Die Telefonkabine stirbt aus

Vor 30 Jahren gehörten Telefonkabinen zum Leben wie die monatlichen Bareinzahlungen am Postschalter. Das Bundesamt für Kommunikation hat nun angezeigt, die öffentlichen Fernsprecher aus der Grundversorgung zu streichen.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Das wohl berühmteste öffentliche Telefon der Stadt, wenn nicht sogar des Kantons Bern war kein gewöhnliches Telefon. Man konnte damit nämlich keine Anrufe tätigen, sondern nur solche entgegennehmen.

Es war ein schwarzer Apparat, festgemacht an einer Sandsteinsäule beim Haupteingang des Kaufhauses Loeb in Bern, beim sogenannten Loeb-Egge. Gut 15 Jahre lang tat der Apparat seine Dienste, bis er von den Mobiltelefonen endgültig in den Ruhestand geschickt wurde.

Was es mit dem Loeb-Egge-Telefon auf sich hatte, erklärt der ehemalige Kaufhaus-Patron François Loeb: «Der Loeb-Egge war schon immer ein beliebter Treffpunkt, ein Ort, wo man sich verabredete», sagt er.

Vor der Mobiltelefonzeit habe er oft Leute beobachtet, die vor dem Loeb verzweifelt auf und ab gingen und immer wieder auf die Uhr schauten. «Denen wollten wir helfen», so Loeb. «Wir installierten den Apparat, damit jene, die für eine Verabredung spät dran waren, anrufen konnten, um es dem Wartenden mitzuteilen.» Tagsüber nahmen die Angestellten die Anrufe entgegen.

Wenn das Kaufhaus aber geschlossen war, ging ran, wer gerade dort stand und rief dann lauthals den Namen der gewünschten Person in die Menge. «Die Berner haben da sehr aktiv mitgemacht», rühmt François Loeb.

Anfang des neuen Jahrtausends verstummte das Telefon am Loeb-Egge. Jetzt begann das Sterben der öffentlichen Apparate. Es lief umgekehrt proportional zur Vermehrung der Handys ab. In den letzten 20 Jahren sind im Kanton Bern 1655 Kabinen verschwunden. Und nun verlieren sie auch noch ihre staatliche Überlebensgarantie (siehe Infobox). Die Zahlen zeigen es: Telefonkabinen werden mehr und mehr überflüssig.

Das ist schade. Denn Telefonkabinen erzählen Geschichten. Jeder hat seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen mit ihnen. Deshalb sind sie viel mehr als einfache Fernsprecher. In ihnen gingen Beziehungen zu Ende oder nahmen ihren Anfang. Sie gaben Schutz vor Wind und Wetter.

Sie waren ideal für Telefonstreiche. Sie konnten als Nachtlager dienen oder als Drogenumschlagplatz oder beides. Und nicht nur das. Sie sind auch Symbol für eine andere Zeit. Sie erinnern uns daran, dass Telefonieren auch Privatsache sein kann oder dass es noch ein Leben gab ohne ständige Erreichbarkeit.

Natürlich war es auch mühsam mit ihnen. Sie stanken nach kaltem Zigarettenrauch, nach Bier oder Schlimmerem. Im Sommer war es in ihnen wie in einem Schwitzkasten.

Dann brauchte man das nötige Kleingeld, und wenn man es hatte, fiel der Fünfzigräppler durch. Man rieb die Münze am metallenen Gehäuse und versuchte es nochmals und abermals, nur um dann entnervt die Kabine zu wechseln.

Oder später, als die Taxcards kamen. Immer war das Guthaben aufgebraucht und kein Kiosk weit und breit. Oder die Sache mit den Telefonbüchern: Immer fehlte genau die Seite, die man dringend benötigt hätte. Und wenn man einmal an alles gedacht hatte, war mit Sicherheit der Hörer kaputt oder das Kabel durchgetrennt. Das öffentliche Klingeln ist verhallt. Was bleibt, sind Erinnerungen. Auch wenn wir seit Jahren keine mehr benützt haben, wir kennen die verschiedenen Modelle. So etwa die sogenannten Kassierstationen, die klassischen Münztelefone in Wirtshäusern.

Oder die Litfasssäulen, dunkle Kammern umringt von Werbeplakaten. Oder dann später das Modell Tobtel, von der Firma Tobler aus St. Gallen: Das graue Metallgehäuse erdbebensicher und mit abgeschrägten Ecken. Davon gab es auch ein Modell «Altstadt» mit eingebautem Sprossenkreuz und somit total 24 kleinen Fenstern.

Die Liste ist endlos. Es gab jene Kabinen, die oft neben Poststellen tief in die Mauer eingebaut waren, in denen man sich vorkam wie in einem steinernen Sarg, und das Gelächter und die Schreie von Vorgängern widerhallten noch von den Wänden.

Die Ära der Telefonkabinen ist vorbei, genauer: jene der Apparate. Denn die Kabinen kann man neu beleben. Im Café des Pyrénées in der Altstadt etwa wurde die Telefonkabine 2010 in ein Fumoir umgewandelt.

Und die alte Telefonsäule in der Schifflaube im Mattequartier in Bern wird seit ein paar Jahren vom Naturhistorischen Museum mit kleinen Ausstellungen bespielt. Im Tessin wurde eine Kabine in eine öffentliche Bibliothek verwandelt, in England wurde eine ausrangierte Phonebox kurzerhand zum Pub. Der Zweckentfremdung darf also freien Lauf gelassen werden.

Berner Zeitung

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