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Dilemma wegen vier Zentimetern

Ein Treppengeländer in der Ittiger Primarschule Rain ist zu wenig hoch. Es muss angepasst werden. Darf aber nicht, sagt die Denkmalpflege.

Unsicher: Dieses Geländer ist nach SIA-Norm rund 4 Zentimeter zu niedrig.
Unsicher: Dieses Geländer ist nach SIA-Norm rund 4 Zentimeter zu niedrig.
Andreas Blatter

Wenn sich ein Schweizer einmal nicht mit Vorschriften oder Gesetzen rumzuschlagen hat, muss er sich fragen, ob er träumt oder ob er tot ist. Über 25'500 Seiten umfasste das Landesrecht 2007 gemäss einer Studie der Uni Bern, dazu kamen fast 30'000 Seiten internationales Recht. Heute dürften es nicht weniger sein.

Ungemütlich wirds, wenn sich die Vorschriften gegenseitig ins Gehege kommen. Dann rollen sogar die Augen der hartgesottensten Politikfüchse. Jüngst: Jene des Ittiger Gemeindepräsidenten Beat Giauque. Anlass war die letzte Sitzung des Gemeinderats. Dort mussten sich die Politiker mit einem immens wichtigen Thema auseinandersetzen: einem Treppengeländer. Die Gemeinde plant die Sanierung der Primarschule Rain. 7,5 Millionen Franken soll diese kosten.

Der Haken: Vor der Sanierung wurde die Schule auf Herz und Nieren geprüft, ob sie noch sicher ist. Baupolizisten kreuzten bei der Schule Rain auf, mit einem dicken Vorschriftenwälzer unter dem Arm. Beim Treppenhaus von Schulhaus 2 stellten sie fest: Es entspricht nicht den Vorschriften, ist unsicher. Notabene handelt es sich um eine Treppe, die seit 60 Jahren genau so besteht und auf der noch nie etwas passiert ist. Aber das zählt nicht. Es zählt nur die Höhe des Treppengeländers. Gemäss Norm 358 des schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA müssen Treppengeländer in der Schräge im Bereich des Treppenlaufs eine Mindesthöhe von 90 Zentimetern aufweisen. Jenes in Schulhaus 2 ist aber blöderweise nur 86 bis 88 Zentimeter hoch, je nachdem, wo man misst.

Ärgerlich. Aber man kann nichts machen: Dann muss das Geländer eben erhöht werden. Moment, sagt die Denkmalpflege. Wäre ja noch schöner, wenn man da einfach dran rumschrauben könnte. Dieses Treppengeländer, grüne Stangen mit Handlauf obendrauf, sei ein Zeitzeugnis der Architektur der 50er-Jahre und somit schützenswert. Auf keinen Fall dürfe es zerstört werden.

Was also sollte der Ittiger Gemeinderat tun? Das Geländer muss erhöht werden, darf aber gleichzeitig nicht. Man könnte es als typisch schweizerisches Problem bezeichnen. Und typisch schweizerische Probleme löst man am besten mit typisch schweizerischen Kompromissen. Das Geländer wird nicht angerührt. Damit der urplötzlichen Unsicherheit trotzdem ein Ende gesetzt wird, spannen die Bauarbeiter Drähte ins sogenannte Treppenauge. Zwei Drahtseile, acht Millimeter dick, werden parallel zum Lauf der Treppe auf der Höhe der Stufen montiert. So entsteht eine Art Auffangnetz im Treppenhaus, das den Sturz bremst, falls mal ein Kind herunterfallen sollte.

Gut hingekriegt, Herr Giauque. Nur seien Sie gewarnt: Wenn es so weitergeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Bauästhetikkommission eingeführt wird, die mit neuen Vorschriftenwälzern durch die Schulen streift. Dann können Sie Ihre Drähte ratzfatz wieder abräumen. Es gäbe nur noch eine Lösung für das Geländerdilemma: die Treppe tieferlegen.

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