Bern

Die Grüne, die auch Bürgerlichen gefällt

BernChristine Häsler kämpft für die Grünen um einen Sitz im Stöckli und um den Erhalt ihres Nationalratssitzes. Ansonsten will die Oberländerin nichts Geringeres als die Welt retten.

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Der deutsche Sänger Tim Bendzko singt, dass er keine Zeit hat, weil er mal eben die Welt retten müsse. Den Songtext könnte Christine Häsler geschrieben haben. Es ist Montagnachmittag, die grüne Nationalrätin sitzt beim Interview in einem Café in ihrer Heimatgemeinde Grindelwald.

Immer schon habe sie die Welt retten wollen, sagt die 52-Jährige, nimmt einen Schluck Latte macchiato und schmunzelt: «In diesem Punkt bin ich nie richtig erwachsen geworden.»

Dabei hat sie mehrfach bewiesen, dass sie anpacken kann. Etwa, als sie kurz vor Ende des Bosnienkrieges Hilfsgüter ins Krisengebiet brachte. Wie sehr die Leute dort litten und was sie am dringendsten brauchten, haben ihr befreundete Saisonniers berichtet.

Sie, die Grindelwald nie zuvor verlassen hatte, fuhr ausgerechnet in ein Krisengebiet. Doch grosses Aufheben macht Häsler nicht darum. Mit ruhiger, fast leiser Stimme streift sie das Thema kurz, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, mal eben in den Krieg zu reisen.

Oder ein geistig behindertes Kind aus Indien zu adoptieren, wie sie und ihr damaliger Ehemann dies vor 23 Jahren getan haben. Die drei leiblichen Kinder waren 4, 6 und 10 Jahre alt.

Mit dem behinderten Kind konnte die damals 29-Jährige nicht mehr als Lütschentaler Gemeindeschreiberin arbeiten. Wie Häsler erzählt, klingt es weniger nach persönlichem Opfer als nach pragmatischem Entscheid: Sie tat, was getan werden musste.

Auch für Bürgerliche wählbar

Ihr Pragmatismus und ihre Bodenständigkeit haben der grünen Politikerin über die Parteigrenzen hinweg Sympathien beschert. Bei den kantonalen Wahlen 2014 erzielte sie nach dem Meiringer SVP-Grossrat Gerhard Fischer das zweitbeste Resultat in ihrem Wahlkreis. «Ich gebe meine Stimme lieber Christine Häsler als Peter Flück», sagt ein FDP-Wähler.

Häsler, die 2002 den Sprung in den Grossen Rat schaffte, wo sie von 2006 bis 2014 die Fraktion präsidierte, gilt als umgängliche, unermüdliche «Chrampferin». Sie sei integrativ, unaufgeregt und habe als Fraktionschefin Allianzen geschmiedet, sagt GLP-Grossrätin Barbara Mühlheim. «Vor lauter Integration hat sie jedoch Konflikte manchmal zu zögerlich auf den Tisch gebracht.»

Häsler sei nicht wie andere Grüne «ideologisch verblendet», sagt der FDP-Grossrat Philippe Müller. «Wenn es darauf ankam, stimmte sie aber stramm mit ihrer Fraktion.» Mit Niederlagen, wie sie die Linke im bürgerlich dominierten Rat oft einstecke, könne Häsler besser umgehen als manch anderer.

Falls es sie 2011 gewurmt hat, dass sie gegen die urbanen Kandidatinnen Regula Rytz, Franziska Teuscher und den bestplatzierten Ersatz, die Newcomerin Aline Trede, chancenlos war, dann liess sie es sich nicht anmerken.

Umso grösser dürfte ihr Triumph gewesen sein, als ihre Partei letzten Herbst die Land-Karte spielte und Häsler an allen vorbei als Ständeratskandidatin nominierte. Diesen Juni erbte sie zudem den Nationalratssitz von Alec von Graffenried.

Damit bleiben ihr zwei Sessionen, um sich den Berner Wählerinnen und Wählern als Bisherige zu empfehlen. Im Bundeshaus engagiert sich die Bergbauerntochter für die Bergregionen, die Asylpolitik («Die Schweiz soll 100'000 Syrer vorläufig aufnehmen») und für die Energiewende («Hier müssen die Grünen zeigen, dass sie mehr als verhindern können»).

Dass sie bei der Kraftwerke Oberhasli AG für die Kommunikation verantwortlich ist, ist für Häsler weder Widerspruch noch Interessenkonflikt. «Durch meinen Job weiss ich, wovon ich rede.»

Im Frühtau zu Berge

Ausserhalb des Parlaments tanzt Häsler auf mehreren Hochzeiten. Sie weibelt als Vizepräsidentin von Swiss Alps 3000 für abgasfreie Mobilität in den Alpen oder als Stiftungsratspräsidentin des Kunsthauses Interlaken für Kultur. Erholung findet die Politikerin im heimeligen Bauernhaus, das einst den Grosseltern gehörte.

Dort lebt die inzwischen, wie sie sagt, freundschaftlich geschiedene, zweifache Grossmutter allein und geniesst die Freiheit, so viel arbeiten zu können, wie sie will. Erholung findet Häsler auch in der Natur – es kommt vor, dass sie morgens erst auf den Berg und dann ins Büro geht

Am 18.Oktober steigt Häsler mit dem bisherigen Bieler SP-Ständerat Hans Stöckli ins Rennen um einen Sitz in der kleinen Kammer. Dabei dürfte sie chancenlos sein. Retten könnte sie allenfalls zwar nicht die Welt, aber ihren Nationalratssitz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2015, 12:07 Uhr

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