Die stillen Tage im Bordell

Münchenbuchsee

Zurzeit ist nicht viel los im neu eröffneten Bordell im ehemaligen Motel an der Lyssstrasse bei Münchenbuchsee. Nun hat der Chef des Clubs Paradiso zur Betriebsbesichtigung eingeladen.

Peter Steiger

«Eigentlich möchte ich lieber in einem Altersheim arbeiten», sagt Nastasia Frei. «Aber hier ist es auch gut.» Sie ist gebürtige Bulgarin mit Schweizer Pass. Und Prostituierte im Club Paradiso bei Münchenbuchsee.

Diese Zeitung berichtete, dass im früheren Motel wieder Prostituierte arbeiten. Letztes Jahr schlossen die Behörden dort den Club 3000. Die Justiz wirft den Betreibern des Clubs 3000 vor, das Gastwirtschaftsgesetz gebrochen zu haben.

Der Geschäftszweck im neuen Club Paradiso ist der gleiche: Sex. Das Geschäftsmodell aber ist anders. Früher waren die Sexarbeiterinnen angestellt. Jetzt sind sie selbstständig. Alles sei legal, schrieb diese Zeitung, doch sei der Betreiber nicht auffindbar. Nun hat sich Daniel Reinhard gemeldet und zum Besuch eingeladen.

Ohne Prozente

Die Stimmung in der Kontaktbar ist wie erwartet: schummrig. Eine Minibühne hats und drauf tatsächlich eine Stange. «Halt, hier wird nicht mehr getanzt», sagt Daniel Reinhard und erklärt, was hier abgeht: Die Frauen bezahlen 100 Franken pro Tag fürs Zimmer. Dafür bekommen sie Hotelservice ohne Frühstück: Die Putzfrau bringt täglich neue Bett- und Frotteewäsche. Er schliesse keine Verträge mit den Frauen, sagt Reinhard. Er beeinflusse ihr Angebot nicht und nehme keine Prozente. Die Sexarbeiterinnen wiederum seien nicht am Umsatz der Bar beteiligt.

Reinhard ist ein kleiner, rundlicher Mann, fröhlich und freundlich. So stellt man sich einen Wirt vor. Er wirkt eher wie ein Altrocker als wie ein Bordellbetreiber, kein Goldketteli, kein fetter schwarzer BMW. Er sei gelernter Koch, sagt er. Die letzten Jahre habe er in Nightclubs gearbeitet. Nun leitet er wieder einen Erotikbetrieb. 5 Franken kostet das Bier an der Bar, 25 Franken das Cüpli.

Nachtklubpreise sind das. Aber von der grossen sündigen Nightlife-Ambiance ist nicht viel zu spüren. Auch die Zimmer sind eher miefiger Durchschnitt als Lasterhöhlen der Fleischeslust. 30 Räume hat das Motel. Die Hälfte hat Reinhard renovieren lassen. Zwischen fünf und zehn Lokale sind vermietet, am Ende der Woche ist mehr los als am Anfang. Um die Zimmer und Betten zu füllen, werben die Frauen über Sexportale. Ihre Tarife beginnen bei 150 Franken und sind nach oben ziemlich unbegrenzt.

Ohne Zuhälter

Nastasia Frei arbeitet und lebt fünf Tage pro Woche hier. Sie hat eine Wohnung in Luzern, geht ins Fitness, bezahlt Steuern. Sie hat einen AHV-Ausweis. Aber keinen Zuhälter. «Wozu auch», sagt sie. «Der Chef macht das gut.» «Stimmt» bestätigt ihre Kollegin mit dem Künstlernamen Valentina Brigitta. Ein Bordellbetreiber habe einst von ihr Sex gewollt. Na und? «Ohne Bezahlung!»

Im Rotlichtmilieu ist nicht alles im grünen Bereich. «Bei mir schon», wirbt Reinhard. «Keine Drogen, kein Menschenhandel, keine Zuhälter.» Man muss es ihm glauben, kontrollieren kann man es nicht. Schwierigkeiten mit Kunden habe er kaum. «Und wenn, werde ich selbst mit ihnen fertig.»

Ein halbes Dutzend Autos standen vor dem Besuch auf dem Parkplatz, die Kleinwagen der Sexarbeiterinnen. Jetzt, am Schluss, sind ein paar weitere da, Mittelklasse. «Schade, heute ist wenig Betrieb», sagt Nastasia Frei. «Mieses Wetter.» Der Schnee dämpft Reiselust und Triebe.

Berner Zeitung

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