Mittelhäusern

Die Tagesmutter kann aufatmen

MittelhäusernHeidi Mazzolini ist Tagesmutter aus Leidenschaft: Sie bietet den Kindern nicht nur Spielsachen, sondern auch emotionale Unterstützung. Seit Dienstag ist klar, dass sich dieses Engagement wohl auch in Zukunft lohnen wird.

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Pippi Langstrumpf und Co. würden sich bei Heidi Mazzolini wohlfühlen. Nicht nur, dass ihr Haus in Mittelhäusern mit seinen verschiedenfarbigen Zimmern an die Villa Kunterbunt erinnert, auch sonst ist es ein Paradies für Kinder.

Plüschtiere, Musikinstrumente und ein rotes Schaukelpferd sind nur einige der Spielsachen, die sich über die vier Stockwerke verteilen.«Ich besitze über 300 Kinderbücher», gibt Mazzolini schmunzelnd ein Beispiel für die Viel­fältigkeit. Nur elektronisches Spielzeug sucht man beinahe vergebens. «Den Fernseher mache ich nur selten an», so Mazzolini.

Stattdessen liest sie ihren Schützlingen jeden Nachmittag eine Geschichte vor – einer der seltenen Momente, in denen Ruhe im Haus einkehrt.

Dann verziehen sich die beiden älteren Jungs, Yannis und Naim, mit ihren Fahrrädern ins Freie, und der dreijährige Elyas und die vierjährige Juli machen es sich neben ihrer Tagesmutter gemütlich. Und während sie gespannt der Geschichte lauschen, gesellt sich auch Katze Coco zur Runde und geniesst die Streicheleinheiten der Kinder.

Weniger Geld für Tageseltern

Als Vollzeit-Tagesmutter betreut Heidi Mazzolini die Sprösslinge von anderen Familien tagsüber bei sich zu Hause. Insgesamt sieben Kinder sind ihr zugewiesen, jeweils vier davon sind gleichzeitig zu Besuch.

Diese Rasselbande zu verpflegen, ist schon an sich keine einfache Angelegenheit. Wäre es nach dem Regierungsrat gegangen, hätte sich die Betreuung der Kinder künftig sogar noch schwieriger gestaltet.

Dieser wollte den Tarif für schulpflichtige Kinder um ein Viertel senken. «Dann wäre ich nur noch für drei der vier Kinder bezahlt worden, welche den Tag bei mir verbringen», verdeutlicht Mazzolini.

Sie steht als Beispiel für eine Vielzahl Betroffener: Mehr als 3500 Kinder wurden 2015 von Tageseltern während insgesamt 1,5 Millionen Stunden betreut.

Kein Wunder also, dass das Vorhaben im Umfeld von Tageselternvereinen auf Widerstand stiess: Eine Flut von Protestbriefen wurde an den Kanton versendet. Am Dienstag nun pfiff auch der Grosse Rat den Regierungsrat ­zurück.

Die ­Erleichterung über diesen Entscheid ist auch bei Heidi Mazzolini gross: «Wenn man bedenkt, wie viel wir Tageseltern leisten, war dies sicher die richtige Entscheidung.»

Rundum glückliche Kinder

Heidi Mazzolinis Tage sind lang: Die 52-Jährige steht jeweils um halb sechs Uhr auf, um alles für das Eintreffen der Kinder vorzubereiten. Nach dem gemeinsamen Frühstück um sieben Uhr besuchen die Älteren die Schule in Mittelhäusern in der Gemeinde Köniz.

Dafür müssen sie nur kurz den Hang hinter Mazzolinis Haus hochkraxeln, und schon sind sie auf dem Pausenhof. Auch am Mittag bereitet Mazzolini ein Menü zu, ausserdem gibt es bei ihr ein Zvieri und manchmal sogar – je nach Absprache mit den Eltern – auch Abendessen.

Zu Mazzolinis Aufgaben gehört aber weitaus mehr als nur das Zubereiten von Mahlzeiten: Sie hilft den Kindern bei den Hausaufgaben, sorgt für ein abwechslungsreiches Tagesprogramm und gibt Hilfestellung, wenn einer ihrer Schützlinge ein Problem hat oder traurig ist.

«Ich mache halt alles, damit die  Kinder rundum glücklich sind.»Heidi Mazzolini, Tagesmutter

«Ich mache halt alles, damit die Kinder rundum glücklich sind», meint sie. Diese Einstellung zeigt sich auch darin, dass Mazzolini jeweils von «ihren» Kindern spricht, wenn sie von den Abenteuern und Spinnereien der Tageskinder erzählt.

Die Nachfrage ist riesig

So harmonisch, wie Heidi Mazzolini und ihre Tageskinder miteinander umgehen, könnte man vermuten, dass sie schon seit vielen Jahren in diesem Beruf tätig ist. Dem ist aber nicht so: Noch nicht einmal seit einem Jahr hat sie ihr Zuhause für Tageskinder geöffnet.

Früher war es Mazzolinis eigener Nachwuchs, der Leben in das Haus brachte. Ihre drei Kinder sind aber mittlerweile erwachsen und ausgezogen – geblieben ist ihr Spielzeug, welches heute wieder Verwendung findet.

Davor führte Mazzolini lange einen Gastrobetrieb in Schwarzenburg. Diesen musste sie jedoch vor zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Um sich finanziell weiterhin über Wasser zu halten, entschied sie sich dazu, Tagesmutter zu werden.

«Das passt eigentlich viel besser zu mir als das Wirten», sinniert sie heute, «schliesslich wollte ich schon von klein auf immer etwas mit Kindern tun.»

Noch lohnt sich das Rechnen

Seit Oktober arbeitet Mazzolini als Tagesmutter für die Organisation Kibe plus, deren Hauptsitz in Köniz liegt. Lange auf Kunden warten musste sie nicht: «Die Nachfrage war riesig. Innerhalb weniger Tage waren alle meine Plätze vergeben.» Auch wenn die Nachfrage nach Tageseltern gross ist, deren Lohn hält sich im Kanton Bern in Grenzen.

6.60 Franken brutto erhält Mazzolini pro Kind pro Stunde. «Das ist gerade genug, um irgendwie durchzukommen», erzählt sie. Zudem erhält sie eine Mahlzeitpauschale. Bei Ausflügen klärt sie jeweils mit den Eltern der Kinder ab, ob und wie diese die Unkosten rückvergüten.

Trotzdem gehe es nicht ohne Planung, erklärt sie: «Jeden Samstag setze ich mich hin und rechne die kommende Woche durch. Dann überlege ich mir einen Menüplan und schaue, was alles noch im Budget liegt.» Seit dem gestrigen Entscheid des Grossen Rates nun hat Mazzolini zumindest die Gewissheit, dass sich diese Rechnerei auch in Zukunft lohnen dürfte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.03.2017, 06:05 Uhr

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