröffnet.

Fontana stellt einen Buchhalter ein, Patrick Boschung, der Betrieb wird professioneller, das Bad Bonn wächst. Und wird, vor allem dank der Kilbi, immer bekannter.

Die Kilbi

Samstag, 2. Juni 2018, Daniel Fontana steht vor einer Reihe mobiler Container und unterhält sich mit ein paar Männern in langen grünen Gewändern. Es sind die Master Musicians of Jajouka, um 20 Uhr werden sie auf der Bühne der Bad-Bonn-Kilbi stehen.

«Schön, dass sie da sind», sagt Fontana. Die Truppe hatte gerade vier Konzerte wegen eines Visumproblems absagen müssen. Auch sonst laufe alles rund, sagt Fontana und zieht an einer Zigarette. Der erste Tag sei zwar etwas harzig verlaufen, einige Bands hätten enttäuscht, auch seine Programmation sei nicht optimal gewesen, «aber das merkt im Publikum wohl niemand».

Was es aber wohl bemerkt: dass die Zeit der grossen Namen schon ein paar Jahre vorbei ist. Sonic Youth, Mogwai, Queens of the Stone Age, Kings of Convenience, das war einmal. «Ich mache das Programm so, wie ich es will», sagt Fontana. Finanziell kann er es sich leisten. Und manchmal hat er auch Glück.

Das Konzert

Am 16. Mai halten zwei grosse Cars vor dem Bad Bonn und verdecken die Hausfassade. Der Tourtross von Sleep ist angekommen. Am Abend wird die Band ihre harten, lauten, langsamen Endzeitlieder spielen, die den meisten Menschen dieser Welt unbekannt sind, aber für eine treue Schar die Welt bedeuten.

«Eigentlich», sagt Fontana, «ist diese Band zu gross für uns.» Er sitzt in seinem Büro und telefoniert mit einem Berufskollegen. Noch ein paar Stunden sind es bis zum Konzert. Niemand sonst in der Schweiz habe Sleep buchen wollen, sagt Fontana. «Vielleicht, weil sie schon lange kein Album mehr veröffentlicht haben.»

Er griff zu. Einen Monat vor dem Konzert gab die Band ein neues Album heraus, das erste seit 19 Jahren, aus dem Nichts. Sleep bescheren Fontana ein ausverkauftes Haus.

Die Beiz

Am Konzertabend macht «Duex» Fontana dann das, was er fast immer tut: Die Band begrüssen, mit seiner Crew essen, Tickets kontrollieren, mit Besuchern ein Bier trinken. «Das Wichtigste ist, dass man sich nicht zu ernst nimmt», sagt er, der verheiratet ist und zwei Töchter hat. Im diesem Business gehe es nicht um Leben und Tod. Seine Aufgabe sei es oft nur, dafür zu sorgen, dass die Stimmung gut bleibe und niemand enttäuscht heimgehe.

Das Bad Bonn ist allerdings nicht nur ein Szeneclub, sondern auch eine Dorfbeiz. Am Freitag gibt es ein Mittagessen, einmal im Monat einen Sonntagsbrunch, hier trifft sich das Dorf, zum Feierabendbier oder zum Fernsehspiel des HC Fribourg-Gottéron.

«Wir haben viel Glück gehabt mit diesem Haus», sagt Daniel Fontana. Er möchte hier noch ein paar Jahre weiterarbeiten. Oder vielleicht doch mal etwas Neues im Musikbusiness machen. «Oder vielleicht doch fischen in Alaska.»

Gut möglich, dass Daniel Fontana dort diese Frage beantworten müsste: Where the hell is Bad Bonn?

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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