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Die Gymerprüfung hat keinen Grammatikteil mehr

Diesen Sommer kommen die ersten Jugendlichen an die Gymnasien, die bereits ab der dritten Klasse Französisch lernen. Weil sie noch immer kaum Verben konjugieren können, musste der Grammatikteil der Aufnahmeprüfung gestrichen werden. Nun müssen die Gymerlehrer nachholen, was vorher nicht stattgefunden hat.

Die jetzigen Achtklässlerinnen und Achtklässler gehören zum ersten Frühfranzösisch-Jahrgang.
Die jetzigen Achtklässlerinnen und Achtklässler gehören zum ersten Frühfranzösisch-Jahrgang.
Imago

Über 14 Monate sind vergangen, seit sich Wilderswiler Eltern in einem besorgten Brief an Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) gewandt haben. Darin kritisierten sie, dass ihre Kinder nach vier Jahren Frühfranzösisch mit dem neuen Lehrmittel «Mille Feuilles» weniger Sprachkenntnisse hätten als ein Schüler nach einem Jahr mit «Bonne Chance».

Pulver riet ihnen daraufhin zur Geduld. Die Kinder würden nicht weniger, sondern einfach anders lernen, hiess es. Mit dem gleichen Mantra versuchte er auch Bildungsexperten zu beruhigen, die in dieselbe Kerbe schlugen wie die besorgten Eltern.

Seither ist es in Wilderswil ruhig geworden. An ihrer Einschätzung habe sich aber nichts geändert, sagt Brigitte Dissauer, die seinerzeit zu den Autoren des Briefes gehörte. «Vom neuen Lehrmittel bin ich noch immer nicht begeistert.» Die Franzkenntnisse ihrer Tochter hätten sich jedoch in den letzten anderthalb Jahren tatsächlich stark verbessert.

«Dafür sind aber in erster Linie der Lehrer und der Fleiss meiner Tochter verantwortlich, nicht die neue Didaktik», sagt Dissauer. Neben dem neuen Lehrmittel hat der Lehrer denn auch anderes Unterrichtsmaterial eingesetzt.

Gymnasien in der Pflicht

Trotzdem schaut die Mutter mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Denn die Tochter will ins Gymnasium. Zwar wurde sie vom Lehrer dafür empfohlen. «Aber auch wenn die Noten stimmen, hat sie andere Kenntnisse als die bisherigen Jugendlichen. Ich hoffe sehr, dass dies die Lehrer am Gymnasium berücksichtigen», sagt Dissauer.

Tatsächlich blickt man auch bei den Französischlehrern an den Berner Gymnasien dem ersten Frühfranzösischjahrgang mit unterschiedlichen Gefühlen entgegen. «Es herrscht eine skeptische Zuversicht, gemischt mit Spannung und Neugier», sagt Fachschaftspräsident Roger Hiltbrunner.

«Es herrscht eine skeptische Zuversicht, gemischt mit Spannung und Neugier»

Roger Hiltbrunner, Fachschaftspräsident

Unter den Lehrerinnen und Lehrern sei insbesondere die Befürchtung vorhanden, dass die Gymnasien ausbügeln müssen, was vorher nicht vermittelt wurde: die Struktur der Sprache – beispielsweise den korrekten Satzbau oder die Konjugation der Verben.

Denn eines ist klar: Am Ende der vier Gymerjahre müssen die Schüler auch weiterhin das bisher geforderte Niveau B2/C1 erreichen. «Das haben die pädagogischen Hochschulen und die Universitäten klargemacht», sagt Hiltbrunner. Da etwa die PH Bern bei der Französischausbildung unterdotiert sei, übertrage sie die Verantwortung für die sprachlichen Fähigkeiten der Studierenden auf die Gymnasien. «Diese sollten das Fanzösischniveau der künftigen Volksschullehrkräfte quasi im Alleingang sicherstellen», so Hiltbrunner.

Anforderungen verschoben

Um das Niveau auch in Zukunft zu halten, hätten sich die Gymerlehrer in den letzten Jahren intensiv mit dem neuen Sprachunterricht auf Primar- und ­Sekundarstufe befasst. «Wir haben laufend Kontakt mit den Volksschulen und machen auch Schulbesuche.» Dank diesem «Terrainkontakt», wie es Hiltbrunner nennt, sei aus der anfänglichen Panik die erwähnte «skeptische Zuversicht» ent­standen.

«Wir werden die Schülerinnen und Schüler dort abholen, wo sie sich befinden», sagt der Franzlehrer. Das bedeute aber nicht, dass die Anforderungen fürs Gymnasium gesenkt worden seien. «Anscheinend haben die Jugendlichen mehr Mut beim Sprechen und sind flexibler beim Verstehen geschriebener Texte. Beim Schreiben hingegen und im Hörverstehen bestehen möglicherweise Defizite.» Insofern hätte sich die Sprachbeherrschung vermutlich nicht verschlechtert, sondern innerhalb der Kompetenzen Hörverstehen, Leseverstehen, Sprechen und Schreiben verschoben. Dem gelte es Rechnung zu tragen.

Prüfung wurde angepasst

Auswirkungen hat das Frühfranzösisch deshalb auch auf die Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium, die jeweils im März stattfinden. Diese müssen jene Schüler absolvieren, die nicht von ihren Seklehrern empfohlen wurden. Bisher spielte dabei die Grammatik eine grosse Rolle. So mussten die Jugendlichen etwa Verben konjugieren oder verschiedene Zeitformen einsetzen.

In der neuen Prüfung wurde der Grammatikteil komplett gestrichen. «Wir können nichts prüfen, das vorher nicht so unterrichtet wurde», sagt Mario Battaglia, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Dafür beinhalte die Aufnahmeprüfung jetzt einen mündlichen Teil.

«Wir können nichts prüfen, das vorher nicht so unterrichtet wurde.»

Mario Battaglia, Erziehungsdirektion

Die Schüler müssen etwa ein Bild beschreiben, über einen Text sprechen und ihre Gedanken dazu formulieren. «Es gelten neu einfach andere Anforderungen, damit man ans Gymnasium gelangt», sagt Battaglia. Zudem seien die Texte komplexer, zu welchen die Jugendlichen schriftlich Fragen beantworten müssen.

Weniger Franzunterricht

Für die Gymerlehrer kommt ab dem Schuljahr 2017/2018 erschwerend hinzu, dass weniger Französisch unterrichtet wird. Total wird über die vier Schuljahre eine halbe Lektion pro Woche gestrichen. Dies geht auf eine Sparmassnahme aus 2013 zurück.

Ausserdem, so Hiltbrunner, würden die Klassen immer grösser, sodass sich das Betreuungsverhältnis verschlechtere. «Unsere Ausgangslage ist wirklich nicht ideal: Wir müssen mit weniger Lektionen und einem neuen Lehrmittel in der Volksschule dasselbe Sprachniveau erreichen wie zuvor», fasst er zusammen.

Ob dies tatsächlich gelinge, werde sich frühestens in rund zwei Jahren zeigen. Zentral sei dabei, dass den Lehrkräften genügend Freiräume und Ressourcen gewährt würden, damit sie auf die Herausforderungen reagieren könnten.

Für Brigitte Dissauer, die Mutter aus Wilderswil, ist allerdings klar: «Meine Tochter und die anderen Kinder des ersten Frühfranzjahrgangs werden mehr büffeln müssen als frühere Gymnasiasten.»

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