Die Wunscherfüllerin

Köniz

Regula Schwarz und ihr Team sorgen hinter der Bühne dafür, dass es den Bands auf dem Gurten an nichts fehlt. Manchmal gehen sie mit den Stars sogar baden.

  • loading indicator

Gurten, Künstlerbereich, Donnerstag Nachmittag. Regula Schwarz ist seit 8 Uhr morgens auf dem Berg, wie jeden Tag, wenn Festival ist. Zwei Kleinbusse fahren ein, Band und Crew von Milky Chance steigen aus. In ihrer Garderobe steht eine Flasche Whisky auf dem Tisch. Ingwer liegt auf einem Brettchen, daneben Zitronen, Honig, Gummibärchen, Chips. Im Kühlschrank stehen Bier, Matetee, Kokoswasser. Alles ist so, wie sich Milky Chance das vorgestellt haben.

Während vier Tagen im Jahr ist Regula Schwarz Wunscherfüllerin im Hauptberuf, seit zehn Jahren. Die Bernerin leitet am Gurtenfestival die «Artist Area», jene Zone hinter der Bühne, die exklusiv den Bands und ihren Crewmitgliedern vorbehalten ist. Im normalen Leben arbeitet Schwarz als Schulsozialarbeiterin. Das sei keine schlechte Voraussetzung für ihre Aufgaben am Festival, sagt die 34-Jährige. Dann lächelt sie.

Am Mittwochabend war die Stimmung im abgeschirmten Künstlerbereich ein paar Minuten lang nicht gut. Gorillaz-Frontmann Damon Albarn ist Engländer. Und Fussballfan. Er und seine Band hatten den WM-Halbfinal zwischen England und Kroatien verfolgt, auf einem englischen Sender. Das hatte Schwarz organisiert, wie gewünscht. England verlor. Das Resultat konnte Schwarz nicht beeinflussen. Albarn war gefrustet, so richtig. «Umso beeindruckender fand ich, welch grosse Show er fünf Minuten nach der bitteren Niederlage auf der Hauptbühne geboten hat», sagt Schwarz.

Lebende Katze

Vier bis acht Wochen bevor eine Band auf dem Gurten spielt, teilt sie den Organisatoren mit, was sie auf dem Berg braucht. Der sogenannte Hospitality Rider ist Teil des Vertrags, den die Künstler mit dem Festival abschliessen: Eine Liste, auf der steht, wie viele Garderoben die Band braucht, wie diese auszusehen haben, was sie essen und trinken will und welche Bedürfnisse sie sonst noch hat.

Hospitality Rider dürfen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, auch das ist vertraglich geregelt. «Ausser Drogen können wir fast alles organisieren», sagt Schwarz aber. In der Regel seien die Wünsche der Künstler pro­blemlos erfüllbar. Es gebe aber ­jedes Jahr Spassvögel, die zum Beispiel verlangen, dass kurz vor dem Auftritt eine lebende Katze in der Garderobe wartet. Oder dass dort ein Poster mit einem Faultier hängen muss. «Die Bands wollen testen, wie weit sie an welchem Festival gehen können», sagt Schwarz. Und eben, die Ausbildung zur Sozialarbeiterin sei keine schlechte Voraussetzung für ihren Job auf dem ­Gurten.

Die Stimmung im und ums schmucke Chalet, das den Musikern und ihren Crews auf dem Gurten zur Verfügung steht, ist aufgeräumt an diesem Nachmittag. Sofi Tukker steigt aus dem Minibus, Crewmitglieder der Prophets of Rage sitzen in der Sonne und blicken auf Bern. Vielleicht wollen sie heute noch in der Aare schwimmen. Auch das haben Schwarz und ihr Team schon möglich gemacht.

Gutes Timing

Nervös sei sie nie, sagt Schwarz. Für sie spiele es keine Rolle, wie berühmt ein Künstler sei, dessen Wünsche sie erfülle. Selfies, Anbiederung, Autogrammwünsche, das gehe alles nicht. «Ins Groupiehafte abdriften dürfen wir nicht. Wir müssen eine professionelle Distanz wahren.»

Das Schönste an ihrem Job sei es, wenn sich Künstler nach dem Auftritt persönlich für die Gastfreundschaft bedankten, sagt Schwarz. «Wenn ich spüre, dass eine Band gerne wieder auf den Gurten kommen würde, freut mich das auch nach zehn Jahren in diesem Job noch jedes Mal.»

Und ja, auch Regula Schwarz selbst, unter deren Kleid sich ein Babybauch wölbt, wird im nächsten Jahr wieder vier Tage lang im Hauptberuf Wünsche erfüllen. Ihr zweites Kind kommt im November zur Welt. Die Bernerin lacht. «Perfektes Timing, oder?»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...