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«Die ständigen inneren Konflikte sind seit 1987 der Motor der Reitschule»

Ein grosser Teil des Publikums habe keine Ahnung, wie die Reitschule funktioniere, sagt der 22-jährige Lorenz Nussbaum. Er engagiert sich im Sicherheitsteam und wie Sandro Wiedmer (50) im Dachstock. Zum Jubiläum «25 Jahre Reitschule» reden sie über Reitschule-Kritik, verklärte Vergangenheit und Flaschenwürfe.

Wolf Röcken
1987: Die Reitschule öffnet ihre Tore nach fünfjähriger Schliessung wieder. An einem?grossen Fest erobern Zehntausende den Freiraum Reitschule. Dieses Ereignis wird mit dem Reitschule-Fest an diesem Wochenende gefeiert.
1987: Die Reitschule öffnet ihre Tore nach fünfjähriger Schliessung wieder. An einem?grossen Fest erobern Zehntausende den Freiraum Reitschule. Dieses Ereignis wird mit dem Reitschule-Fest an diesem Wochenende gefeiert.

Wo waren Sie, als die Reitschule 1987 besetzt wurde?Sandro Wiedmer: (schmunzelt) Dabei. Als der damalige städtische Polizeidirektor Marco Albisetti seine Rede vor dem grossen Tor hielt, stand ich neben ihm. Wir wollten Raum für alternative Kultur und für junge Leute erkämpfen. Kurz darauf fing ich an, mich in der Reitschule zu engagieren. Erst im Kino, später im Konzertlokal Dachstock.

Lorenz Nussbaum, Sie waren zur Zeit der Besetzung noch nicht geboren. Was wissen Sie darüber?Lorenz Nussbaum: Ich habe Respekt und Bewunderung davor, was die Leute damals machten. Was ablief, kenne ich aus Erzählungen beim Feierabendbier. Persönlich ist mir diese Vergangenheit nicht so wichtig. Mir ist es wichtiger, Probleme im Hier und Jetzt anzuschauen, als zum x-ten Mal auf die Anfangszeiten zurückzublicken.

Warum engagieren Sie sich in der Reitschule?Nussbaum: Für mich ist die Reitschule ein kleines Utopia. Nach der Schule begann ich zu arbeiten und hatte unmögliche Chefs. Ich war der Gibmer, Häbmer, Bringmer. Der, der nichts kann und nichts wert ist. Wenn ich eine Idee hatte, interessierte das niemanden. In der Reitschule kann man aufgrund der Strukturen gar nicht überhört werden, wenn man sich engagiert. Deine Stimme zählt etwas, das gefällt mir.

Wiedmer: Hier habe ich Freiheit für das, was ich machen will, es gibt Raum für Eigeninitiative und flache Strukturen. Und es ist ein politisches Statement, wenn man sich hier engagiert.

Ein Statement wofür?Wiedmer: Für einen Ort, der sich selber verwaltet und in dem Alternativkultur Platz hat. Und ein Statement gegen Konsumzwang, Repression und Unterdrückung.

Fühlen Sie sich persönlich angegriffen, wenn die Reitschule in der Kritik steht?Nussbaum: Mmmh, schwierig, zum Teil sicher. In Diskussionen kann ich die Leute aber meistens von meiner Sichtweise und von der Bedeutung der Reitschule überzeugen

Bei grundsätzlichen Kritikern der Reitschule?Nussbaum: Gut, plumpe, unreflektierte Kritik kann ich nicht ernst nehmen. Aber ich stelle fest: Die meisten Leute, die über die Reitschule sprechen, haben keine Ahnung davon, was hier eigentlich läuft. Dazu zähle ich auch grosse Teile des Reitschule-Publikums. Wenn sich jemand mit der Reitschule auseinandersetzt, lasse ich mich aber gerne auf eine kritische Diskussion ein. Daran kann man ja wachsen.

Herr Wiedmer, Sie haben sicher schon unzählige solcher Diskussionen geführt. Wann wächst man aus dem Reitschule-Alter heraus?Wiedmer: Das ist eine alte Diskussion. Wir Älteren möchten schon lange ein Bauernhaus kaufen und eine Alters-WG machen. Dafür müssten wir die Eintrittspreise massiv erhöhen, damit wir uns das leisten könnten (lacht). Nein, ganz so ernst ist die Idee nicht. Engagement in der Reitschule hat nichts mit dem Alter zu tun. Aber man wird mit der Zeit zur Ansprechperson für Jüngere.

Denken Sie wehmütig an alte Zeiten zurück?Wiedmer: Nein. Früher war nicht alles besser, es war einfach anders. Und es war früher nicht alles grundpolitisch. Spass spielte auch damals eine Rolle.

Früher warf man Geld in eine Topfkollekte. Heute zahlt man in der Reitschule Eintritt wie überall. Ideale mussten weichen.Wiedmer: Das ist so. Aber einschneidender als der Eintritt war etwa die Einführung von Löhnen. An der Motivation hat sich dadurch nichts geändert. Aber es ist ehrlich gesagt angenehm, etwas Geld zu erhalten.

Nussbaum: Dass es im Dachstock-Kollektiv Lohn gibt, ermöglicht mir, öfter hier zu arbeiten. Ich muss ja Geld verdienen, habe Auslagen. Die Anerkennung ist für mich nicht der Lohn, sondern das Zwischenmenschliche.

Gibt es Probleme zwischen den einzelnen Gruppen in der Reitschule?Wiedmer: Es ist konstant, auch konstant schwierig. Aber die ständigen inneren Konflikte sind der eigentliche Motor der Reitschule – seit ihrem Bestehen.

Nussbaum: Die Reitschule ist eine Ansammlung von AGs unter einem Dach. Die Reitschule gibt es nicht.

Der aktuell wieder diskutierte Leistungsvertrag wird aber zwischen Stadt und Reitschule als Ganzem geschlossen. Er macht also keinen Sinn?Wiedmer: Nein, nicht wirklich. Im Vertrag steht festgehalten, was wir ohnehin machen, nicht mehr und nicht weniger. Früher hatten wir einen Gebrauchsleihvertrag, nun einen Leistungsvertrag. Der Unterschied ist gering.

Nussbaum: Mit oder ohne Vertrag macht keinen grossen Unterschied. Es fliesst ja kein direktes Geld für die Miete.

Wiedmer: Der Vertrag spielt insofern eine Rolle, als dass sich die Geschichte wie immer vor Wahlen wiederholt und der «Schandfleck Reitschule» nun wieder mal zum Spielball gemacht wird.

Ursprung des aktuellen Wirbels waren aber Aufrufe zu Gewalt und Flaschenwürfe aus dem Umfeld der Reitschule.Nussbaum:Wir wissen nicht, worum es geht, wer hinter den Aktionen steckt und ob es einen politischen Hintergrund gibt.

Was würde es für Sie ändern, wenn Sie es wüssten?Nussbaum:Für mich geht es darum, ob ich damit leben kann. Ein Flaschenwurf kann unterschiedlich motiviert sein...

es ist eine Straftat und Gewalt. Das Reitschule-Manifest aber schliesst Gewalt aus, egal, gegen wen.Nussbaum: Ich meinte nicht, dass es darauf ankommt, auf wen Flaschen geworfen werden, sondern mit welchem Hintergrund. Natürlich macht es keinen Unterschied, ob man auf Dunkelhäutige Flaschen wirft oder auf Polizisten. Aber bei den jüngsten Ereignissen ist doch klar: Da leistet sich jemand einen Joke.

Aufrufe zum Mord sind doch kein Joke.Nussbaum: Ich bin sicher: Die Aufrufe stammen von Leuten, die mit den Flaschenwürfen nichts zu tun haben. Und es sind Leute, denen nicht viel an den Strukturen der Reitschule liegt und die nicht eingebunden sind. Denen gefällt es, den Medien auf der Nase herumzutanzen.

Wie stehen Sie selber dazu?Nussbaum: Mir passt einfach der Link nicht: Es fliegt eine Flasche vor der Reitschule, also war es die Reitschule. Persönlich finde ich Flaschenwerfen etwas vom Dümmsten, was man tun kann. So was mit einer politischen Botschaft zu legitimieren, ist hirnrissig, das macht keinen Sinn.

Sie sehen jemanden, der aus der Reitschule Flaschen wirft oder danach in die Reitschule flüchtet. Was machen Sie?Wiedmer: Ich spreche ihn an.

Nussbaum: Ich auch. Aber ich kann nicht für jeden Mitarbeiter der Reitschule sprechen.

Es ist kaum vorstellbar, dass niemand weiss, aus welcher Ecke solche Aktionen kommen. Warum isoliert die Reitschule die Leute nicht und grenzt sich ab?Wiedmer: Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute wirklich bekannt sind. Es sind solche, die feige die Anonymität der Masse ausnützen. Auch bei der Cafete war die Reitschule nicht glücklich darüber, wie die Leute dort handelten, und schloss das Lokal. Jetzt sind sie wieder da. In der Tat tut sich die Reitschule manchmal schwer, eigene Anliegen durchzusetzen. Aber es ist leider einfach, der Reitschule zu schaden. Man kann ihr viel in die Schuhe schieben, für das sie nichts kann.

Nussbaum: Ein Beispiel, wie es auch läuft im Umgang mit Straftaten: Im Dachstock erkannte eine Frau ihren Vergewaltiger. Die Dachstock-Crew rief die Polizei, Zivis nahmen den Mann fest.

Lorenz Nussbaum, Sie sind Mitglied des Sicherheitsdiensts, des sogenannten Teams Wellness. Was qualifiziert Sie dafür?Nussbaum: Ich stiess über einen Bekannten zum Team. Wir wollen die Sicherheit der Gäste gewährleisten. Für die Schützenmatte können wir diese Aufgabe aber nicht übernehmen. Wir setzen auf Dialog. Das liegt mir.

Aber Sie vergleichen das Team Wellness nicht mit einem Sicherheitsdienst eines Clubs.Nussbaum:Wir arbeiten grundsätzlich anders: Körperliches Kontrollieren ist erst am Ende einer Eskalation eine Option. Man versucht sehr lange, mit problematischen Gästen zu kommunizieren. Ausserdem haben wir keine Uniformen, Handschellen oder Schlagstöcke. Das ist ein weiterer Unterschied. Wir reflektieren unsere Arbeit sehr oft.

Stadtpräsident Tschäppät sprach in der BZ einst von einer Sonderzone Reitschule. Die Reitschule lehnte dies ab, es brauche keine Sonderbehandlung.Wiedmer: Da hat sich die Reitschule meiner Meinung nach in Widersprüche verwickelt. Es gibt ja durchaus den Anspruch und das Bewusstsein, dass man in einer Sonderzone ist. Eine Sonderzone sind wir nur schon, weil es hier keinen Konsumzwang gibt.

Eine rechtsfreie Sonderzone?Wiedmer: Sicher nicht. Die Reitschule hat keine legislative Befugnis und macht nicht ihr eigenes Recht. Sie hat aber den Anspruch, dass sie das Recht hier selber durchsetzt. Das führt zugegebenermassen zu Konflikten.

Nussbaum: Die Reitschule ist ein Einzugsgebiet für lustige Figuren mit verschiedenen Gesinnungen. Sie kommen hierher, weil es nichts Vergleichbares gibt. Hier sind sie geduldet.

Auf der Schützenmatte könnten einst Wohnungen oder Büros stehen. Was bedeutet dies für die Reitschule?Wiedmer: Wohnen würde wohl heissen: mehr Lärmklagen. Das Kulturzentrum BOA in Luzern musste wegen einer solchen Entwicklung schliessen.

Nussbaum: Ein Hochhaus wäre doch super. Dann hätte Bern endlich ein richtiges Ghetto

Andernorts sind einst alternative Kulturorte heute etablierte Lokale. Gibt es die Reitschule in heutiger Form in 25 Jahren noch?Wiedmer: Das wäre schlecht. Das würde heissen, dass sie sich nicht weiterentwickelt. Das meinte ich mit dem Motor, der antreibt.

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