Downtown Fondue

Bern

2018 könnte als Jahr der Outdoor-Pop-ups in die Stadtberner Annalen eingehen. Die mediterrane Freiluftekstase des Sommers wuchs sich direkt in einen triefenden Fondue-Dschungel aus.

Figugegl: Das ist die Entdeckung des Berner Winters 2018.

Figugegl: Das ist die Entdeckung des Berner Winters 2018.

(Bild: Max Spring)

Jürg Steiner@Guegi

Figugegl. Mag sein, dass die Millennials sich an diesem skurrilen Wort verschlucken. Aber für die ins Pensionsalter rutschende Babyboomergeneration ist das ganz anders. Für sie stellt die vor Jahrzehnten von der renommierten Zürcher Werbeagentur Gisler+Gisler erfundene Abkürzung für «Fondue isch guet und git e gueti Luune» ein Erweckungserlebnis dar: So unauslöschbar kann sich ein Fernsehwerbespot ins nationale Gedächtnis schleichen.

Die Käseunion wollte den Absatz fördern, indem sie Fondue kraft einer grossen Kampagne mit Schweizer Heimatgefühlen verband. Mit dem Resultat, dass das Wort Figugegl in den Hirnwindungen hängen blieb wie Käse am Brotwürfel. Das Fondue, eine Käseschmelzpraxis unklarer Herkunft, zu einer unverhofften Karriere als traditionelle Schweizer Nationalspeise kam. Figugegl erreichte das digitale Zeitalter als Codewort für ein zähflüssiges Schweizer Selbstverständnis, das der alpinen Ländlichkeit huldigte und sicher nicht der Globalisierung. Dass Figugegl plötzlich flexible urbane Hipster der polyglotten Pop-up-Generation elektrisiert: Das ist die Entdeckung des Berner Winters 2018.

Man kann an einem dieser verhangenen Jahreswechseltage an der Brüstung der Grossen Schanze stehen, hinter sich das Pop-up-Chalet, in dem der Spitzenkoch Werner Rothen ein paar Monate lang exklusives Fondue mit Mischungen des Käsekünstlers Christoph Bruni zubereitet, und den Blick über die Dächer des Stadtzentrums schweifen lassen. Nicht an Käse denken? Unmöglich. Fondueartist Rothen ist nur einer von vielen, und wohl noch nie stieg so viel schwerer Fondueduft in so kurzer Zeit aus so vielen blubbernden Caquelons in den Berner Himmel. Gut möglich, dass nach zwei, drei Bechern Glühwein plötzlich die Sicht verschwimmt und man glaubt, dass sich aus den tief hängenden Wolken Käsefäden kristallisieren. Es wäre physikalisch nur logisch.

Bern, das ist Downtown Fondue. Eben noch tänzelte die schwerfällige Bundesstadt lebenslustig durch den endlosen 18er-Sommer, es gab verspielte Bars und Musik und Filme und lange Nächte à gogo. Jetzt fühlt es sich plötzlich an, als hätten sich all die coolen Pop-up-Gastronomen zu einem stinkenden Fondue­kartell verschworen. Und sich auf ein fantasieloses und erst noch fetttriefendes Leitmotiv für diesen Winter geeinigt: geschmolzenen Käse. In der heissesten Phase der Stadtberner Figugegl-Obsession kurz vor Weihnachten gab es allein im kleinen Perimeter zwischen Bahnhof, Schützenmatte und Kornhausplatz ein halbes Dutzend Zelte oder temporäre Chalets, die ihren Fokus auf Fondue legten. Allenfalls variiert mit Raclette.

Einige von ihnen – Spitzenkoch Markus Arnold im Gstaader Chalet auf dem Sternenmarkt, das Alpenchalet auf dem Kornhausplatz, der Platzhirsch auf dem Waisenhausplatz – haben ihre Rechauds für diese Saison schon wieder stillgelegt. Andere, das Eisbahnrestaurant auf dem Bundesplatz oder das vielschichtige Raclette-Tipi auf der Schützenmatte etwa, legen noch wochenlang Käse nach. Manchmal kurvt auch die Fondükscha (Fondue, serviert in der indischen Rikscha) durch die temporäre Fondue­kapitale, und man staunt, dass das käsekritische Ayurveda-Land Indien Stadtpräsident Alec von Graffenried noch keine diplomatische Note zukommen liess.

Item. Es ist ein wahrer Segen, wenn man sich in der Freiluftbar Oskar Elch im Ringgenberg­pärkli nach einem Rundgang durch die brodelnde Fondue-City als Ab­sacker einen «Chäsbrägu» gönnt. Man liest vielleicht in einem der Unterstände den an die Wand gepinnten Satz «Nimm das Leben nicht zu ernst, man kommt ohnehin nicht lebend davon», und schon sieht man die Fondueisierung des öffentlichen Raums der rot-grünen Stadt entspannter.

Ist ja schon gut: Es braucht nur Käse und Glühwein, schon strömen die Menschen und ver­wandeln Bern in ein Winter­wonderland. So einfach funktioniert das Geschäftsmodell. Und so gross ist das Bedürfnis der Menschen, unter Menschen zu sein. Sie kommen aus der ganzen Agglomeration in die Stadt, weil in den Dörfern Läden und Beizen schliessen und die Dörflichkeit in der Stadt als Pop-up-Konsumkulisse wieder aufgebaut wird. Inklusive Fondue.

Es braucht nur Käse und Glühwein, schon strömen die Menschen und verwandeln Bern in ein Winterwonderland.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass die linkste Stadtberner Regierung aller Zeiten nicht nur die Belebung, sondern auch die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums vorantreibt wie nie zuvor. Man spazierte über den Sternenmarkt auf der superpittoresken Kleinen Schanze, man konnte in der KPT-Lounge Kaffee trinken und Mobiliar-Honig kaufen und zahlte für einen Glühwein mit Güx horrende 9 Franken und fand nichts dabei. Business as usual im städtischen Park. Und schon nur wenn man die Frage aufwirft, ob diese Stadt nicht auch ein paar stille Ecken braucht, die nicht zwischengenutzt oder pop-up-mässig aufgebürstet sind, klebt einem der Ballenbern-Vorwurf am Rücken wie geschmolzener Käse.

Wahr ist aber auch: Der Fonduekapitalismus im öffentlichen Raum hat Zukunft – weil die Nachfrage angesichts des Wachstumskurses der Stadt fast garantiert ist. Und im Winter 2019/ 2020 ist Bern noch besser auf­gestellt: Dann wird der Outdoor­ausrüster Transa die Markthalle am Bubenbergplatz bezogen haben, man kann sich dann vor Ort mit teurer Thermounterwäsche aus Merinowolle ausrüsten, an der keine schlechten Gerüche haften bleiben, die ideale Pop-up-Fondue-Bekleidung.

Und ja, Fondue rockt. Wenn die geschäftstüchtige Gelateria di Berna ihre Winterpause überdenkt und sich am Sternenmarkt 2019 mit einem milden Vacherin-Greyerzer-Eis (gerne mit Ingwernote) im Sortiment präsentiert: Dann wird aus dem Estate di Berna auch ein richtiger Inverno di Berna. Garantiert. Figugegl.

Berner Zeitung

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