Die Störche bleiben noch etwas in Bern

Das Storchennest auf dem Kamin des Pferdezentrums ist immer häufiger leer. Die Störche sind aber noch nicht ausgeflogen – sie reisen erst im September nach Spanien. Das Jungtier hingegen hat sich bereits von seinen Eltern getrennt.

Donnerstag, 5.55 Uhr: Das Storchenpärchen verweilt in seinem Nest.

Donnerstag, 5.55 Uhr: Das Storchenpärchen verweilt in seinem Nest.

(Bild: zvg)

Sheila Matti

Donnerstag, 27. Juli: Seit längerem verbringt das Berner Storchenpärchen mal wieder eine Nacht in seinem Nest auf dem Kamin des Pferdezentrums an der Papiermühlestrasse. Der Besuch dauert nur einige Stunden: Um 6 Uhr zeigt die Kamera wieder ein leeres Nest.

Dieses Jahr konnte man das Leben der Störche hautnah via Webcam mitverfolgen; man sah das Pärchen eintreffen, Eier legen und ausbrüten und konnte dem Jungtier beim Aufwachsen zusehen. Doch nun, da sich der Sommer immer mehr dem Ende zuneigt, verbringen die Störche weniger Zeit in Bern. Manchmal verschwinden sie für mehrere Tage, was andere Medien zu schreiben veranlasste, die Störche hätten sich bereits auf den Weg nach Süden gemacht.

Das Jungtier habe das Nest tatsächlich schon seit einigen Wochen verlassen, weiss Peter Enggist, Geschäftsführer der Organisation Storch Schweiz: «In den nächsten Wochen wird sich der junge Storch, zusammen mit anderen Jungvögeln, auf den Weg nach Spanien machen.» Auch seine Eltern werden sich irgendwann mit ihren Artgenossen versammeln und gen Süden ziehen – im Gegensatz zu den Jungvögeln brechen die älteren Tiere aber erst Anfang September auf.

Algerische Vögel

Im Gegensatz zum letzten Jahr war es heuer ein guter Sommer für die majestätischen Vögel; während es letzten Frühling stark regnete, zeigte sich Petrus dieses Jahr gnädig und bescherte dem Berner Storchenpärchen einen trockenen und warmen Sommer.

Ideales Klima für die Küken, erklärt Enggist: «Die Tiere mögen es lieber warm als kalt. Das hat mit ihrem Herkunftsort zu tun: Ursprünglich stammen die Vögel aus Afrika.» Früher verbrachten die Tiere den Winter jenseits des Mittelmeers, heute ziehen sie nur noch bis Spanien.

«Das hat mit der Geschichte der Schweizer Störche zu tun», erklärt Enggist: Nachdem der Weissstorch in der Schweiz ausgerottet wurde, siedelte man in den 50er-Jahren algerische Tiere an. «Um den Zusammenhang zwischen Abstammung und Zugverhalten genauer zu untersuchen, sammeln Wissenschaftler seit längerem DNA-Proben von Jungtieren», sagt Enggist.

So auch vom Berner Nachwuchs: Als dieser Anfang Juni mit einem Ring markiert wurde, riss man ihm auch eine Feder aus. «Diese wird im Spätherbst, zusammen mit vielen anderen Proben, in Belgien ausgewertet», erzählt Enggist.

Kanadische Fans

Die DNA-Untersuchung könnte auch eine weitere Unbekannte klären: Welches Geschlecht hat das Berner Jungtier eigentlich? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Bernerinnen und Berner, ­sondern wird auch in Kanada gestellt.

Der Berner Storch hat nämlich Fans in Nordamerika: Eine Schulklasse aus Haliburton, einem Dorf nordöstlich von Toronto, meldete sich bei der Redaktion dieser Zeitung und teilte mit, dass sie das Leben des Berner Storchs regelmässig via Webcam verfolge. Die Kinder übernahmen auch gleich die Namens­gebung für den jungen Storch und tauften ihn Soleil.

Peter Enggist ist zuversichtlich, dass sich die Geschichte des Storchs nächstes Jahr wieder­holen wird. Die Tiere seien nämlich sehr nesttreu und tendierten dazu, im Frühling wieder denselben Nistplatz anzusteuern. Nur Soleil wird sich wohl ein eigenes Nest bauen müssen.

Berner Zeitung

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