Die TGV-Frau und der Oscar

Ferenbalm-Gurbrü

Sie winkte jahrelang dem vorbeifahrenden TGV zu. Nun blickt Sonja Schmid gespannt auf das Wochenende: Wird «La femme et le TGV» einen Oscar gewinnen?

Sonja Schmid vor dem Plakat zum Film, der ihre Geschichte erzählt.

Sonja Schmid vor dem Plakat zum Film, der ihre Geschichte erzählt.

(Bild: Urs Baumann)

Stephan Künzi

Die Spannung steigt, und der Puls geht höher, je näher der grosse Moment rückt. Sonja Schmid sagt es offen. In der Nacht auf Montag wird sich in Los Angeles entscheiden, ob «La femme et le TGV» den Oscar für den besten Kurzfilm gewinnt. Im Film selber spielt zwar die britisch-französische Schauspiellegende Jane Birkin die Hauptrolle, doch im Geschehen auf der Leinwand steckt auch sehr viel von der 53-Jährigen aus Ferenbalm-Gurbrü.

Jahrelang stand sie am Fenster ihres Hauses an der BLS-Linie nach Neuenburg und winkte den vorbeifahrenden TGV-Zügen zu. Das von den Lokführern allseits geschätzte Ritual hatte so lange Bestand, bis der französische Superzug ­unvermittelt eine andere Route nahm und vom Gleis im Westen Berns verschwand.

Auch Jane Birkin winkt am Fenster, und auch sie muss von einem Tag auf den anderen ohne den TGV auskommen. Der Zürcher Regisseur Timo von Gunten hat sich von der Geschichte aus Ferenbalm-Gurbrü inspirieren lassen, von der die breite Öffentlichkeit erst dank eines BZ-Artikels erfahren hat.

Als vor Monatsfrist definitiv feststand, dass «La femme et le TGV» die Nomination für den Oscar geschafft hat, war Sonja Schmid sprachlos. Sie hätte sich nie träumen lassen, dass ihr einfaches Handzeichen derart Kreise ziehen würde.

Nicht nur von ihren Bekannten wird sie auf den Film angesprochen, nachdem weitere Medien über die TGV-Frau aus Ferenbalm-Gurbrü berichtet haben, schauen auch wildfremde Leute erstaunt auf. Passiert ist es gerade erst beim Einkaufen, als ihr die Frau an der Kasse lange Blicke zuwarf und dann schüchtern nachfragte, ob sie nicht Sonja Schmid sei.

Ende April wird Schmid auch an einer Filmmatinee auftreten. Das Kino Murten zeigt zuerst «La femme et le TGV», danach wird sie dem Publikum erzählen, wie es wirklich war, als der TGV noch bei ihr vorbeifuhr und sie den Lokführern zuwinkte.

Vertreterin des Regisseurs

Und Los Angeles? Nein, sagt Sonja Schmid und lacht, zu einer Reise an die Oscarverleihung habe es doch nicht gereicht. Das sei nicht weiter verwunderlich. Für jeden nominierten Film stehe nur eine beschränkte Anzahl Eintrittskarten zu Verfügung, und da verstehe es sich von selber, dass sie nicht an erster Stelle der Eingeladenen stehe.

Umso mehr freut sie sich auf einen Anlass in Bern von heute Freitagabend. Thema hier ist der Schweizer Filmpreis, für den «La femme et le TGV» ebenfalls im Rennen ist. Als offizielle Vertreterin von Timo von Gunten, der mit seiner Crew bereits nach Los Angeles abgereist ist, wird sie die Nominationsurkunde in Empfang nehmen.

Kribbeln wird grösser

Die Oscarverleihung selber wird Sonja Schmid nur im kleinen Kreis erleben. Mit Kollegen stimmt sie sich am frühen Sonntagabend auf die kommende amerikanische Nacht ein. In den ­frühen Stunden des Montagmorgens, wenn es in Los Angeles erst Abend ist und die grosse Gala losgeht, schaltet sie dann den Fernseher ein – und fiebert mit einem Kribbeln im Bauch dem Moment der Entscheidung entgegen.

Der Trailer zu «La femme et le TGV». Quelle: Youtube

Berner Zeitung

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