Diese Kälte ist besonders bitter

Die Schweiz schlottert: Selbst im Flachland fallen die Temperaturen dieser Tage in den Minusbereich. Aussergewöhnlich sind solche Kälteeinbrüche im Februar aber nicht.

Eisige Zeiten vor dem Bundeshaus. Der Spatz scheint aber trotz Eiszapfen seinen Durst stillen zu können. Foto: Beat Mathys

Aufgewirbelte Gischt, die an Seeufern zu Eisskulpturen gefriert. Dick eingepackte Pendler und Spaziergänger. Die Temperaturen sinken in diesen Tagen deutlich unter den Gefrierpunkt. Gestern fiel das Thermometer im Berner Flachland auf –10 Grad. In Koppigen herrschten –10,1 Grad. Im jurassischen Courtelary gar –11,4 Grad. Die tiefen Temperaturen bringen Herausforderungen, aber auch Vorteile mit sich (siehe Auflistung weiter unten).

Geschuldet ist die Kälte der Polarluft, die derzeit zu uns gelangt, sagt Meteorologin Christa Hayoz von Meteo Schweiz. «Ein kräftiges Hoch über Nordskandinavien sowie ein Tief über dem Mittelmeer sorgen bei uns für eine Bisenströmung, mit welcher Kaltluft aus nordöstlicher Richtung nach Mitteleuropa strömt.» Es handelt sich dabei um eine relativ trockene Kälte. «Die Feuchtigkeit ist momentan eher im Hochnebel gebunden», erklärt Hayoz. Deshalb würden beispielsweise auch die Autoscheiben nicht gefrieren.

Aus –10 werden –18 Grad

Gefühlt sind die Temperaturen noch tiefer. Denn nicht nur die Lufttemperatur entscheidet darüber, wie kalt wir etwas empfinden, sondern auch der Wind. «Wenn die Bise bläst, spüren wir die Kälte deutlich stärker», erklärt Hayoz. Dies zeige die sogenannte Windchill-Tabelle. Sie berechnet die gefühlte Temperatur mittels Lufttemperatur und Windgeschwindigkeit. Aus –10 Grad werden mit Windgeschwindigkeiten von 20 Kilometern pro Stunde –18 Grad.

Das Phänomen Windchill beschreibt auch, wie die Bise das wärmende Luftpolster, das die Haut umgibt, immer wieder verweht. Der Wind entzieht der Haut somit Wärme, woraufhin sich die Oberflächentemperatur an die Umgebung anpasst.

Häufig kalt im Februar

Christa Hayoz hält aber auch fest, dass der momentane Kälteeinbruch für einen Februar nichts Besonderes ist. «Das hat es auch schon in anderen Jahren immer wieder gegeben.» Vor allem das Jahr 2012 bleibe dabei in Erinnerung. Rund zwei Wochen lang herrschten damals Tiefsttemperaturen im zweistelligen Minusbereich. Extreme Beispiele sind zudem die Jahre 1986 und 1956.

Ausnahmen waren dies jedoch keine: «Kürzere Kälteperioden mit Minustemperaturen gibt es in Wintermonaten in regelmässigen Abständen», erklärt Hayoz. Intensiver wahrgenommen werde die Kälte dabei auch durch die milderen Winter. «Dieser Januar war vergleichsweise warm, weshalb man sich nun erst wieder an die tiefen Temperaturen gewöhnen muss.»

Viel Zeit dafür, sich auf die Kälte einzustellen, bleibt indes nicht. Schon Ende Woche klettern die Temperaturen wieder in den Plusbereich.

Nun ein paar Beispiele, wo die Kälte eine besondere Rolle spielt:

Obdachlose: Schlafsäcke und Tee gegen die Kälte
Die Suche nach einem beheizten Raum und einem warmen Bett – sie beschäftigt bei dieser eisigen Witterung Helfer und Obdachlose in Bern noch mehr als sonst, weiss Silvio Flückiger, Leiter der städtischen Interventionsgruppe Pinto. Seit zehn Tagen mache Pinto die Menschen auf der Gasse auf die Kältewelle aufmerksam. «Für alle, die das wollten, haben wir einen Schlafplatz organisieren können», sagt Flückiger. Sei es in der Notschlafstelle Sleeper, im Passantenheim der Heilsarmee oder bei Kollegen.

Eigentlich könnte Pinto für alle ein warmes Bett organisieren. «Auch jetzt hat es noch freie Plätze zum Übernachten im Passantenheim», so Flückiger. Um die aktuell 17 Personen, welche trotzdem lieber draussen übernachten würden, kümmere man sich intensiv, sagt der Pinto-Leiter. «Seit letztem Freitag haben wir wegen der Kälte unsere Schichtzeiten verlängert. Wir sind nun zusätzlich schon ab 3 Uhr morgens im Einsatz». Bei weniger kritischen Temperaturen arbeitet Pinto zwischen 9 Uhr morgens bis knapp vor Mitternacht.

Als weitere Massnahme würden die Pinto-Mitarbeitenden auf ihren Nachteinsätzen Schlafsäcke und heissen Tee mit sich tragen. «Das Echo ist sehr positiv. Keiner sagt bei diesen Temperaturen Nein zu einer Tasse Tee.» bit

Müllmänner: Griffheizung soll Abhilfe schaffen
Viel Bewegung bei der Arbeit hält die Müllmänner warm. Foto: Raphael Moser

«Das Schlimmste bei der Arbeit ist momentan der eisige Fahrtwind beim Mülleinladen», sagt Stefan Bühlmann von der Müllentsorgung der Stadt Bern. Zwar bekommen er und seine Arbeitskollegen bei Temperaturen unter null Grad gratis Tee en masse. Das allein hilft aber nicht gegen die klirrende Kälte.

«Ich trage in meinen Handschuhen Taschenwärmer, damit meine Fingerbeeren nicht so schnell taub von der Kälte werden», sagt André Reinhard, ebenfalls bei der Müllentsorgung der Stadt Bern tätig. Jeder Arbeitskollege ginge anders mit den frostigen Temperaturen um: «Manche tragen nur einen Pullover bei der Arbeit, weil sie sich beim Einladen des Abfalls viel bewegen und sogar ins Schwitzen kommen», so Reinhard. Man gewöhne sich mit der Zeit an alle Temperaturen, finden beide.

Schlimmer sei Kälte gemischt mit Regen oder Schnee, da dann starke Rutschgefahr beim Heruntersteigen vom Müllwagen besteht. Die Lastwagen der Kehrichtabfuhr sollen in Zukunft ebenfalls Abhilfe gegen das Frieren schaffen: «Die neuen Wagen haben hinten eine Griffheizung», sagt Bühlmann. Reinhard durfte die Griffheizung bei einem Einsatz ausprobieren und findet sie Gold wert. Aufgefallen sei beiden, dass bei starker Kälte die Entsorgungshöfe deutlich weniger besucht werden: «Ich würde auch nicht zur Entsorgungsstelle gehen, wenn ich nicht müsste», sagt Bühlmann. tin

Fussballfans: So überleben Sie den Cuphalbfinal
Während Kälteempfindliche den heutigen Cuphalbfinal zwischen YB und FCB am TV schauen (20.10 Uhr, SRF 2), werden 23 000 hartgesottene Fussballfans sich im Stade de Suisse einfinden. Wer sich an die eiskalte Partie gegen Servette im Jahr 2012 erinnern kann, weiss, dass damals die Matchbesucher mit Armeewolldecken ausgerüstet wurden. YB lässt verlauten, dass man versucht habe, einen Deckenlieferanten zu finden. Leider erfolglos. Somit dürfen alle ein wenig neidisch in den VIP-Bereich schauen, wo gelbe Decken verteilt werden, wie man sie ­bereits am letzten Samstag gegen Sion sichten konnte.

Den Zuschauern sei es aber erlaubt, selber Sitzkissen und Decken mitzubringen. Weiter setzt man bei den Kleidern aufs Zwiebelsystem und lange Unterhosen. «Am besten haben es die Spieler auf dem Platz, denn sie können sich bewegen», sagt YB-Sprecher ­Albert Staudenmann. So sollte man es ihnen nachmachen: Ab und zu aufstehen, in die Hände klatschen und sich bewegen. «Bei jedem YB-Tor den Sitznachbarn umarmen und von seiner Körperwärme profitieren», schreibt der Club auf der Website.

YB rät auch, warme ­Getränke zu konsumieren. Wer lieber beim Bier bleibt, darf das getrost: Wie ein Versuch in der Redaktion zeigt, gefriert das Bier erst nach einer Halbzeit. Und niemand würde es so lange unberührt stehen lassen. cla

Landwirte: Idealer Zeitpunkt für den Kälteeinbruch
Die Schweizer Bauern freuen sich über die tiefen Temperaturen. «Für die Landwirtschaft ist es der ideale Zeitpunkt für diesen Kälteeinbruch», sagt San­dra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizer Bauernverbands. Durch die Kälte sterben verschiedenste Schädlinge und Mäuse, was sehr gut für die Pflanzen ist.

Viel verheerender wären die Minusgrade Ende März oder im April, wie es letztes Jahr der Fall war. «Es war also aus unserer Sicht höchste Zeit für eine Kältewelle», so Helfen­stein. Bei den meisten Pflanzenkulturen herrsche momentan Winterruhe, wodurch beispielsweise kein Risiko für Schäden im Obst- und im Weinbau bestehe.

Einer dieser sterbenden Schädlinge ist die Kirschessigfliege aus Südostasien, die Früchte wie Kirschen, verschiedene Beeren oder Trauben angreift. «Erst bei Temperaturen von unter minus zehn Grad wird die Kirschessigfliege stark dezimiert», erklärt Helfenstein. Durch ihre schnelle Vermehrung und ihren kurzen Generationszyklus kann sie mit Insektiziden nur schwer bekämpft werden.

Die heimischen Tiere hätten kein Problem mit der Kälte: «Kühe haben viel mehr Mühe mit Hitze», so Helfenstein. Hühner gehen weniger aus dem Stall bei Kälte. «Nur die Bauern selber freuen sich nicht über die frostigen Temperaturen, wenn sie früh am Morgen raus in den Stall müssen», sagt sie lachend. tin

Tiere: Flamingos haben sich an Kälte gewöhnt
Flamingos halten sich auch im Winter gerne im Wasser auf. Foto: Beat Mathys

Im Tierpark Dählhölzli sind Tiere zu Hause, die sonst eher in wärmeren Gefilden beheimatet sind. Beispielsweise Flamingos. Man könnte meinen, dass ihnen die Kälte besonders zusetzt. Doch weit gefehlt: «Die gewöhnen sich an solche Temperaturen», erklärt Hubert Marbacher, Leiter Sektion Tiere im Tierpark. So bleiben die Flamingos auch im Winter Tag und Nacht draussen. Dies, obwohl den rosafarbenen Tieren auch ein Winterhaus zur Verfügung steht – so schreibt es die Tierschutzverordnung vor. Von alleine würden sie dort aber nicht reingehen. Und die Tierpfleger trieben sie auch nicht hinein, denn das stresse die Tiere.

Die Flamingos sind beim Eingang des Zoos in einem Gehege mit grossem Teich beherbergt. Und im Wasser halten sie sich auch am liebsten auf. Der Vorteil im Winter: «Die Wassertemperatur ist momentan höher als diejenige der Luft.» Die Gefahr, dass der Teich gefriert, bestehe nicht. Einerseits sei es noch zu wenig lange kalt. «Das Wasser ist auch leicht temperiert.» Und notfalls könne man das Wasser auch in Bewegung versetzen.

In anderen Gehegen gebe es Dinge, die die Tierpfleger bei tiefen Temperaturen beachten müssten. Beispielsweise gefriert das Wasser in Trinkschälchen ein. Oder die kleineren Teiche wie bei den Schellenten und Schwarzstörchen. Dort muss ein Mitarbeiter jeweils das Eis aufbrechen, um den Tieren Platz zu verschaffen. js

Berner Zeitung

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