Dreigeteilte Heimat

Meret Matters Club 111 zeigt im Schlachthaus die Theatertrilogie «Heimat Kosmos». Nach der Premiere will man die frustrierte Bürofrau, den Kellner und den Pizzakurier wieder­sehen – dennoch bleibt noch Luft nach oben.

Gestresste Bürofrau: Grazia Pergoletti begeistert als Sara Conti, eine Geschiedene, die sich mit Heiratsschwindlern auseinandersetzt.

Gestresste Bürofrau: Grazia Pergoletti begeistert als Sara Conti, eine Geschiedene, die sich mit Heiratsschwindlern auseinandersetzt.

(Bild: Toni Suter/zvg)

Michael Feller@mikefelloni

Vorurteile überall: Was gaukeln uns die Frauen vor, was führen Männer im Schild, worin sind die Italiener den Spaniern voraus? Auch Sara Conti stolpert dauernd darüber.

Sie arbeitet auf der Beratungsstelle Binationale Ehen, ist eine sexuell unterbeschäftigte Geschiedene, führt ein durchschnittliches, aber langweiliges Leben. Der südländische Kellner (Ferhat Keskin) ihres Stamm­cafés gefällt ihr, doch sie blockt die Avancen ab. Was soll sie mit einem ungebildeten Italiener? Im Job kümmert sie sich um ­Heiratsschwindler beider Geschlechter.

Viele binationale Ehen werden nach fünf Jahren geschieden, dann, wenn der ausländische Ehepartner das Bürgerrecht beantragen darf. Sie kennt die Statistiken – und diese heitern ihr dunkeltöniges Menschenbild auch nicht gerade auf.

Auf den Leib geschrieben

In der ersten Episode «Ich» von «Heimat Kosmos» verfolgen wir Sara Conti auf Schritt und Tritt. Die dreiteilige Serie beleuchtet die Heimat – und die Vorurteile, die am Begriff haften. Grazia Pergoletti, seit je Mitglied des Club-111-Kosmos um Regisseurin und Autorin Meret Matter, ist die Hauptrolle auf den Leib geschrieben. Abgesehen von einigen Verhasplern gibt sie die Protagonistin so gut, dass man sie vom ersten Auftritt an kennt, als sie zerknittert aus dem Bett steigt.

Was danach folgt, ist gute Unterhaltung zu einem nahrhaften Thema. Ebenfalls zu den Stärken in den Produktionen der Berner Theatergruppe gehört traditionell die Ausstattung. Statt auf den allzu weit verbreiteten Minimalismus setzt der Club 111 auf sinnliche und sinnvolle Elemente. Auf Musik etwa von Wael Sami Elkholy und auf ein tolles Bühnenbild (Renate Wünsch).

Die Vielzwecklaube im Hintergrund wird dank Bildprojektionen glaubwürdig zum Zugabteil, zum Warteraum und zum Strassenzug. Durch diesen hetzt Pergolettis Protagonistin, indem sie auf einem Laufband voranhamstert. Eine gar abgegriffene Metapher.

Es kann noch tiefer werden

Egal. Der erste Teil hat Zug, Charaktere mit scharfen Konturen, und er eröffnet tragische und romantische Versprechen für die weiteren Folgen. Eine üble Dia­gnose bringt alles ins Rollen. Ein Pizzakurier lässt die Nummer da für amouröse Dienste. Und der Kellner entpuppt sich beim Date als Philosophieprofessor. Kann das gut gehen? Es kann. Es kann auch noch besser werden, sprich: tiefer und verstrickter. Aber fürs Erste haben wir die Figuren lieb gewonnen.

Weitere Vorstellungen:«Ich», noch heute Samstag, 21.30 Uhr, Schlachthaus-Theater, Bern. Teil 2 ab 22. 12., Teil 3 ab 29. 12. www.schlachthaus.ch

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