Casino historisch

Die schwankende Brücke

Casino historischFür die Fachleute war sie eine elegante Konstruktion, bei der Bevölkerung aber sorgte die Kirchenfeldbrücke für Diskussionen. Konnte man diesem Hauch von Nichts und Stahl wirklich trauen?

Die Luft war kalt und der Boden hart, als einige Arbeiter beim Schwellenmätteli ihre Schaufeln in den Rasen rammten. Hier wurde das Fundament für eine Brücke gelegt, die nicht nur in grosser Höhe die Aare überqueren, sondern auch für viel Gesprächsstoff sorgen sollte.

Der Anlass für den Bau der Kirchenfeldbrücke war simpel: Bern entwickelte sich einseitig. Seit Jahrhunderten wuchs die Stadt immer nur in Richtung Westen. Wäre das so weitergegangen, so wäre das alte Stadtzentrum irgendwann am Rand gelegen. Bern brauchte Brücken, um das Korsett der Aareschlaufe zu überwinden. Mit der Nydeggbrücke war 1844 eine erste Hochbrücke fertiggestellt worden. Nun hatte der Burgerrat beschlossen, eine Brücke zum bislang unbebauten Kirchenfeld konstruieren zu lassen, welches der Burgergemeinde gehörte.

Die Brücke nach einem Jahr Arbeit. Im Vordergrund liegt die leicht verschneite Aarstrasse. 10.12.1882. Quelle: Burgerbibliothek Bern, FN.G.E.741

Das Projekt war vielversprechend und so wurden auch ausländische Investoren darauf aufmerksam. 1881 schloss der Burgerrat einen Vertrag mit englischen Geldgebern ab (Berne Land Company). Im Gegenzug für die Finanzierung der Brücke erhielten die Engländer das Recht, das Kirchenfeld zu erschliessen und aus dem Verkauf von Bauland und Häusern einen Profit zu ziehen. Mit den Bauarbeiten beauftragten die Engländer die Berner Metallbaufirma Ott. Deren Ingenieure hatten bereits die Schwarzwasserbrücke und eine ähnliche Brücke bei Charmey gebaut. Sie waren mit der damals neuartigen Stahlbauweise vertraut. Diese hatte vor allem einen Vorteil: sie war billiger als der Bau aus Stein. Im Verlauf der Jahre 1882/1883 verbauten die Arbeiter über 1300 Tonnen Stahl und schätzungsweise 250‘000 Nieten.

Blick aus dem Gerberngraben in Richtung Kirchenfeld. 29.3.1883 Quelle: Burgerbibliothek Bern, FP.G.116

Blick von der Münsterplattform zur Kirchenfeldbrücke, kurz vor Abschluss der Arbeiten. 1883, Quelle: Burgerbibliothek Bern, FN.G.E.730

Die Arbeiten dauerten 21 Monate. Am 23. September 1883 knallten schliesslich die Kanonen. Radfahrer fuhren am allerersten Berner Velorennen um die Wette und auf dem Helvetiaplatz wurde eine sieben Meter hohe Helvetia aufgestellt (das heutige Denkmal zeigt nicht Helvetia, sondern erinnert an die Leistungen der Telegraphie). Das wichtigste aber war der grosse Festumzug, mit dem die Bevölkerung die «englische Brücke» in Besitz nahm.

Ganz wohl war es den Bernerinnen und Bernern dabei nicht. Wenn Menschen im Gleichschritt über die Brücke gingen, schwankte sie seitwärts. Gingen Pferde darüber, hüpfte sie leicht. Viele Leute fragten sich deshalb: konnte man diesem filigranen Stahlgeflecht, diesem Hauch aus Nichts und Nieten tatsächlich vertrauen?

Gewiss: Stahlkonstrukte entsprachen dem Zeitgeist, in Paris wurde sechs Jahre später der Eiffelturm eingeweiht. Aber nur zwei Jahre nach der Pariser Weltausstellung stürzte in Münchenstein bei Basel eine Brücke ein, deren Konstrukteur ebenfalls Gustave Eiffel geheissen hatte. Beim bis heute schwersten Zugsunglück in der Schweizer Geschichte verloren nicht weniger als 73 Menschen ihr Leben.

Es war auch dieses Unbehagen an der Stahlbrücke, welches die Erbauer der 1898 eröffneten Kornhausbrücke dazu veranlasste, doch wieder auf Stein zu setzen. Zwar wurde auch jene Brücke von einem Stahlbogen getragen, doch die steinernen Pfeiler und Säulen vermitteln ein ganz anderes Gefühl als die luftige Kirchenfeldbrücke.

Das Unglück von Münchenstein, 1891. Quelle: Wikipedia, public domain

Eigentlich hätte das neue Kirchenfeldquartier ein richtiges Villenviertel werden sollen. Der Bau von Fabriken wurde mittels einem Reglement sogar ausdrücklich untersagt. Ein Nobelviertel, dachte man sich, hätte auf die ganze Nachbarschaft einen positiven Einfluss und dieser war dringend nötig, denn die Matte und die untere Altstadt befanden sich in einem schlechten, teilweise gar verwahrlosten Zustand.

Für ein reines Villenviertel war dann aber die Nachfrage zu klein. So wurden auch viele Reihen- und Etagenmiethäuser gebaut. In diese zogen viele Botschafter, Architekten, hohe Beamte, Fürsprecher, Notare, Professoren und andere angehörige der Oberschicht – inklusive ihrer Bediensteten. Auch die Regierungsräte wohnten zwischenzeitlich alle im Kirchenfeld.

Eine Fabrik wurde schliesslich aber doch noch gebaut: 1906 zügelte die eidgenössische Münzstätte, die zuvor am andern Ende der Brücke (an der Stelle des heutigen Hotel Bellevue) gestanden hatte, hinüber ins neue Quartier. Auf der Stadtseite führten vor dem Bau des Casinos zwei Zufahrten zur Kirchenfeldbrücke.

Eine (von der Brücke aus gesehen) links dem Graben entlang, die andere rechts an der Hochschule vorbei zur Herrengasse. Mit dem Bau des Casinos 1908 verschwand diese zweite Zufahrt, dafür wurde die Herrengasse bis zum anderen Zubringer verlängert.

Vor dem Bau des Casinos führten zwei Strassen an der alten Hochschule vorbei zur Kirchenfeldbrücke. Quelle: Burgerbibliothek Bern, FN.G.D.42

Das erste Berner Tram. Ein Gleis reichte. Seitlich das alte Brückengeländer. Ca. 1910. Quelle: Burgerbibliothek Bern, N. Agathon Aerni AK.1351

Ab 1901 verband das erste Berner Tram die Stadt mit dem noblen Quartier – und gerade die Strassenbahn versetzte die Brücke ins Schwingen. Als ein zweites Gleis gebaut werden sollte, wurden die Hauptträger deshalb 1913/1914 vorsichtshalber mit Stahlbeton ummantelt, um der Brücke zusätzliche Stabilität zu verleihen. Technisch war das nötig – optisch war es ein Verlust.

Diskutabel war auch der Ersatz des gusseisernen Brückengeländers durch eines aus Leichtmetall im Jahr 1972. Dies zumindest fand wohl jene Person, die irgendwie in den Besitz eines alten Geländer-Elements kam, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf der Kirchenfeld-Seite ein Stück neues Geländer herausschnitt und es durch das alte Geländer ersetzte. Die Behörden fanden den Scherz offenbar so gelungen, dass sie das Geländer so beliessen.

Geschickte Nachtbuben: Ein Stück des alten wurde heimlich ins neue Geländer der Kirchenfeldbrücke eingefügt. Bildquelle: Benedikt Meyer

Dem Casino brachte die Brücke viele Gäste aus dem neuen Quartier – aber auch beste Verbindungen mit den zahlreichen Museen und Kultureinrichtungen auf der anderen Seite. Und 2013 verhalf sie dem Casino zu einem internationalen Kinoauftritt, im Film «Nachtzug nach Lissabon» (Ausschnitt mit der Kirchenfeldbrücke als Star, dem Casino und Jeremy Irons als Nebendarsteller ab 1:40 des 10vor10 Beitrages SRF).

Heute schwankt die Brücke längst nicht mehr und die Menschen haben der Stahlkonstruktion zu vertrauen gelernt. Damit es so bleibt und in Zukunft noch mehr Lasten über die Brücke transportiert werden können, wird die Kirchenfeldbrücke 2018 saniert. Zusammen mit dem Umbau des Casinos entsteht dann eine riesige Baustelle mitten in Bern.

Wie die Burgergemeinde beim Brückenpoker mitmischte, kann hier nachgelesen werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2017, 09:56 Uhr

Zur Serie

Das Kultur Casino Bern bleibt bis im Spätsommer 2019 geschlossen und wird renoviert. In einer achtteiligen Serie erhalten Sie einen historischen Einblick in Geschichten rund ums Casino und das alte Bern.

Zum Autor: Benedikt Meyer ist Historiker und führt in dieser Serie durch die Geschichte des Berner Casinos.

Zu den Bildern: Alle Bilder wurden von der Burgerbibliothek Bern zur Verfügung gestellt.

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Foodblog Ennet des Polentagrabens gibts auch Pasta
Tingler Dummheit als Ware

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet. Sie war wegen Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...