Die Zeltstadt leert sich

Kappelen-Lyss

David Zaugg war während dreier Monate für die Zeltstadt beim Durchgangszentrum verantwortlich. Bis am Montagabend zogen die allermeisten Asylsuchenden in neue Unterkünfte. Und Zaugg zieht eine positive Bilanz.

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Simone Lippuner

Die Zelte stehen im zähen Seeländer Nebel. Einige sind offen, Matratzen und Kisten liegen gestapelt auf dem Boden, die Neonröhren sind abmontiert, die Plastikfenster geschlossen. In andere Zelte dringt ein wenig mattes Winterlicht, es herrscht noch ein bisschen Chaos und Leben. Kartoffelvorräte und Kleider liegen am Boden, offene Koffer auf den Pritschen. Aufbruchstimmung.

Wer jetzt noch hier ist, zieht schon bald los.«Seit zehn Tagen zügeln die 150 Flüchtlinge sukzessive in andere Unterkünfte», sagt David Zaugg, Leiter des Durchgangszentrums Kappelen-Lyss. Der Weg führt nach Rubigen oder Münchenbuchsee, ein Grossteil reist nach Tramelan.

Die Zeltstadt leert sich, noch 40 Menschen waren am Montagmittag dort einquartiert, bis zum Abend sollte es auch für sie eine Anschluss­lösung geben. Für 14 hat David Zaugg noch kein Bett gefunden. «Notfalls schlafen sie im Kantinenraum.» Auf der Strasse sollten keine Flüchtlinge landen – wie es offenbar in Biel im November bereits der Fall war.

Mit 150 Full House

Einer, der gerade seine Siebensachen packt, ist Sekou Kourouma. Der 30-jährige Mann aus Guinea hat eine knappe Woche im Zelt gewohnt, nun kommt der nächste Umzug. «Wahrscheinlich nach Tramelan. Aber mein Name steht noch nicht auf der Liste», sagt er.

Einige der Asylsuchenden hätten gefragt, ob sie in der Zeltstadt bleiben könnten, sagt Zaugg. «Es wäre ihnen lieber, als in eine unterirdische Zivilschutzanlage zu zügeln.» Der Leiter zieht denn auch eine positive Bilanz vom dreimonatigen Zeltbetrieb. Er sei froh, dass nicht alle Flüchtlinge gleichzeitig eingetroffen seien, sondern man in die neue Situation habe hineinwachsen können.

Die Zeltstadt hat als Überlaufbecken funktioniert: Wer abends noch kein Bett hatte, kam nach Kappelen-Lyss. Pro Tag waren dies 12 bis 15 Personen, Eritreer, Pakistaner, Afghanen. Die zehn Zelte waren rasch voll: Quartiert die Armee 25 pro Zelt ein, war das Zeltlager mit 150 Asylsuchenden voll – also 15 pro Zelt, damit auch noch Platz für Kleiderkisten und Kühlschränke blieb.

Weder Regen noch Schnee

Die Belegung änderte seit September nur mässig, die meisten Flüchtlinge blieben von Anfang bis Schluss. «Einige tauchten unter», weiss David Zaugg. Die Stimmung sei auf dem Platz meist friedlich gewesen. Auch ist er froh, dass das Wetter mitspielte: keine Platzregen, die die Zelte unterspülten, ein milder Herbst, der Winter lässt auf sich warten.

Aber Zaugg will nicht nur beschönigen: «Die Arbeit kostete viel Kraft und Nerven, schliesslich mussten wir uns um doppelt so viele Menschen kümmern wie üblich.» An die Kapazitätsgrenzen stiess sein Team auch platztechnisch, zum Beispiel in der Küche. Auch was den Umgang mit der grossen Menge an gut gemeinten Hilfsangeboten anbelangte, wurde Zaugg gefordert.

«Diplomatisch zu erklären, dass nicht jede Hilfe gerade opportun ist, kann schwierig sein.» Doch hebt er die grosse Unterstützung der lokalen Gruppe «Tea & Talk» hervor: «Ohne die hätte sich die Lebensqualität auf tieferem Niveau eingependelt.»

Vom Know-how profitieren

In Kappelen weiss man nun, wie der Karren läuft. «Aus diesem Grund wären wir im Team auch bereit gewesen, die Zelte bis nach Neujahr zu führen», so Zaugg. Denn es sei nicht einfach, aus dem Nichts ein solches Zentrum aufzubauen, und das kurz vor den Festtagen. «Da wäre es nur ­vernünftig, wenn die bestehenden ihren funktionierenden Betrieb noch etwas weiterführen würden.»

Berner Zeitung

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