Die Suche nach der russischen Seele

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die Sachen sind gepackt: Laura Fehlmann macht sich auf, rund 6150 Kilometer mit ihrem Velo in Russland zurückzulegen.

Die Sachen sind gepackt: Laura Fehlmann macht sich auf, rund 6150 Kilometer mit ihrem Velo in Russland zurückzulegen.

(Bild: Raphael Moser)

Heute radeln wir von Kiew, Hauptstadt der Ukraine, nordostwärts in Richtung Russland. Wir, das sind neben mir meine Freunde Rudolf Burger und Dres Balmer, pensionierte Journalisten und passionierte Velofahrer wie ich. Ein GPS haben wir nicht dabei, bloss drei riesige Russland-Karten im Massstab von 1 zu 2 Millionen. Mit diesen Karten aus dem Strassenlabyrinth von Kiew den Weg nach Hluchiv zu finden, dürfte nicht einfach sein.

Der Grenzort Hluchiv liegt 300 Kilometer von Kiew entfernt in Russland, an der Hauptstrasse nach Omsk. Gemäss Google Maps sind zwischen Kiew und Omsk 3350 Kilometer. Deshalb dürfte die Frage «Entschuldigen Sie bitte, wo ist die Strasse nach Omsk?» bei den Angesprochenen für Erstaunen sorgen.

Dazu kommt, dass sich vermutlich kein Ukrainer freuen wird, dass wir sein Land verlassen, um Russland zu durchqueren, das Land des Feindes. Das ist verständlich. Aber nach all den Jahren, in denen ich die Ukraine besucht und lieb gewonnen habe, will ich jetzt die russische Seele suchen – und finden.

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps

Die Idee, durch Russland nach Sibirien an den Baikalsee zu reisen, wälze ich schon seit Jahren in meinem Kopf. Entstanden ist sie, als ich die russische Literatur entdeckte und mich in die Werke von Tolstoi, Puschkin, Gorki und Dosto­jewski vertiefte. Obschon die Autoren von gewaltigen sozialen Gegensätzen, Zwangsarbeit, Krieg und bitterer Armut erzählen, entstanden beim Lesen wunderbare Bilderbogen vor meinem geistigen Auge.

Ich spürte das, was man die russische Seele nennt, und begann von der unendlichen Weite Sibiriens zu träumen. Und jetzt ist es so weit. In gemächlichem Tempo werde ich mich durch Millionenstädte kämpfen, Dörfer und ihre Menschen kennen lernen, Blumen- und Gemüsegärten und den Baikalsee sehen – das grösste Süsswasserreservoir der Erde.

Allen romantischen Vorstellungen zum Trotz weiss ich, dass Russland ein modernes Land ist. Ausser den russischen Klassikern habe ich auch Bücher heutiger Autoren gelesen, die ihr Land kritisch beschreiben. Etwa der Weissrussin Svetlana Alexejewitsch und der russischen Journalistin Anna Politowskaja, die unter ungeklärten Umständen ermordet wurde.

Auch das ist Russland: brutaler Machthunger, Zensur und Diktatur. Zuerst litten die Menschen unter den Zaren, dann unter den Kommunisten, heute unter Putin. Aber Russland bleibt Russland, die Menschen sind Überlebenskünstler. Das Land ist zu gross, um von den Mächtigen vollständig kontrolliert zu werden.

Ich mache mir keine Illusionen: Russland ist keine heile Welt und schon gar nicht überschaubar, sondern mit seinen über 17 Millionen Quadratkilometern Fläche eher etwas wie ein Kontinent. Russland ist Moderne und Tradition, Schwermut und Leichtigkeit, warme Gastfreundschaft und Frost.

In drei Monaten werden wir radelnd einen kleinen Teil davon kennen lernen. Ich freue mich,im Wald das Zelt aufzustellen, morgens in einem Fluss zu baden und den Vögeln zuzu­hören. Das ist für mich echtes Reisen, ein wenig so, wie es Jules Verne im «Kurier des Zaren» beschreibt.

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