SRG-Spitze sollte Bern die Hand reichen

Benjamin Bitoun, Redaktor Ressort Stadt Bern, über den Umzug des Berner Radiostudios nach Zürich.

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Benjamin Bitoun

Die Idee der SRG, das Radiostudio von Bern nach Zürich zu zügeln und in den Medienkoloss Leutschenbach zu integrieren, hat weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus für rote Köpfe gesorgt. Dabei hatte der neue SRG-Generaldirektor Gilles Marchand bis dahin vieles richtig ­gemacht. Das wuchtige Nein zur No-Billag-Initiative interpretierte er korrekterweise nicht als ein «Weiter so» und stellte gleich nach der Abstimmung klar: «Die SRG hat die Kritik gehört und wird sparen.» Auch seine Ankündigung, für die Einsparungen von 100 Millionen Franken den Rotstift dort zu anzusetzen, wo das Programm am wenigsten tangiert wird, stiess auf Verständnis und Wohlwollen.

Doch dann hat sich die SRG-Spitze verrannt.Um rasch Erfolge liefern zu können, hat sie die Frage über die künftige Ausrichtung der SRG zur Immobilien- und Standortfrage reduziert. Kosteneinsparungen durch Zentralisierung, dazu Synergiennutzung zwischen TV, Radio und Online: Die SRG geht bei ihrer Lagebestimmung allein nach betriebswirtschaftlichen Kriterien vor. Sie scheint freiwillig und ohne Zwang auf die Argumentationslinie der No-Billag-Initianten eingeschwenkt zu sein, welche sie zerschlagen und zu einem gewöhnlichen Medienunternehmen reduzieren wollten, für das alleine die Gesetze des freien Marktes gelten.

Dabei haben Abstimmungs­analysen gezeigt: Das starke Bekenntnis zur SRG kam gerade deshalb zustande, weil sie als ein Stück Schweiz wahrgenommen wird. Durch die föderale Struktur des Service public und seine regionale Verwurzelung wurde die SRG-Berichterstattung als wichtiger Kontrast zum medialen Einheitsbrei genannt, der in zunehmendem Masse nur noch in Zürich angerührt wird. Das Gesamtbild der Schweiz ergibt sich durch den Blick aus den einzelnen Regionen – nicht durch den Blick von einem Ort auf die einzelnen Regionen. Die Idee, den Grossteil der SRF-Information, Politik und Nachrichten in Zürich zusammenzufassen, verstösst diametral gegen dieses Verständnis.

Mit einem Abzug des Radiostudios aus Bern könnte die SRG keinen entscheidenden Spareffekt erzielen. Der Preis, den sie zahlen müsste, würde aber hoch ausfallen. Die Hauptstadt spielt als Brückenkopf zwischen der Deutschschweiz und der Romandie eine zentrale Rolle. Zudem ist sie das politische Epizentrum des Landes. Hier treffen Entscheidungsträger zusammen und stellen die Weichen für die Zukunft des Landes, hier haben Bundesverwaltung und -betriebe ihren Sitz. Werden sie künftig nur noch aus der Ferne beobachtet, droht der SRG eine weitere Entfremdung gegenüber der Politik. Diese wird der Qualität ihrer Berichterstattung anzumerken sein.

Mit der Forderung nach einem Kompetenzzentrum für Information und Politik hat Bern eine gute Alternative zur geplanten Zentralisierung in Zürich präsentiert. Die Schaffung mehrerer solcher SRG-Kompetenzzentren macht sowohl aus demokratie- als auch aus medienpolitischen Gründen Sinn. Zudem entspräche der Ausbau der Abteilung Information dem Entwurf der neuen SRG-Konzession, die vorsieht, dass künftig die Hälfte der Gebühren in die Information fliessen soll.

Und schliesslich ist die Zusammenfassung von Radio, TV und Online unter einem Dach noch aus einem anderen Grund abzulehnen: Es liegt in der Natur der Konvergenz, dass die verschiedenen Medien dadurch über kurz oder lang miteinander verschmelzen würden. Für Private mag das ein gangbarer Weg sein. Doch um die Meinungsvielfalt zu erhalten und die publizistische Macht der grossen SRG zu beschränken, ist ein Wettbewerb der einzelnen Medien unerlässlich.

Klar: Die SRG muss sich weiterentwickeln, gerade im Onlinebereich. Noch fehlt ihr aber dazu das entsprechende publizistische Konzept, wie SRF-Mitarbeitende unisono bemängeln. Bevor dieses steht und im Bundeshaus die künftige Rolle des Service public definiert worden ist, wäre es verfrüht, in Hauruckübungen Umzugsszenarien durchzuspielen. Bereits jetzt hat die SRG dadurch sehr viel Goodwill verspielt. Höchste Zeit, die Zügelpläne aufzugeben und das Angebot der Stadtregierung anzunehmen, sich im Herzen Berns neu zu organisieren.

Berner Zeitung

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