Die städtischen Zentren bringen das Tram auf Kurs

Nach dem Ja zum Kantonsbeitrag von 102 Millionen Franken kann das Tram von Bern nach Ostermundigen Fahrt aufnehmen. In Betrieb gehen soll die Linie Ende 2027.

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Stephan Künzi

Dieser Akt hätte symbolträchtiger nicht sein können. Kaum war klar, dass das Tram von Bern nach Ostermundigen an der Urne eine Mehrheit gefunden hatte, griff Gegner Hans-Martin Bürki zum Messer und schnitt den selbst gebackenen Zitronencake an. Liebevoll hatten seine Kinder den Kuchen mit Schienen, Bäumen und einem Tram aus Marzipan verziert. Nun, da der Entscheid für das Tram und, so Bürkis Lesart, gegen die Alleen an der Strecke gefallen war, konnte er guten Gewissens Stück um Stück um Stück, Baum um Baum abschneiden. Und so quasi zur ersten Fällaktion ansetzen.

Mitstreiter Stefan Hofer formulierte derweil für das gegne­rischen Komitee eine erste Re­aktion. Dass sich zu guter Letzt 51,6 Prozent der Stimmenden für das Tram erwärmen konnten, bezeichnete der SVP-Grossrat «als Zufallssieg». Er sei aber ein guter Demokrat und akzeptiere das Resultat. In dieser Situation hat auch die Beschwerde der Tramkritiker gegen die Abstimmungsbotschaft an Bedeutung verloren: Offen liess Hofer durchblicken, dass es für ihn keine Rolle mehr spielt, wie das Bundesgericht die Sache entscheiden wird

Mittelland macht alles klar

Ein paar Gehminuten entfernt warteten in einer anderen Berner Altstadtbeiz auch die Trambefürworter auf das Resultat. Einen ersten spontanen Jubel gab es, als Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) das Resultat aus der Stadt Bern verkündete. 65 Prozent der Stimmenden hatten hier dem Kantonsbeitrag von 102 Millionen Franken zu­gestimmt. Das waren sogar noch etwas mehr als im letzten Herbst, als 62,2 Prozent Ja zu den 24,9 Millionen Franken sagten, die die Stadt direkt ans 264-Millionen-Projekt beisteuern wird. Und definitiv mehr als die 61,3 Prozent, die 2014 für ein erstes Tram­projekt gewesen wären – dieses hätte auch Köniz erschlossen, scheiterte aber am doppelten Nein aus den beiden Vororten.

Erneut konnte das Ja-Lager klatschen, als der Verwaltungskreis Bern-Mittelland mit der Stadt Bern und den städtisch geprägten Vororten ausgezählt war. 56 Prozent der Stimmenden hatten ein Ja eingelegt, und weil hier mit Abstand am meisten Leute wohnen, war der Entscheid gefallen. Die Befürworter lagen uneinholbar in Führung.

Erstes Tram im Modell

Trotzdem hielt Regierungsrätin Barbara Egger (SP) an der anschliessenden Medienkonferenz den Ball flach. Obwohl das Tram auf dem Land gleich reihenweise durchgefallen war, wollte sie nicht von einem Stadt-Land-Graben reden. Viel lieber strich sie hervor, dass das Pendel vielerorts am Schluss nur knapp hin zu einer Nein-Mehrheit ausgeschlagen hatte. «Meine Spezialisten wussten schon recht bald, dass es reichen könnte.»

Darauf hatte zuvor schon FDP-Grossrat Adrian Haas im Namen der Befürworter aufmerksam gemacht. Die Vorlage sei vor allem dank der Ja-Mehrheiten in den städtischen Zentren wie Biel, Thun, Burgdorf, Langenthal oder Interlaken angenommen worden, sagte er. Gleichzeitig sei die Ablehnung auf dem Land nicht so stark gewesen, dass das Resultat hätte kippen können.

Egger blickte ihrerseits in die Zukunft und kündigte an, dass das Tramprojekt nun zügig vor­angetrieben werde. Offen sei vor allem noch, wie genau das Tram am Bahnhof Ostermundigen mit der S-Bahn verknüpft werde. Und wo genau anschliessend die Wendeschleife zu stehen komme – vor diesem Hintergrund be­gännen die Bauarbeiten wohl erst 2022. «Wenn alles gut geht, fährt das erste Tram Ende 2027, und darauf freue ich mich auch als Regierungsrätin, die dann nicht mehr im Amt sein wird.»

Wie auch über das kleine Modell, das sie die ganze Zeit über in die Kameras hielt: «Das erste Tram habe ich vorhin vom Pro-Komitee schon erhalten.»

Entspannt zeigte sich neben Stadtpräsident von Graffenried auch Ostermundigens Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos). Seine Freude war umso grösser, als bei diesem Urnengang nicht mehr alle an ein Ja aus Ostermundigen geglaubt hatten. Nun aber standen 54,4 Prozent hinter dem Kantonsbeitrag und damit ähnlich viele wie im Frühling 2016, als die Gemeinde das Tram neu aufgleiste.

Auch Iten sprach von der Wendeschleife, genauer von der Lösung, die ihm für das vom Tram nicht mehr erschlossene Rüti-Quartier vorschwebt: Vielleicht fahre auf diesem letzten Stück ja dereinst ein autonomer Bus, ähnlich wie beim Versuch von Postauto in Sitten.

Dank aus Aarwangen

Noch etwas gab zu reden: Als einer der wenigen ländlichen Verwaltungskreise stellte sich der Oberaargau hinter das Tram. Die Befürworter interpretierten dies als Reaktion darauf, dass Stadt und Region Bern im letzten Jahr der Umfahrung von Aar­wangen zugestimmt hatten. Auch Aarwangen selber dankte es nun – mit einer Ja-Mehrheit von 59,5 Prozent.

Berner Zeitung

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