Die Planung des Gaswerkareals stockt

Bern

Weil die Planung für das Berner Gaswerkareal wieder einmal blockiert wirkt, schiessen die Spekulationen ins Kraut. Die Behörden beschwichtigen: Im Hintergrund werde mit Hochdruck gearbeitet.

Die Entwicklung des Berner Gaswerkareals soll bald den nächsten Schritt nehmen: Den Kauf des EWB-Areals durch die Stadt. Fest steht: Der «Chessu» (hinten links) bleibt.

Die Entwicklung des Berner Gaswerkareals soll bald den nächsten Schritt nehmen: Den Kauf des EWB-Areals durch die Stadt. Fest steht: Der «Chessu» (hinten links) bleibt.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Christoph Hämmann

Wer sich im Laufe des letzten Jahres nach dem Stand der Planung für das Berner Gaswerkareal erkundigte, erhielt stets die gleiche Antwort: Bald gehe das Geschäft in den Gemeinderat, danach ­­solle das Parlament noch vor Ende 2018 darüber beraten können. Im ersten Semester 2019 würde das Stimmvolk dann über den nächsten Schritt abstimmen: den Kredit für den Kauf des Areals, das heute dem städtischen Unternehmen Energie Wasser Bern (EWB) ­­gehört und auf dem für rund tausend Personen Wohnungen gebaut werden sollen.

In den letzten Monaten klang die Antwort ähnlich: bald. Demnächst. Kurzum. Gleichzeitig mehrten sich die – durchaus gut informierten – Stimmen, wonach es brisante Gründe für die Verzögerung gebe. Etwa diesen: Weil die Firma Losinger-Marazzi einst mit EWB vereinbart habe, das Areal exklusiv planen und überbauen zu dürfen, lasse sie sich jetzt nicht einfach mit einem ­­Honorar für ihre Vorarbeiten abspeisen – Vorkaufsrecht der Stadt hin oder her.

Oder jenen: Weil seit dem Frühling definitiv feststehe, dass das Quartier um das ­­Jugend- und Kulturzentrum Gaskessel herum gebaut werden müsse, habe die Präsidialdirektion jegliche Lust auf das Geschäft verloren. Tatsächlich hatte bereits Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) nie einen Hehl daraus gemacht, dass sich das Areal oberhalb des Marzili seiner Ansicht nach nur dann sinnvoll entwickeln lasse, wenn der «Chessu» verschoben werde. Das Gleiche gilt für dessen Nachfolger Alec von Graffenried (GFL), ob als Stapi oder zuvor als Arealentwickler bei Losinger-Marazzi.

Weniger Wohnraum?

Alles falsch, sagen von Graffenried und Finanzdirektor Michael Aebersold (SP), deren Direktionen die Planung für das Gaswerkareal gemeinsam voranbringen müssen. Das Projekt sei wichtig für die Stadtentwicklung und daher ein Legislaturziel des Gemeinderats, hält von Graffenried fest. «Aber sicher führt der Standortentscheid für den Gaskessel dazu, dass der Wohnungsbau anspruchsvoller wird.»

«Sicher führt der Standortentscheid für den Gaskessel dazu, dass der Wohnungsbau anspruchsvoller wird.»Alec von Graffenried, Berner Stadtpräsident 

Für ein funktionierendes Neben­­einander müssen laut dem Stadtpräsidenten «vermehrt Nichtwohnnutzungen wie Arbeiten, Kultur oder Sport» in Betracht gezogen werden. Nicht einfacher mache die Ausgangslage auch die Vorgabe des Stadtrats, dass trotz des «Chessu»-Standortentscheids eine dichtere Überbauung als bisher skizziert geprüft werden müsse.

Verzögerungen seien bei solchen Projekten «nicht ungewöhnlich», sagt von Graffenried. «Beim Gaswerk gilt dies in besonderem Masse, sind doch viele komplexe eigentumsrechtliche, finanzielle, planerische und abstimmungstechnische Fragen zu klären.»

Genau gleich argumentiert Gemeinderat Aebersold, dessen Direktion bei der Arealentwicklung federführend ist. Und er betont, dass die Planung trotz der Verzögerungen «mit Hochdruck vorangetrieben» werde.

EWB und Losinger einig

Die Verhandlungen zwischen EWB und Losinger-Marazzi über die Abgeltung der Vorleistungen des Bauunternehmens – etwa zahlreiche Workshops, Broschüren und Studien – dürften tatsächlich nicht ganz einfach gewesen sein. Auch er selber habe mit Losinger-Marazzi und EWB dazu ein Gespräch geführt, sagt Aebersold, doch inzwischen hätten sich die beiden Parteien schriftlich über die Entschädigung geeinigt. «Die Höhe der Kosten werden wir transparent ausweisen und begründen», so Aebersold, der im Januar 2018 im Stadtrat erklärt hatte, dass Losinger-Marazzi 1,8 Millionen Franken für «angemessen und begründet» halte.

Als Richtwert für den Preis des ganzen Areals, den die Stadt an EWB bezahlen muss und in dem Losinger-Marazzis Vorleistungen eingerechnet sein werden, nannte er damals 17 bis 30 Millionen. Ein weiterer Grund für die Verzögerung, den Aebersold anführt, hängt eng mit dem Kaufgeschäft zusammen: Was geschieht mit dem Vorkaufsrecht der Stadt, wenn das Volk den Kauf des Areals ablehnt? Dem Vernehmen nach hätte die Stadt diese Option verloren – liess nun aber juristisch regeln, dass das Vorkaufsrecht erhalten bliebe. Zudem galt es laut Aebersold auch Dienstbarkeiten zu bereinigen, welche die Stadt EWB für bestehende Leitungen und Anlagen auch nach dem Kauf zu gewähren hätte.

Bodensanierung blockiert

Schliesslich dürften zwei weitere Faktoren zur Verzögerung des Geschäfts beigetragen haben. Einerseits die Evaluation eines alternativen Standorts für den «Chessu» – zu wissen, dass dieser am heutigen Ort gesetzt ist, vereinfachte Verhandlungen und die weitere Planung. Andererseits konnte der Gemeinderat Anfang 2018 davon ausgehen, dass EWB bald darauf mit der Sanierung des belasteten Bodens beginnen würde – ein Auftrag des Kantons aus dem Jahr 2011, für den EWB einst 20 Millionen Franken eingestellt hatte, gegen dessen Realisierung aber Einsprachen hängig sind. Wer saniert, und wer ist während der Sanierung Grundeigentümer? Auch dies: Juristenfutter.

Gerade dieser letzte Aspekt könnte die Vermutung nahelegen, dass das Projekt Gaswerkareal auch weiterhin stocken und stottern wird. Doch wieder ­­widerspricht Finanzdirektor ­­Aebersold: Noch in der zweiten Jahreshälfte – wir stecken mittendrin – sollten Partizipationsveranstaltungen zur Areal- und Wohnstrategie stattfinden, sagt er. Und was das Kaufgeschäft angehe, sei sein Ziel «nun ganz klar: Gemeinderats- und Stadtratsentscheide noch dieses Jahr, die Abstimmung in der ersten Jahreshälfte 2020».

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt