Die Kirche muss die Reformation der Reformation wagen

Ressortleiter Stephan Künzi zum Abschluss des Reformationsjubiläums

Stephan Künzi

Darf man der Bevölkerung von heute die Kirche noch zumuten? Die Frage, die ein hochrangiger Vertreter der Reformierten im Rahmen von Rendez-vous Bundesplatz in den Raum gestellt hat, ist typisch für die Institution, die die Schweiz so massgeblich geprägt hat. Daran hat das 500-Jahr-Jubiläum nichts geändert, das die Reformierten nun zwölf Monate lang und am Schluss eben auch mit dem Lichtspiel am Bundeshaus gefeiert haben. Nur zu oft zeigt sich die Kirche in der Öffentlichkeit eigenartig verzagt, statt selbstbewusst hinzustehen und klarzumachen: Natürlich darf, ja soll sie sich bemerkbar machen. Für alle sicht- und hörbar.

Sicher, die Kirche steht vor der Herausforderung, dass ihr die Mitglieder in jüngerer Vergangenheit in Scharen davongelaufen sind. Trotzdem wäre es falsch, sie einfach als bedeutungslos abzuhaken. Wer auf der Strasse wildfremde Leute anspricht, stellt nämlich nicht nur erstaunt fest, dass alle zumindest eine Erinnerung an religiöse Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend haben. Er nimmt vor allem auch wahr, wie ungebrochen stark das Interesse an den grossen Fragen des Lebens, an den Geheimnissen des Dies- und des Jenseits ist. Und dann bekommt das spontane Gespräch plötzlich einen überraschenden Tiefgang.

Woran es liegt, dass die Kirche derart an Boden verloren hat und weiter verliert? Wieder lohnt es, sich, auf die Passanten auf der Strasse zu hören. Den kirchlichen Unterricht und auch die sonntäglichen Predigten haben viele als langweilig in Erinnerung, und von den Pfarrerinnen und Pfarrern wünschten sie sich mehr Nähe zu den Leuten. Wobei etliche auch ehrlich zu Protokoll geben, man habe halt immer so viel um die Ohren, dass für die Kirche schlicht keine Zeit bleibe.

Klar lässt sich nun einwenden, wer religiöse Bedürfnisse habe, könne getrost auch von sich aus Schritte auf die Kirche zu machen. Nur – vor dem Hintergrund, dass genau dieses Interesse ja da ist und der Funke trotzdem nicht überspringt, greift dieses Argument zu kurz. Die Reformierten müssen sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie sie als eines unter sehr vielen Angeboten den Brückenschlag überhaupt schaffen können.

Ihnen kommt in die Quere, was vor 500 Jahren die grosse Errungenschaft war: Mit ihrer radikalen Rückbesinnung und Konzentration auf das biblische Wort schufen sie eine Intellektualität, die sich über die Jahrhunderte hinweg stetig weiterentwickelt und dazu geführt hat, dass sich die heutige Theologie zum Grossteil völlig ne­ben der Basis bewegt. Bezeichnend dafür ist wiederum, was auf der Strasse zu hören ist: Die Katholiken mit ihren vielfältigen Ritualen hätten es einfacher. Bei ihnen könne allein der Weihrauchduft eine schlechte Predigt aufwiegen.

Die reformierte Kirche tut in dieser Situation gut daran, von ihrem Credo abzurücken, wer reformiert denke, suche in erster Linie die Verbindung zwischen Intellekt und Glaube. Viel besser ermuntert sie ihre Pfarrerinnen und Pfarrer dazu, sich Zeit für die Leute zu nehmen, mit ihnen direkt zu reden und genau hinzuhören, wo der Schuh drückt. Nur so kann es ihr gelingen, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.

Gerade im Kanton Bern, wo sich – für die Schweiz einzigartig – nach wie vor eine Bevölkerungsmehrheit zum reformierten Glauben bekennt, stehen die Chancen dafür gut. Die Zeit drängt allerdings. Weil heute eine Kirchenmitgliedschaft nicht mehr selbstverständlich ist, wird in naher Zukunft nicht mehr jeder und jede als Kind und Jugendlicher mit der Religion in Berührung gekommen sein, und damit fehlt im Erwachsenenalter der Anknüpfungspunkt. Die Kirche muss deshalb das Ruder schnell herumreissen. Es wäre eine Reformation der Reformation – nach 500 Jahren.

Berner Zeitung

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