Die Pächter geben die Kühe bereits nächste Woche weg

Claudia Matter sorgt vor. Sie löst ihren Bauernbetrieb auf und verlässt Ende Jahr mit ihrer Familie das Heimet, das der BLS-Werkstätte im Raum Chliforst zu grossen Teilen zum Opfer fallen würde.

Symbolische Front: Daniel Lehmann, Jürg Stadelmann, Renate Kauz, Markus Kämpfer und Rachel Picard (von links) demonstrierten gestern geschlossen Widerstand gegen die BLS-Werkstätte im Raum Chliforst. Noch lagen die Mutterkühe von Claudia Matter friedlich auf der Weide, die dem Projekt zum Opfer fallen soll. Die Bäuerin selber fehlte beim Ortstermin.

Symbolische Front: Daniel Lehmann, Jürg Stadelmann, Renate Kauz, Markus Kämpfer und Rachel Picard (von links) demonstrierten gestern geschlossen Widerstand gegen die BLS-Werkstätte im Raum Chliforst. Noch lagen die Mutterkühe von Claudia Matter friedlich auf der Weide, die dem Projekt zum Opfer fallen soll. Die Bäuerin selber fehlte beim Ortstermin. Bild: Raphael Moser

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Sie kann nicht glauben, dass sich die BLS-Werkstätte im Gebiet Chliforst noch verhindern lässt. Ungeachtet der Lockrufe, die die SBB gerade erst in Richtung BLS ausgesandt haben: Wenn die BLS ihre Fernverkehrspläne aufgibt, so das Angebot von Mitte August, sind die SBB zu einer engen Zusammenarbeit im Unterhalt bereit. Der Werkstättenneubau, der so gar nicht in den nach wie vor sehr ländlich-bäuerlich geprägten Westen der Stadt Bern passt, wäre dann überflüssig.

«Das ist doch nur eine Alibiübung», sagt Claudia Matter bestimmt. Die 39-jährige Bäuerin ist von den Plänen der BLS sehr direkt betroffen: Gemeinsam mit ihrem Partner Pavo Banovic hat sie jenen Hof gepachtet, auf dessen Land die neuen Hallen zu stehen kommen sollen. Neun Hek­taren würden dem Projekt zum Opfer fallen, weitere gut sieben Hektaren kommen dem Betrieb im Viererfeld abhanden, das nach dem Ja der Stimmenden in absehbarer Zeit überbaut wird. Es bleiben zwölf Hektaren – zu wenig dafür, davon leben zu können.

Claudia Matter rechnet es vor, so, als ob der BLS-Neubau bereits stünde. Weil für sie eben kein Zweifel daran besteht, dass es so weit kommen wird: «Wer wie wir mit allen Beteiligten am Tisch zusammengesessen ist, muss diesen Schluss ziehen.» In dieser Situation gebe es für sie nur einen Weg: «Wir gehen Ende Jahr.»

Trennung voller Emotionen

Gefallen ist der Entscheid bereits zum letzten Jahreswechsel hin. Er war also längst gefallen, als die SBB mit ihrem jüngsten Angebot das BLS-Projekt infrage stellten. «Einen Bauernhof löst man halt nicht einfach so auf», sagt Claudia Matter zur Erklärung. Die Verträge für den Hof und das bewirtschaftete Land müssen entweder gekündigt oder nicht mehr erneuert werden. Weiter gilt es, sich von einem stattlichen Park verschiedenster Fahrzeuge und Gerätschaften zu trennen. Und vor allem von den Tieren – offen gibt die Landwirtin zu erkennen, dass sie sich damit sehr schwertut. «Die Tiere weggeben zu müssen, ist mit vielen Emotionen verbunden», stellt sie fest.

Wenigstens hat sie für alle eine gute Lösung gefunden. Die vier Ponys und die zehn Schafe sind schon verkauft, nächste Woche wird es voraussichtlich für die zwanzig Mutterkühe mit ihren Jungen so weit sein. «Ich kann die ganze Herde weitergeben», erzählt Claudia Matter und macht klar, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Mutterkühe seien zwar sehr gefragt, aber in der Regel nur als Einzeltiere. Deshalb sei es «ein Riesenzufall» und für sie auch «eine Riesenerleichterung», dass den Kühen bei allem Neuen das vertraute Gefüge erhalten bleibe.

Nochmals betont sie, wie wichtig es sei, dass sich die Tiere wohl fühlten. In dieser Beziehung gehe es allen in der Landwirtschaft gleich: «Wer sie gut hält, wirtschaftet automatisch besser.»

Ende einer langen Tradition

Mit der Kündigung endet für Claudia Matter und ihre Familie auch die Zeit in der Region Bern. «Wir kehren in den Kanton Zürich zurück», stellt sie in Aussicht, dorthin also, wo sie sich seinerzeit zur Pflegefachfrau aus­bilden liess. Dorthin auch, wo sie ihren Partner kennen gelernt und insgesamt siebzehn Jahre gelebt hat – «unser ganzer Freundeskreis ist dort zu Hause».

Trotzdem bedeutet der Wegzug einen Bruch. Immerhin ist ihre Familie fest mit dem Bauernhof im Westen Berns verbunden. Und mit den Berner Burgern, von denen sie ihn gepachtet haben: Schon ihr Grossvater wirtschaftete auf einem burgerlichen Heimet, damals allerdings noch auf dem Viererfeld. Als dieser Hof der japanischen Botschaft weichen musste, zog die Familie ins heutige Heimet im Westen, wo Claudia Matter aufwuchs.

Vor diesem Hintergrund fällt ihr der Abschied natürlich nicht leicht. Mit Wehmut erinnert sie sich an ihre Rückkehr nach Bern, daran, dass sie sich nach der Lehre in der Pflege eigens auch noch zur Bäuerin ausbilden liess. Vor bald zwei Jahren übernahm sie den Betrieb definitiv, hätte so die hundertjährige bäuerliche Familientradition fortgesetzt – aber eben, nun ist es anders gekommen: «Wir wollen nicht in ein paar Jahren so weit sein wie heute, weil die Werkstätte doch gebaut wird. Sondern unsere Energie in eine sichere Zukunft stecken.»

Zwei Nachfolger

Die Burger haben die Nachfolge auf dem Heimet bereits geregelt. Das Land wird auf zwei Bauern aufgeteilt, einer von ihnen übernimmt mit der Pacht auch noch das Bauernhaus. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.09.2017, 19:48 Uhr

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