Die Vermessung des Veloverkehrs

Die Stadt will bis 2030 den Anteil des Velos am Gesamtverkehr verdoppeln. Bei der Frage, wie dies gemessen werden soll, gehen die Meinungen bei Rot und Grün aber auseinander.

Wie viele Velos?sind unterwegs, woher kommen sie, wohin fahren sie weiter? Rebecca Müller erhob dies letzte Woche an der Bundesgasse.

Wie viele Velos?sind unterwegs, woher kommen sie, wohin fahren sie weiter? Rebecca Müller erhob dies letzte Woche an der Bundesgasse.

(Bild: Stefan Anderegg)

Christoph Hämmann

Hier, ein Velo. Da: noch eins. Und jetzt gleich zwei aufs Mal. Macht vier. So einfach ist es, Velos zu zählen. Doch danach wirds kompliziert. Man wolle bis 2030 den Anteil des Velos am Gesamtverkehr verdoppeln, lautet das Ziel der städtischen Velooffensive.

Bei deren Evaluation wollen die Behörden aber nicht messen, wie sich der Anteil der Velos auf den Berner Strassen verändert. Stattdessen ziehen sie zum Vergleich die «von der Stadt­bevölkerung zurückgelegten Wege» bei.

Mit anderen Worten: Gemessen wird nicht der Verkehr auf Berns Strassen, sondern das Mobilitätsverhalten der Stadtbevölkerung. Das kann zu einem paradoxen Ergebnis führen: Wenn wegen vieler Pendler, die mit dem Auto in die Stadt fahren, der Anteil der Autos auf Berns Strassen stetig höher wird, die Stadtbevölkerung aber – egal, wo – deutlich mehr Velo fährt, dann könnte das quantitative Ziel der Offensive als erfüllt ausgewiesen werden – obwohl es für Velos auf Berns Strassen enger denn je wäre.

«Hiesiger Verkehr relevant»

Das sei am Ziel vorbei gemessen, findet GB-Stadträtin Regula Tschanz. «Für die Lebensqualität in Bern ist es nicht relevant, wie sich ein Berner in Zürich bewegt», sagt sie. «Ent­scheidend ist vielmehr, wie sich der Verkehr auf unseren Strassen zusammensetzt. Das ist das, was Lärm, Feinstaubbelastung oder Verkehrs­sicherheit in Bern ausmacht.»

Bei der laufenden Revision des Reglements über die Förderung des Fuss- und Veloverkehrs verlangt das Grüne Bündnis deshalb, dass die Förderungsmassnahmen anders gemessen werden, als dies die Stadt vorschlägt.

Ob die beabsichtigte «Umlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf den Fuss- und Veloverkehr» gelinge, soll nach Ansicht von Tschanz nicht anhand des Verhaltens der Stadtbevölkerung gemessen werden. Als Alternative schlägt ihre Partei folgende Formulierung vor: «Die Stadt ergreift die erforderlichen Massnahmen dafür, den Anteil des Veloverkehrs in Bern zwischen 2017 und 2030 zu verdoppeln.»

Um dies messen zu können, braucht es laut Tschanz mehr Messstellen (siehe auch Zweittext). Andere Städte seien in der Anwendung solcher Stellen «deutlich weiter» als Bern. Für den Vergleich verschiedener Städte sei es sinnvoll, auch künftig Daten zum Verhalten der Bevölkerung aus dem «Mikrozensus Mobilität» zu verwenden. «In der Stadt selber braucht es aber andere Daten dafür, zu erheben, ob die Velooffensive verfängt.»

Gemeinderätin Ursula Wyss (SP), deren Direktion die Offensive angestossen hat, verteidigt die gewählte Messgrösse aus dem «Mikrozensus Mobilität». Diese Daten seien «zuverlässig mess- und vergleichbar», sagt Wyss.

Es sei richtig, das Mobilitätsverhalten der Bernerinnen und Berner zu messen. «Wir können die eigene Bevölkerung beeinflussen. Für andere kann die Stadt bloss versuchen, Anreize zu schaffen.»

«Region im Blick»

Bei ihrer Velooffensive habe die Stadt aber durchaus auch die Region im Blick, betont Wyss. «Je besser die Infrastruktur in der Stadt ist, desto mehr Menschen pendeln auch von auswärts mit dem Velo oder dem E-Bike in die Stadt», sagt sie.

In diesem Punkt sind sich Wyss und Tschanz einig. Letztere hat vor drei Jahren im Stadtrat drei Vorstösse eingereicht, in denen sie nicht nur eine Verdoppelung des Veloverkehrs und mehr Zählstellen verlangt, sondern auch eine intensivere Zusammenarbeit der Stadt mit den um­liegenden Gemeinden.

«Von 100'000 Personen, die täglich nach Bern pendeln, tun dies 40 Prozent mit dem Auto oder dem Motorrad», sagt Tschanz. «Das ist ein riesiges Potenzial.»

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