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Die Männer-WG im Bremgartenwald

Für die Berner Waldmenschen ist es schon der fünfte Winter in ihrem Camp im Bremer. Die Adventszeit mögen sie besonders – trotz erneuter Anzeige.

Ihr Tag beginnt mit einem Joint und einer Tasse Kaffee: Die Lebenskünstler Witold, Chrütli und Mättu in ihrem Camp im Stadtberner Bremgartenwald.
Ihr Tag beginnt mit einem Joint und einer Tasse Kaffee: Die Lebenskünstler Witold, Chrütli und Mättu in ihrem Camp im Stadtberner Bremgartenwald.
Raphael Moser

Es ist ein garstiger Morgen im Bremgartenwald. Ein paar Hardcorejogger trotzen den null Grad, rennen durch den Nieselregen. Ein Velofahrer flitzt vorbei, dick eingepackt. Hündeler machen ihre schnelle Runde. Ehe sie alle zurück in die warme Stube hasten, oder ins Büro.

Abseits der Schotterwege, tiefer im Forst, beginnt der Tag auch für Chrütli, Witold und Mättu – mit einem Joint und einer heissen Tasse Kaffee. Die drei Männer sitzen unter einem Zelt aus Blachen, vor ihnen knistert ein Feuer. Die improvisierte Tür aus dicken Ästen steht offen, auch sonst ist das Zelt alles andere als luftdicht. Bisher, sagt Chrütli, sei es ein angenehmer Winter. «Wirklich kalt wurde es noch nie.»

Chrütli über den Tagesablauf im Wald-Camp.

Chrütli, der mit richtigem Namen Martin heisst, muss es wissen. Es ist der fünfte Winter, den er im Wald verbringt. 2014 kam für den gelernten Bereiter einiges zusammen, auf einen Schlag verlor er Job, Wohnung und Freundin. «Ich hatte die Schnauze voll», sagt der 48-Jährige. Er packte seinen Rucksack mit dem Nötigsten und liess sich im Stadtberner Bremgartenwald nieder. Zunächst allein, später schlossen sich ihm andere Aussteiger an. Zusammen errichteten sie hier, in der Nähe des Glasbrunnens, eine Art Camp mit mehreren Zelten. Da zum Kochen, dort zum Schlafen.

Keine «Weichschnäbeler»

Die Plastikblachen sind inzwischen auf den Satellitenbildern von Google zu sehen. Auch sonst ist das Lager kein Geheimnis mehr. Medien aus der ganzen Schweiz berichteten schon über die «Waldmenschen». Eine Fotografiestudentin aus Deutschland habe sie ein ganzes Jahr mit der Kamera begleitet, erzählt Chrütli. Beim Holzsammeln, beim Beerenpflücken, beim Waschen an der Aare. Sie fänden das witzig, nachvollziehen könnten sie das Aufsehen aber nicht. «Frei sein, das interessiert die Leute offenbar.»

Neben dem Freak-Faktor dürfte noch etwas anderes für die mediale Neugier sorgen: Die Männer verstossen mit ihrem Zeltlager gegen das Waldgesetz. Die Busse, die sie deswegen erhielten, haben sie nie bezahlt. Campvater Chrütli sass die Strafe letztes Jahr im Gefängnis ab. Nun kam vor Kurzem wieder eine Anzeige des Kantons. Selbst wenn ihr Lager einmal geräumt werden sollte, ist für die Männer aber klar: «Am nächsten Tag brennt hier wieder ein Feuer.»

Chrütli über seine Begegnungen mit den Tieren.

Fünf männliche Bewohner sowie mehrere Hunde und Katzen gehören zum harten Kern der Wald-WG. Immer mal wieder käme ein «Zuzüger» dazu. Viele würden es aber nicht durchziehen. «Will man dieses Leben», sagt Chrütli, «darf man kein ‹Weichschnäbeler› sein.»

«Der Wald gibt mir Geborgenheit, körperliche und geistige Gesundheit.»

Witold, Bewohner der Wald-WG

Es ist eine Mischung aus persönlichen Schicksalsschlägen, Gesellschaftskritik und Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, welche die Waldmänner zusammengeführt hat. «Im Wald zu leben, ist das Natürlichste der Welt», sagt der 26-jährige Witold. Er sei als Kind von Heim zu Heim gereicht worden, habe unter den ständigen Vorschriften und Verboten gelitten. Schon da sei er oft in den Wald abgehauen. «Er gibt mir Geborgenheit, körperliche und geistige Gesundheit.» Beim 24-jährigen Mättu sei es der «Sklavenmarkt» gewesen, der ihn in den Wald getrieben habe. «Ich will mit ‹Vögeli› aufwachen und nicht mit Befehlen.»

«Mischeln» in der Gasse

Eine geheizte Wohnung, eine Dusche – das alles fehle ihnen nicht. «Du organisierst dir, was du brauchst», sagen sie. Aufs Essen bezogen heisst das: Was die Natur hergibt, holt sich die Gruppe im Wald. Vom Staat beziehen sie «keinen Rappen», beteuern sie. Weil Beeren und Pilze zum Überleben aber nicht reichen, sind die Lebenskünstler indirekt doch ein bisschen vom System abhängig, das sie verachten. Etwa zweimal die Woche treiben sie in der Stadt Geld auf. Die einen betteln, die andern musizieren, Chrütli verkauft geschnitzte Holzschalen. Ein paar Hundert Franken pro Monat kämen «beim Mischeln» zusammen.

In der Adventszeit sei es immer etwas mehr. «Da beruhigen viele ihr schlechtes Gewissen.» Den Waldmenschen ist das ganz recht. So reicht es auch mal für mehr als einen Gemüseeintopf oder eine Suppe, die sie sich auf dem Feuer köcheln. An Weihnachten jedenfalls, da soll es ein «pflegiges Znacht» geben.

Chrütli über die Zukunft.

Für den BZ-Adventskalender schauen wir bis Weihnachten jeden Tag hinter eine Tür, die sonst nicht geöffnet wird oder werden darf. Unten können Sie nachlesen, wo wir bisher zu Besuch waren:

Was sich hinter dieser Tür im Berner Inselspital verbirgt, erfahren Sie im letzten Bericht unserer Serie: Die Adventstür vom 24. Dezember.
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Christian Pfander
Durch diese gfürchige Tür dürfen nur wenige gehen. Wer das ist, erfahren Sie hinter der Adventstüre vom 23. Dezember.
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Florine Schönmann
Hinter dieser Tür im Erlacherhof befindet sich das Sitzungszimmers der Stadtregierung. Wie es dort aussieht, lesen Sie hier: Adventstüre vom 1. Dezember.
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Beat Mathys
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