Die Schockstarre

Vom filigranen Gleichgewicht der Betriebsamkeit in den Bernbieter Gaststuben.

Sandra Rutschi

Die Welt erstarrte an einem Freitagabend um 18.45 Uhr. Ich betrat mit einer Jugendfreundin ein Gasthaus im Oberland. Das Sääli war voll, also drückte ich die Klinke zur Gaststube runter, schritt über die Schwelle – und wumm!

Augenblicklich verstummten die Gespräche, niemand bewegte sich mehr. Hinter dem Buffet spähte die Servicefrau mit einem weissen Tuch und einem Bierglas in der Hand zwischen den Zapfhähnen hervor.

Eine der drei Damen am Fenstertisch, jene mit der Dauer­welle und dem Flamingoshirt, hatte den Oberkörper zur Tür gedreht, um besser sehen zu können. Das Ballönli zitterte zehn Zentimeter über der Tischplatte in ihrer Hand. Am Nachbartisch kniffen ein paar Jungs die Lippen zusammen, während ihre Freundinnen uns betont gelangweilt betrachteten.

Am Stammtisch hielten sich derweil ein paar grauhaarige Herren in grünen Fleecewesten und karierten Hemden an ihren Stangen fest. Ihre Blicke wanderten von unseren Beinen hoch über die Taille bis zum Décolleté und wieder zurück, um dann an der wahrscheinlich interessantesten Stelle hängen zu bleiben.

Die Luft in der Gaststube flirrte, und die tränensackunter­hangenen Augen des jüngsten Stammtischgängers quollen derart weit aus ihren Höhlen, dass ich befürchtete, sie würden uns gleich über den Boden entgegenkullern.

«Grüessech mitenang», riefen wir unisono und strahlten in die Runde.

Jemand räusperte sich, einer murmelte etwas, aus einer Ecke erklang sogar ein Gruss zurück. Die Servicefrau trocknete das Bierglas, die Flamingodame nahm einen Schluck Weissen, die Jungs tuschelten mit ihren Freundinnen, und die meisten Stammtischgänger kehrten zur Politik zurück.

Wir setzten uns, bestellten und stiessen an. Auf eine Jugend im tiefen Emmental, die einen für jede Schockstarre in Bernbieter Gaststuben wappnet.

Berner Zeitung

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