«Die Liquid-Gäste werden sich auch im neuen Club wohl fühlen»

Bern

Nach zehn Jahren und über 1000 Partys hat Stephan Zesiger den Berner Glamour-Club Liquid in Rente geschickt. Im Interview erklärt der 44-Jährige, wieso er gerade jetzt aussteigt.

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Nach einer letzten Party mit dem passenden Namen Schlusspunkt ging die Liquid-Ära am Samstag nach zehn Jahren zu Ende. Wie war die Feier? Stephan Zesiger: Es war in jeder Beziehung ein würdiger Abschluss. Der Club war am Freitag und am Samstagrestlos ausverkauft und es war berührend, nochmals so viele Personen zu sehen, die in den letzten Jahren in irgendeiner Form mit dem Club verbunden waren.

Fällt es Ihnen nicht schwer, nach 10 Jahren ihr «Kind» abzugeben? Die Stimmung im Club am letzten Abend war fantastisch und ja – da ist schon Wehmut aufgekommen.

Was hat schlussendlich zum Entscheid geführt, die Leitung des Clubs abzugeben? Das Lokal war bis zuletzt gut besucht, an den fehlenden Einnahmen kann es also nicht gelegen haben. 10 Jahre Nachtleben sind genug. Ich habe die Belastung durch die ausgefüllten Wochenenden und der dadurch bedingten kurzen Erholungszeit Jahr für Jahr stärker gespürt. Zudem ist dieser Rhythmus mit meiner Familienplanung nicht zu vereinbaren.

Ab dem 1. November heisst der Club «Rondel», wird alternativer und erhält ein neues Aussehen. Was wird sich für den Gast ändern? Der nicht mehr so zeitgemässe Glamour des Liquids weicht einem eher coolen und neuen Design. Bars und DJ Pult werden neu gebaut und der Balkon verschwindet. Das Programm wird angepasst und fokussiert wieder stärker auf qualitativ gute Acts.

Wird auch das Rondel ein Member-Club, oder beerdigen Ihre Nachfolger dieses System? Das Membersystem des Liquids wird gelockert und man kann auch wieder bar bezahlen. Die Guthaben auf den Mitgliederkarten bleiben aber selbstverständlich bestehen.

Sie sind immer noch zu 50 Prozent am Lokal beteiligt. Ist es ein reines Investment, oder packen Sie auch noch selbst mit an? Ich glaube nach wie vor stark an den Standort an der Genfergasse, welcher sich in den letzten Jahren stark verbessert hat. Zudem verfügt der Club nun über die nötigen Notausgänge, Rauchabzüge und Lüftungsanlagen. Ich bin deshalb überzeugt, dass die Voraussetzungen für den neuen Club hervorragend sind und bin froh, weiter daran beteiligt zu sein. Das operative Geschäft aber überlasse ich nun meinen Partnern.

Beim Relaunch vor vier Jahren sagten Sie, dass Sie das Liquid als Schweizer Nummer 1 etablieren wollen. Wie weit sind Sie rückblickend auf diesem Weg gekommen? Ich denke dass mit der Gesamtsanierung des Gebäudes durch die Hauseigentümerin im letzten Jahr ein weiteres wichtiges Etappenziel erreicht wurde. Was noch fehlt ist sicherlich eine Programmierung näher am Puls der Zeit. Ich bin zuversichtlich, dass meine neuen Partner, welche in diesem Bereich viel Know-How mitbringen, das Ziel erreichen.

Das Liquid hatte viele Stammgäste. Wo können diese künftig feiern? Das Angebot im kommerziellen Bereich in Bern ist nicht so klein wie oft beklagt wird. Die jüngeren Partygäste stehen zudem immer weniger auf Glamour-Clubbing und werden sich sicher auch im neuen Club wohl fühlen.

Sie haben sich für eine «Zürcher-Lösung» entschieden. Gab es keine Berner, die sich für Ihre Nachfolge interessiert haben? Die Drei (Leandro Fina, Pius Portmann und Gregory Schmid) haben in der «Alten Börse» in Zürich einen sehr guten Job gemacht und bewiesen, dass sie einen Club dieser Grössenordnung langfristig führen können. Ich bin über die Nachfolgelösung sehr glücklich – die Herkunft spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Welche Tipps geben Sie ihren Nachfolgern mit auf den Weg? Die persönliche Anwesenheit an den Anlässen ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg.

Was waren die Höhepunkte und die Tiefpunkte Ihrer Liquid-Zeit? Die Höhepunkte waren sicherlich die zahlreichen Events mit den grossen Namen der Branche wie Sinclair, David Guetta oder der Swedish House Mafia. Tiefpunkt war sicherlich die vorübergehende Entziehung der Betriebsbewilligung durch den Regierungsstatthalter anlässlich der Gebäudesanierung im letzten Jahr.

Gewalt, Grabschereien, Entzug der Betriebsbewilligung: Die Schlagzeilen über das Liquid waren nicht immer positiv. Wie haben Sie das selbst erlebt? Wir haben in den Jahren 2007 und 2008 wirtschaftlich sehr gut gearbeitet, leider manchmal auch auf Kosten einer unglücklichen Türpolitik. Im Jahr 2009 wurde dies mit Einführung des Member-Systems grundlegend korrigiert. Wir haben so das Gewaltelement in den letzten Jahren meiner Tätigkeit vollständig aus dem Club entfernt, was für ein Lokal mit diesem Fassungsvermögen nicht selbstverständlich ist. Ich habe mich dadurch persönlich im Club sehr wohl gefühlt.

Ziehen Sie sich nun ganz aus dem Nachtleben zurück? Oder was steht bei Ihnen künftig auf dem Programm? Operativ ja. Ich werde wieder als Jurist tätig sein und freue mich auf diese neue Herausforderung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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