Die junge Regisseurin mit dem antiken Stück

Sie ist gerade mal 27 Jahre alt und wagt sich an den ganz alten Stoff: Sophia Aurich inszeniert bei Konzert Theater Bern eine neue, emanzipierte Fassung des antiken Dramas «Orest».

Ganz entspannt: Regisseurin Sophia Aurich am Tag nach der Premiere.

Ganz entspannt: Regisseurin Sophia Aurich am Tag nach der Premiere.

(Bild: Nicole Philipp)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Während der Premiere wartete sie backstage, sie wollte nicht im Publikum sitzen. «Ich gehe immer so extrem mit», sagt Sophia Aurich am Tag danach. «Ich spreche sogar die Texte mit.» Die Regisseurin schickte Dramaturg Michael Gmaj in die Höhle des Löwen. Dahin, wo ein Stück erstmals an der Realität, dem Publikum, getestet wird. «Wenn man im Publikum sitzt, misst man den Erfolg oftmals am Lachen. Aber darum geht es in diesem Stück nicht, es geht um die Spannung, um die Konzentration.»

Aurich hat für Konzert Theater Bern «Orest» inszeniert. Sie hat dazu auf die Bearbeitung von John von Düffel zurückgegriffen, der drei antike Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides zusammengefasst hat. Wobei Aurichs Version noch einmal stark verändert ist, denn die griechischen Götter fallen nun ganz weg, sie hat den Figuren eine Innensicht gegeben, wodurch sie sich aus ihren Klischees befreien. Und am Schluss zitiert die Hauptfigur Elektra sogar Feministin Laurie Penny.

Rache und Schuld

«Orest», das ist ein unaufhörlicher Reigen von Verbrechen und Strafe. Die beiden Geschwister Orest und Elektra wollen sich an ihrer Mutter Klytaimnestra und deren Geliebtem Aigisthos rächen. Denn diese beiden haben ihnen den Vater genommen: König Agamemnon wurde von seiner Frau umgebracht, hatte aber zuvor die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert, um guten Wind zu haben, als er in den Krieg gegen Troja zog. Kurz: Es ist blutig und kompliziert.

Szene aus dem Stück «Orest». Bild: Annette Boutellier

Aurich ist schon seit Jahren fasziniert von den antiken griechischen Dramen. «Sie sind zeitlos, da geht es um Konflikte, um zerrüttete Familien, um Macht, Rache und Schuld», sagt sie. Nachdem sie die Idee, ein antikes Stück zu inszenieren, lange mit sich herumgetragen hatte, ging sie vor gut einem Jahr damit auf Schauspielleiter Cihan Inan zu. Nach mehreren An­passungen stimmte Inan dem Projekt zu, er habe ihr freie Hand gelassen, sei erst bei den Endproben reingesessen und habe Rückmeldungen gegeben, sagt die 27-Jährige.

«Orest» ist das zweite Stück, das Aurich für KTB inszeniert. Im letzten Frühjahr brachte sie bereits die Uraufführung von «Jemandland» von Ivona Brdjanovic auf die Bühne. Seit nunmehr vier Jahren macht die junge Berlinerin Regieassistenz in Bern. Ende Saison will sie die Stelle aufgeben, um ganz auf die Karte Regisseurin zu setzen. Aurich ist also auch unter Druck, «Orest» wird ihre Visitenkarte sein.

Dichte, mutige Inszenierung

Eine Visitenkarte mit eigener Handschrift. «Orest» in der kleinen Vidmar 2 will viel, das erkennt man bereits nach einigen Augenblicken. Denn die Figuren sind ohne Zweifel gefangen in einem ewig gleichen Kreislauf. Orest (Gabriel Schneider) muss immer wieder seine Mutter (Chantal Le Moign) umbringen, Elektra (Marie Popall) muss ihn immer wieder aufstacheln und dabei dem toten Vater nach­trauern, und Aigisthos (Stefano Wenk) muss immer wieder sterben, obwohl er doch eigentlich nur Nebenperson wäre.

Man sieht die Ambitionen aber auch an den dichten Dialogen, an den klug gesetzten Innenschauen, die in einer kleinen Videokabine stattfinden und dem Publikum in Übergrösse projiziert werden. Und man merkt es vor allem an den von Aurich selbst geschriebenen Einschüben, die der bereits modernisierten Fassung von John von Düffel noch eine zusätzliche Aktualität geben. Elektra, die als junge Frau die Sicht eines alten Mannes einnimmt, ja davon dominiert ist. Orest, der doch eigentlich sanftmütig und beeinflussbar ist.

«Da geht es um Konflikte, um zerrüttete Familien, um Macht, Rache und Schuld.»Regisseurin Sophia Aurich über antike griechische Tragödien

Mutter Klytaimnestra, die nicht nur wie in der ursprünglichen Fassung eine kaltblütige Seite hat. Die angelegten Klischees werden aufgeweicht, und irgendwann wird klar: Es geht um den freien Willen, es geht um Ver­antwortung, und es geht um die Emanzipation von Elektra, der bisher eine passive Rolle zukam. Die Zeit ist eine andere als bei den alten Griechen. Geschichte kann vielleicht auch umge­schrieben werden. Diese dringend nötige Aktualisierung gelingt Sophia Aurich bestechend und unterstützt durch das in­tensive Spiel des Schauspielquartetts.

Von jetzt an im Publikum

Die Premiere ist vorbei, Sophia Aurichs Premierenangst auch. Während der weiteren Vorstellungen wird sie anwesend sein, die Videokamera bedienen. Und weiter hoffen, dass dieses Stück ihr den nächsten grossen Schritt ermöglicht: Nur noch Regisseurin sein.

Nächste Vorstellung, So, 22.12.,18 Uhr, Vidmar 2. Bis 22.4.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt