Die zehn wichtigsten Fragen rund um die Gurlitt-Erbschaft

Bern

Cornelius Gurlitt hinterlässt seine Kunstsammlung dem Kunstmuseum Bern. Wie bedeutend sind die Werke des am Dienstag verstorbenen Sammlers? Was genau steht in seinem Testament und wie geht es nun weiter? Ein Überblick.

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Stefanie Christ@steffiinthesky
Helen Lagger@FuxHelen
Oliver Meier@mei_oliver
Hans Jürg Zinsli@zasbros

1. Weshalb Bern? Das Kunstmuseum Bern ist berühmt für seine Werke der Klassischen Moderne. Gurlitts Sammlung, die Bilder von Matisse, Munch und Chagall umfasst, scheint dazu zu passen. Ob Gurlitt bei seinem Entscheid vom Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld (Gönner des Kunstmuseums) beraten wurde, bleibt offen. Verbürgt ist, dass Cornelius Gurlitt und sein Vater Hildebrand Gurlitt der Schweiz eng verbunden waren, geschäftlich und auch privat – namentlich mit dem Tessiner Künstler Karl Ballmer.

Fraglich bleibt, ob Gurlitts aus Empörung über die Behörden seine Sammlung aus Deutschland fortschaffen wollte. Denkbar wäre, dass er sich von der Schweiz eine bessere Aufarbeitung erhoffte. Peter Fischer, Direktor des Zentrums Paul Klee (ZPK), sagt: «Bei den latenten Raubkunstvorwürfen gibt es keinen besseren Ort für diese Sammlung als ein Museum, dessen Verhalten sich von ethischen Gesichtspunkten leiten lässt.»

2. Wie bedeutend ist die Sammlung Gurlitt? Zum Wert der Sammlung gibt es nur Schätzungen. Diese reichen von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag bis hin zu mehreren hundert Millionen Euro. Unklar ist, wie viele Spitzenwerke sich unter den rund 1300 Gemälden befinden. ZPK-Direktor Fischer: «Niemand kennt die Sammlung wirklich, weshalb auch ich mir ein Urteil nicht anmasse. Aber unabhängig vom Stellenwert der einzelnen Kunstwerke ist die Sammlung nur schon aufgrund ihrer Geschichte bedeutsam. Sie kann exemplarisch für die Diskussion um die Herkunft von Kunstwerken stehen, welche die Kunstrezeption und den Kunsthandel der letzten 70 Jahre mitgeprägt haben und noch prägen.»

3. Was weiss man über Gurlitts Testament? Was genau in Gurlitts Testament steht und ob es gültig ist – das sind entscheidende Fragen. Klar ist derzeit, dass Gurlitt das Kunstmuseum Bern zur Universalerbin erklärt hat. Mithin erbt das Museum neben der Sammlung auch zum Beispiel Liegenschaften. Gurlitt habe zudem verfügt, dass die Sammlung zusammenbleiben müsse, meldete die gut unterrichtete «Süddeutsche Zeitung».

Ob Gurlitts Letzter Wille juristisch gültig hinterlegt wurde, muss das Amtsgericht München entscheiden. «Wir gehen davon aus, dass das Testament im Laufe der nächsten Woche bei uns eintreffen wird. Dann wird hier der zuständige Rechtspfleger das Testament prüfen, um festzustellen, ob es ordnungsgemäss errichtet worden ist, und um festzustellen, ob der Verstorbene Erben eingesetzt hat», zitierte «Die Welt». Vertretern des Kunstmuseums ist das Testament laut einer gut unterrichteten Quelle «vorgelesen» worden. Demnächst reist nun eine Berner Delegation um Direktor Matthias Frehner nach Deutschland, um sich einen Überblick über die Sammlung zu verschaffen.

4. Welche Kosten würde die Sammlung Gurlitt verursachen, und müsste dafür die öffentliche Hand aufkommen? Eine Sammlung zu betreuen kostet viel Geld. Die Werke müssen erfasst, gepflegt und gelagert werden. Es gilt, Ausleihen zu koordinieren, Kataloge zu erstellen oder Ausstellungen zu konzipieren. Die Sammlung von Cornelius Gurlitt umfasst rund 1300 Werke, einige davon sind in schlechtem Zustand. Der Unterhalt wäre mit dem bestehenden Museumspersonal und der bestehenden Finanzierung also nicht zu bewerkstelligen.

Das Kunstmuseum will nicht auf Mittel der öffentlichen Hand zurückgreifen. Diese würde wohl auch nicht zahlen. Der Kanton Bern verfügt kaum über die nötigen Mittel . Und ob sich der Bund beteiligen würde, ist mehr als fraglich.

Das Kunstmuseum wird prüfen, ob die Kosten durch die Erbschaft gedeckt werden könnten, zumal das Kunstmuseum nicht nur die Sammlung erbt, sondern das gesamte Vermögen Gurlitts. Oder das Museum könnte einen Teil der Sammlung verkaufen – laut Frehner «kein Tabu».

5. Was weiss man über Gurlitts Vereinbarung mit dem deutschen Staat? Vor einem Monat veröffentlichten die deutschen Behörden und ein Bevollmächtigter von Gurlitt eine gemeinsame Erklärung. Darin bekannten sich alle Seiten dazu, gemeinsam die Herkunft der Gurlitt-Bilder und eventuelle Restitutionsansprüche zu untersuchen. Eine entsprechende Taskforce ist seit letztem Herbst an der Arbeit. Der Deal zwischen Gurlitt und den deutschen Behörden ist nicht in allen Details bekannt. Klar ist: Gurlitt hat eingewilligt, die Herkunftsforschung zu unterstützen. Ob diese Zusage auch für seine Erben gilt, regelt die Vereinbarung gemäss der «Welt» nicht. Erben werden in der Vereinbarung gar nicht erst erwähnt.

6. Welche Aufgabe hat die Taskforce? Und arbeitet diese nun weiter? Von den weit über tausend Bildern der Gurlitt-Sammlung werden die meisten von der Taskforce in Deutschland wissenschaftlich untersucht. Er gehe davon aus, dass die Taskforce weiterhin aktiv sei und die Vereinbarungen zwischen Gurlitt und den deutschen Behörden nach wie vor Bestand hätten, sagte der Sprecher der Taskforce, Matthias Henkel, am Donnerstag.

Das erklärte Ziel der Taskforce um die Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel ist es, ihre Arbeit innerhalb dieses Jahres abzuschliessen. Experten halten dies für unrealistisch.

7. Was geschieht mit der Sammlung Gurlitt, wenn das Kunstmuseum Bern das Erbe ausschlägt? Die nahen Verwandten von Cornelius Gurlitt – sein Vater Hildebrand, seine Mutter und seine Schwester – sind alle tot. Gurlitt soll noch einen hoch betagten Schwager in der Nähe von Stuttgart und einen auf Kuba lebenden Cousin haben. Mit beiden hatte Gurlitt nur spärlichen Kontakt. «Schlägt die Stiftung Kunstmuseum Bern das Erbe aus, so fällt dieses an die gesetzlichen, nicht pflichtteilssgeschützten Erben», sagt der Zürcher Anwalt und Kunstrechtsexperte Marc Weber. «Diese Erben werden wohl unter anderem wegen der hohen deutschen Erbschaftssteuer ausschlagen. Dann fiele das Erbe an die Bundesrepublik Deutschland.»

8. Muss das Kunstmuseum Bern Erbschaftssteuer zahlen? Sogar die Profis bei der kantonalen Steuerverwaltung mussten auf Anfrage zunächst Abklärungen zu dieser Frage treffen. Sicher ist, dass das Kunstmuseum Bern gesamtschweizerisch keine Steuern bezahlen muss. Dies aus zwei Gründen: Das Kunstmuseum profitiert im Kanton Bern von einer Steuerbefreiung, und der Wohnsitz von Cornelius Gurlitt lag zum Zeitpunkt seines Todes nicht in der Schweiz.

Nimmt das Museum das Erbe an, dürfte internationales Recht greifen. Eine allfällige Erbschaftsteuer müsste an den deutschen Staat entrichtet werden. Allfällig, weil das Kunstmuseum Bern nach einer ersten Abklärung der hauseigenen Juristin davon ausgeht, als öffentliche Institution keine Steuern bezahlen zu müssen, wie Direktor Matthias Frehner auf Anfrage erklärt. Damit bezieht er sich auf den Grundsatz der Gemeinnützigkeit: Die Tätigkeit des Museums liegt im Allgemeininteresse, wenn es das Gurlitt-Erbe in Form einer Ausstellung der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Steuerpflicht wäre damit aufgehoben.

9. Welche Auswirkungen hat die mögliche Erbschaft auf die Kooperation zwischen Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee? Das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee rücken zusammen. Zurzeit ist eine Arbeitsgruppe daran, eine Dachstiftung aufzubauen, der die beiden Institutionen spätestens ab 2016 unterstellt werden. Obwohl das Kunstmuseum Bern als Erbin eingesetzt wurde, betrifft die Erbschaft also auch das ZPK. «Aufgrund des heutigen Kenntnisstandes kann ich nicht abschätzen, was dies für unsere vereinbarte Kooperation bedeutet. Ich würde die aktuelle Situation als herausfordernde Chance bezeichnen», so ZPK-Direktor Fischer.

Marcel Brülhart, der Projektleiter der Zusammenführung, spricht von einem «möglicherweise beachtlichen» Potenzial. «Das Zentrum Paul Klee verfügt über grosses fachliches Know-how und eine ausgezeichnete Infrastruktur.»

10. Ist die Ausfuhr von Gurlitts Sammlung in die Schweiz problemlos möglich? Vermutlich nicht. Gemäss der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hat das bayerische Kulturministerium angekündigt zu überprüfen, ob Gurlitts Sammlung unter deutsches Kulturgut fällt. Wenn dies zutrifft oder wenn die Behörden ein Verfahren für einen Eintrag im Gesamtverzeichnis nationalen Kulturgutes einleiten, dürfte ein Export schwierig werden.

Erbrechtsexperte Anton Steiner vertritt jedoch in der «Welt» eine andere Ansicht: «Ob das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes greift, wenn die Bilder nicht verkauft, sondern in einem deutschsprachigen Museum ausgestellt werden, ist mehr als fraglich.»

Berner Zeitung

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