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Das Powerplay der Ursula Wyss

Ursula Wyss (SP) animiert die Stadtbevölkerung, sich öffentliche Räume in den Quartieren anzueignen. Wyss stösst auf Zustimmung. Und eignet sich die Leaderrolle in der Stadtregierung an.

Im Monbijoupärkli lancierte Ursula Wyss Ende Mai das Projekt «Pop-up Bern». Dieses soll der Bevölkerung ermöglichen, bisher ungenutzte Freiflächen zu möblieren und in Beschlag zu nehmen.
Im Monbijoupärkli lancierte Ursula Wyss Ende Mai das Projekt «Pop-up Bern». Dieses soll der Bevölkerung ermöglichen, bisher ungenutzte Freiflächen zu möblieren und in Beschlag zu nehmen.
Raphael Moser
Ursula Wyss präsentiert die neuen Sitzbänke der Stadt Bern, die  alters- und behindertengerechter sind.
Ursula Wyss präsentiert die neuen Sitzbänke der Stadt Bern, die alters- und behindertengerechter sind.
Raphael Moser
Bunte Stühle prägen seit neuestem das Stadtbild.
Bunte Stühle prägen seit neuestem das Stadtbild.
Raphael Moser
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«Soso», sagt sie. Freundliches Lächeln. «Sie meinen also, Papier sei geduldig, und die Legislaturziele, die wir darauf festgehalten haben, seien nicht ernst zu nehmen?» Falsch, antwortet sich Ursula Wyss (45) gleich selber.

Die SP-Gemeinderätin sitzt in ihrem Büro über dem Verkehrstreiben des Hirschengrabens, im Headquarter der städtischen Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS), der sie seit 2012 vorsteht.

Sie nehme die Legislaturziele sehr ernst, sagt sie bestimmt. Und: Sie habe ganz genau überlegt, wie sie diese in ihrem Zuständigkeitsbereich formuliere. «Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Bern erhalten die ­Möglichkeit, sich den öffentlichen Raum anzueignen», steht beim Legislaturziel Nummer 5, unter dem die Stadt Bern «zusätzlichen Raum für Begegnungen» schaffen will. Freundliche Formu­lierung.

Gäbe es eine Weltmeisterschaft für die rasche Umsetzung diffuser Grobziele in eine politische Agenda, Ursula Wyss wäre eine ernsthafte Medaillenanwärterin. In frenetischer Kadenz hat sie in den letzten Wochen in Bern unter freiem Himmel möblierte Plätze und bestuhlte Pärke, behindertengerechte Bänke und leichtfüssige Pop-up-Begegnungszonen eröffnet und eingeweiht. Stets bei schönstem Wetter, es mutet an wie ein Berner Sommermärchen auf kleiner Nebenbühne.

Auftritt der Macherin

Aber Wyss macht die Möblierung des öffentlichen Raums zu einem Hauptakt neuer, schneller, ergebnisorientierter urbaner Politik. Bevor sich Widerstand regt oder Fragen (etwa nach den Kosten) auftauchen, ist sie schon an der nächsten Eröffnung. Und die Leute sitzen in von der Stadt ­bereitgestellten Lounges auf der Gasse, trinken Latte macchiato – und wollen nichts anderes mehr.

Der imposante Auftritt einer Macherin, den Wyss im Frühsommer 2018 hinlegt und der die anderen vier Gemeinderatsmitglieder inklusive Stadtpräsident in den Schatten stellt, kommt nicht von ungefähr. Hätte man hingehört, würde man ihre Strategie für die Aneignung des öffentlichen Raums spätestens seit dem Wahlkampf 2016 kennen.

Doch die Aufmerksamkeit gehörte damals Persönlichkeitsmerkmalen, die sie von Alec von Graffenried (GFL) unterscheiden, der ihr im Januar 2017 im ­Duell ums Stadtpräsidium eine schmerzhafte Niederlage zufügte. Die gewiefte Profipolitikerin und promovierte Ökonomin Wyss galt als unnahbar, abgehoben, gekünstelt, unterkühlt. Sowie als machtbewusst und durchaus konfliktbereit.

Jetzt aber sieht man sie ständig in bester Laune, wie sie der Bevölkerung mit warmen Worten öffentliche Plätze zur friedlichen Bespielung übergibt. Und am Sitzungstisch in ihrem Büro argumentiert sie sich für ihre urbane Idee derart ins Feuer, dass man nicht auf die Idee kommt, sie hätte je etwas anderes tun wollen.

Urbane Leidenschaft

Wyss hat sich in den letzten Jahren in europäischen Städten umgesehen und ihre urbane Vorstellung für Bern zu einem eingängigen Prinzip kondensiert: Städte sind Wachstumszentren. Bevölkerung und Verkehr nehmen zu, Wohnungspreise steigen.

Also begnügen sich die Menschen in verdichteter Bebauung mit eher weniger privatem Wohnraum. Sie erheben aber Anspruch auf öffentliche Plätze, Gassen, Gehsteige und Grünflächen, wo sie sich wohlfühlen wollen wie in einem ausgelagerten Wohnzimmer. Und die Stadtberner Verwaltung ist dazu da, das zu ermög­lichen. Schnell, unkompliziert, bürgernah.

«Es geht hier um eine urbane Form von Begegnung. Wir schaffen Orte, an denen etwas stattfinden kann. Aber nicht muss.»

Ursula Wyss

Dieser Grundgedanke nährt sich beim dänischen Urbanisten Jan Gehl (81), einer Art Guru der auf Velos und Fussgänger fokussierten Stadtplanung. Das Büro Gehl arbeitet an der «Stadt nach menschlichem Mass» nicht nur in skandinavischen Wohlfühlstädten, sondern auch in auto­ritär regierten Megacitys wie Chongqing (China) oder Singapur, im Verkehrschaos von Buenos Aires, São Paulo oder Downtown Moskau.

2015 lud Wyss den polyglotten Gehl zu einem Vortrag nach Bern, später bestellte noch der alte Gemeinderat bei Gehl eine Studie. Vor einem Jahr erschien der Bericht «An Altstadt for All» mit Ideen für die Bespielung des öffentlichen Raums in der Berner Altstadt.

Auf Fotomontagen sah man Sitzgelegenheiten auf heu­tigen Parkplätzen und Leute, die auf autoverkehrsfreien Strassen flanieren – eine vermeintlich realitätsferne Kopenhagener Vision.

Forsche Ansage

Nicht für Ursula Wyss. Sähe Gehl, wie dezidiert sie seine Überlegungen aufnimmt, er würde wohl applaudieren. Die Stadtberner Tiefbaudirektorin nahm in Kauf, belächelt zu werden, als sie 2016 auf dem Münster- und dem Waisenhausplatz farbige Stühle aufstellen liess.

Man insinuierte eine PR-Aktion in eigener Sache. Aber Wyss sah das langfristige politische Potenzial. Auch für sich selber. Vor zwei Wochen nun ver­öffentlichte sie ein 27-seitiges persönliches Positionspapier mit dem Titel «Gestalten und Planen im Zeitalter von Pop-up». Man kann es auch als forsche Ansage ihrer Direktion zum Vorwärtsmachen lesen.

Und das tut sie: Im Material­lager der Direktion Wyss gibt es jetzt etwa sogenannte Parklets, unentbehrliches Utensil des urbanen Strassenlebens von Vancouver bis Wien. Es handelt sich um mobile Holzroste in Parkplatzgrösse, auf denen man Parkfelder temporär zu Sitzecken umfunktionieren kann.

Es gibt aber auch eine «Fachstelle öffentlicher Raum», die Quartierbewohner coacht, wenn sie sich mit einer Idee eine öffentliche Fläche aneignen wollen. Zweieinhalb der umstrittenen 56 neuen Stellen, die die Stadtregierung schaffen will, betreffen den öffentlichen Raum. Trotzdem schwebt Wyss mit ihrer Möblierungsoffensive bis jetzt unter dem politischen Empörungsradar.

Man werfe ihr gelegentlich vor, der Stadt mit der Flut von Begegnungszonen eine rot-grüne Dörflichkeit aufzuzwingen. «Aber», kontert Wyss, «es geht hier um eine urbane Form von Begegnung. Wir schaffen Orte, an denen etwas stattfinden kann. Aber nicht muss.»

Man kann vor dem Haus im improvisierten Wohnzimmer auf der Couch mit Nachbarn reden, an denen man jahrelang vorbeiging. Oder drinnen bleiben und Ruhe haben. Heute will man allein sein und morgen unter Leuten. Alles hat Platz. Das ist das leichte städ­tische Gefühl der Vielfalt und des Nichtverpflichtetseins, das Ursula Wyss selber ausstrahlt. Und das sie in Bern verankern will.

Eingeschworene Crew

Natürlich funktionieren bei der Bespielung öffentlicher Räume auch machtpsychologische Mechanismen. Wenn Menschen Räume in Beschlag nehmen und gestalten, identifizieren sie sich mit ihnen. Sowie mit der Re­gierung und ihrer Verwaltung, die das ermöglichen.

Für Ursula Wyss wird der öffentliche Raum damit zu einem Verhandlungsort für städtische Grundsatzfragen, die weit über ihre Direktion hinausgehen. Es geht um Inte­gration, um Stadtplanung, um ­gewerbepolizeiliche Fragen, um Sicherheit. Konsequenterweise, findet Wyss, müsste ihre TVS künftig «Direktion für den öffentlichen Raum» heissen.

Sie habe viel Energie darauf verwendet, ihre Direktion für ihren Ansatz zu erwärmen, der halt eine neue Arbeitsmethode erfordere. «Wir orientieren uns an den Möglichkeiten und nicht mehr an den Hindernissen», sagt Wyss. Man müsse Projekte schnell realisieren, und wenn sie nicht funktionierten, auch wieder rückgängig machen können.

Natürlich sei sie damit auch auf Widerstand gestossen, aber mittlerweile treibe sie diese Strategie mit ihren Amtsdirektoren engagiert voran. Für die vakante Stelle von Hans-Peter Wyss, der seine Stelle als Stadtingenieur wegen kaum kaschierter Meinungsverschiedenheiten mit Ursula Wyss kündigte, kommuniziere sie «zeitnah» eine Lösung.

Begeistertes Quartier

Der frische Wind, der in der Direktion Wyss wehe, sei in den letzten Monaten deutlich spürbar geworden, sagt Daniel Blumer, Geschäftsführer der Quartierkommission Länggasse Engehalbinsel (QLE).

Seit vorletzter Woche wird ein Teil der Mittelstrasse jeweils am Donnerstag- und am Freitagabend für den Verkehr gesperrt, versuchsweise bis zu den Herbstferien. «Ehrlich gesagt», so Blumer, «wir hätten bis vor kurzem nicht gedacht, dass so etwas möglich ist.»

«Man würde die Verantwortung gescheiter an Private geben, anstatt sich eine neue staatliche Aufgabe anzueignen.»

Bernhard Emch

Aber neuerdings regiere ein Sinn für Pragmatismus in der Direktion Wyss, man suche nicht die perfekte, aber unmögliche Lösung, sondern einen machbaren Weg, der aber vielleicht nur temporär bewilligt werde. Für Blumer ist die neue Offenheit jedoch auch eine Aufforderung an die Quartiere der ganzen Stadt. Es sei nun an ihnen, die Chance wahrzunehmen. Die Zeiten, in denen es reichte, sich darüber zu beklagen, dass die Verwaltung ohnehin Nein sage, seien vorbei.

«Jetzt kommt Frau Wyss . . .»

Mehr Mühe mit dem Kurs von Wyss, Fakten zu schaffen, hat der Bümplizer Unternehmer Bernhard Emch, CEO der gleichnamigen Aufzugsunternehmung und Präsident der Sektion Bern des Handels- und Industrievereins (HIV).

Selbstverständlich, sagt er auf Anfrage, sei jede Belebung des öffentlichen Raums begrüssenswert. «Aber muss das wirklich die Stadt machen?», fragt er. Es gebe genügend private Initiative, die aber stets von den hohen behördlichen Bewilligungsauf­lagen gebremst werde. «Jetzt kommt Frau Wyss, und plötzlich geht alles.»

Ihn erinnere das doch sehr an Planwirtschaft, die Begegnungen verordne. Und die Stadt schaffe erst noch Stellen, um den möblierten öffentlichen Raum zu unterhalten, «das muss man sich leisten können. Man würde die Verantwortung gescheiter an motivierte und initiative Private geben und diese bei der Umsetzung administrativ unterstützen, anstatt sich eine neue staatliche Aufgabe anzueignen», so Emch.

Das tröpfchenweise Vorgehen komme ihm schon aus der Verkehrspolitik von Ursula Wyss bekannt vor. Es habe mit harmlosen Stühlen auf dem Münsterplatz begonnen, und jetzt stehe man einer Strategie für die Möblierung des öffentlichen Raums gegenüber, die sich über die ganze Stadt ergiesse.

Fehler erlaubt

Im Vorzimmer von Ursula Wyss liegt das Buch «Copenhagenize» herum, in dem der angesagte Urbanist Mikael Colville-Andersen die «Kopenhagenisierung» der Städte erklärt und mit dem Mythos aufräumt, dass die Leute nicht bereit seien, bei Regen mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Man müsse es nur richtig ­machen.

Ursula Wyss macht sich keine Illusionen. «Wir werden auf unserem Weg auf Schwierigkeiten stossen, wir werden Fehler machen», sagt sie. Aber darauf könne man reagieren, das sei Teil des neuen Verständnisses. Als sattelfeste Kopenhagenerin lässt sie sich von Gegenwind nicht aus dem Konzept bringen. Im Ge­genteil.

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