Bern

Die Stadt, die nicht Stadt sein darf

BernIn Bern behindern Lärmklagen derzeit Dutzende Projekte aus Kultur, Wirtschaft und Sport – Tendenz steigend.

Im Kocherpark brach die Polizei im Juli um 19.30 Uhr ein Festivalkonzert ab – wegen Lärmklagen.

Im Kocherpark brach die Polizei im Juli um 19.30 Uhr ein Festivalkonzert ab – wegen Lärmklagen. Bild: Parkonia

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Es war einer der ersten Sommerabende im Jahr 2018. Die Brasserie Lorraine war gut besucht, wie so oft an einem Montag. Seit ­sieben Jahren veranstaltet der genossenschaftlich organisierte Betrieb jeweils während der Sommermonate Konzerte im eigenen Garten. Diese Montagskonzerte sind zu einem festen Bestandteil im Quartierleben geworden.

In der Regel waren sie ­jeweils pünktlich vor 22 Uhr zu Ende. Nicht aber an diesem Tag Anfang Juni.Die Band überzog. Auch als die «Brass»-Betreiber ihr zu verstehen gab, dass jetzt Schluss sein sollte, wollte sie noch ein letztes Lied spielen. Dazu kam es aber nicht mehr. Um 22.20 Uhr trat die Polizei auf den Plan und zog den Stecker.

Nach drei Bussen war Schluss

Eine bis heute unbekannte Person hatte die Polizei gerufen. Die «Brass»-Betreiber haben von ihr nur eine anonyme E-Mail-Adresse, von der sie am Tag danach eine gehässige Nachricht erhalten haben. Alle Bemühungen zur Kontaktaufnahme scheiterten in der Folge. Eine solche gab es dafür von der Berner Staatsanwaltschaft: einen Strafbefehl, verbunden mit einer Busse über 350 Franken, wegen eines nicht bewilligten Konzerts.

Der Versuch, die Konzertreihe fortan noch am Leben zu erhalten, blieb ohne Erfolg. Selbst als die Konzerte vom Garten ins Innere der Beiz verlegt wurden, klagte die Person. Zwei Strafbefehle später zogen die «Brass»-Betreiber selbst resigniert den Stecker. Eine siebenjährige, im Quartier allseits geschätzte Tradition musste aufgrund einer einzigen Lärmklage aufgegeben werden.

So frustrierend dieser Umstand für die Brasserie Lorraine ist, sie befindet sich damit in bester Gesellschaft. Dutzende Veranstaltungen und Projekte in der Stadt Bern werden derzeit von Lärmklagen bedroht, behindert oder gar lahmgelegt. Dazu reicht bereits eine einzelne Person, die sich gestört fühlt. Aktuelle Beispiele gibt es aus Sport, Kultur und Wirtschaft.

Ob Fussballplatz oder Club

Etwa die Fans des FC Breitenrain, die seit 2016 ihr Team nicht mehr mit Trommeln anfeuern dürfen. Ober der Jugendclub Tankere, der von Anwohnern blockiert wird, die 50 Meter Luftlinie entfernt am anderen Ufer der Aare wohnen. Oder die Migros Aare, die kürzlich ihr Konzept für eine Wiederbelebung der Markthalle unter anderem wegen Lärm­beanstandungen über den Haufen warf. Gerade für Bars und Clubs ist das Problem akut. Für sie sind Lärmklagen eine Bedrohung, die gar die wirtschaftliche Existenz kosten kann, wie etwa das Beispiel des Altstadt-Clubs Sous-Soul 2011 zeigte.

Wo soll man ansetzen?

Der nächste grosse Streit steht derweil bereits bevor: Die geplante Siedlung auf dem Gaswerkareal soll unmittelbar neben dem Jugendzentrum Gaskessel zu stehen kommen. Der Gemeinderat schrieb in seinem Rahmenplan Anfang Jahr, dass er das Ausgehlokal am liebsten umquartieren würde, weil es die geplante Überbauung «weitgehend, wenn nicht gar vollständig verunmöglicht». Die Befürchtung: Lärmklagen.

Für JF-Stadtrat Tom Berger wäre die Verschiebung des Gaskessels ein fatales Signal. Er macht sich schon seit Jahren für Bars und Clubs in der Stadt stark. In Sachen Gaswerkareal schwebt ihm eine «urbane Wohnzone» vor, wo von Bewohnern bezüglich Kultur- und Gastrolärm eine ­höhere Toleranz gefordert wird als anderswo.

Viele Bernerinnen und Berner würden gerne in so einer Umgebung wohnen. Das Anliegen für solche urbane Quartiere erlitt in der Vergangenheit aber stets politischen Schiffbruch. «Das erste Problem ist bereits, wo man ansetzen soll», sagt Berger. Beim Thema Lärm spielen nämlich sowohl kommunale, kantonale wie auch nationale Richtlinien eine Rolle. Zentral ist dabei die schweizerische Lärmschutzverordnung. Diese Verordnung enthält zwar Belastungsgrenzwerte für Verkehrs- und Eisenbahnlärm, nicht aber für Kultur- und Gastrolärm.

Um 19.30 Uhr kam die Polizei

Das lässt Gemeinden und Kantonen heute viel Spielraum in der Auslegung. In der Berner Praxis etwa wird kein Unterschied zwischen Stadt und Land gemacht. Für «Alltagslärm» gelten überall dieselben Lärmrichtwerte. Zwar ist es für die meisten Stadtbewohner klar, dass sie in Bern nicht dieselbe Ruhe erwarten können wie auf dem Land. Aber heute reicht bereits eine einzelne Person, die sich ihre Umgebung «ruhigklagen» kann. Viele Quartierrestaurants können davon ein Lied singen.

«Es geht nicht um eine 24-Stunden-Gesellschaft.»

Tom Berger, Stadtrat

Tom Berger findet das unverhältnismässig. «Es geht nicht ­darum, eine 24-Stunden-Gesellschaft einzurichten», sagt er. «Aber es ist absurd, wenn in der Stadt Bern heute um 19.30 Uhr ein Konzert wegen Lärm abgebrochen wird.» Dies geschah Ende Juli beim Parkonia Festival im Kocherpark. Die Gewerbepolizei griff hier quasi präventiv ein, weil es im Vorjahr zu einer Vielzahl von Lärmklagen kam, die das Festival heuer fast verhindert hätten.

Berger hat als Reaktion auf diesen Vorfall Ende Juli zusammen mit anderen Mitgliedern der überparteilichen Berner Nachtleben-Fraktion – etwa Manuel C. Widmer (GFL) und Claude Grosjean (GLP) – im Berner Stadtrat ein Postulat eingereicht. Darin fordern sie «zeitgemässe Rahmenbedingungen für die Stadtberner Kultur- und Gastronomiebetriebe».

Petition in der Lorraine

In der Berner Lorraine versucht man es derweil mit einer eigenen politischen Aktion. Der Quartierverein Läbigi Lorraine (VLL) hat nach dem Konzert-Aus in der «Brass» eine «Petition für eine kleine Nachtmusik» gestartet. Der Berner Gemeinderat wird ­darin aufgefordert, «alle Hebel in Gang zu setzen, um die kulturelle Entwicklung in der Quartieren zu fördern». Die Gesetze sollen ­dabei den «gesellschaftlichen Realitäten und Bedürfnissen in den Städten» angepasst werden.

Die Aktion ist derzeit noch am Laufen. Vor den Herbstferien sollen die Unterschriftenbogen eingesammelt und dem Gemeinderat überreicht werden, sagt VLL-Vorstandsmitglied Johannes Wartenweiler. Wie viele Unterschriften bisher zusammen­gekommen sind, ist noch nicht bekannt. Er sehe aber, dass in den Bars und Restaurants der Lorraine, wo die Petition aufliege, fleissig unterschrieben werde. «Ich denke, die Mehrheit im Quartier unterstützt die Stossrichtung der Petition», sagt Wartenweiler.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 21:34 Uhr

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