Die geschlechtergerechte Sprache

Auch in der Sprache ist es wichtig, beide Geschlechter gleichermassen zu berücksichtigen. Wie man dies am besten machen kann, wird im neuen Ratgeber der Universität Bern auf über 45 Seiten beschrieben.

Martin Reisigl und Lilian Fankhauser von der Universität Bern wissen, wie man geschlechtergerecht spricht.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Martin Reisigl und Lilian Fankhauser von der Universität Bern wissen, wie man geschlechtergerecht spricht.

(Bild: Beat Mathys)

«Liebe Leser...» Beginnt ein Text auf diese Weise, handelt es sich um eine sprachliche Diskrimi­nierung von Frauen. Weil nur die verallgemeinernde männliche Form – das sogenannte «generische Maskulinum» – verwendet wird, werden Frauen nämlich nicht auf dieselbe Weise begrüsst wie Männer.

«Zu begrüssen wäre hier die Paarform, also ‹Liebe Leserinnen und Leser›», erklärt Martin Reisigl, Assistenzprofessor am Germanistikinstitut der Universität Bern. Der Sprachwissenschaftler ist Hauptverfasser des Ratgebers zur «geschlechtergerechten Sprache», den die Universität diesen Frühling herausbrachte.

Die fast fünfzigseitige Broschüre liefert Studierenden, Lehrenden und Verwaltungsangestellten vier Grundprinzipien und eine Vielzahl von Strategien dazu, allen Geschlechtern sprachlich gerecht zu werden.

«Der Leitfaden soll einerseits dazu beitragen, dass die im Re­glement der Universität fest­gelegte Klausel für Gleichbe­rechtigung auch in Texten und Referaten umgesetzt wird», erklärt Lilian Fankhauser, Co-Leiterin der Abteilung für Gleichstellung. Dort steht, dass in offiziellen Texten der Universität beide Geschlechter berücksichtigt werden müssen.

Vielfalt schützt vor Floskeln

Andererseits geht das Ziel der Empfehlung aber weit über die sprachliche Ebene und das Umfeld der Universität hinaus: Sie soll auch dazu beitragen, dass die Chancengleichheit von Frauen und Männern in allen Lebens­lagen besser umgesetzt wird. «Die Sprache ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung», erklärt Martin Reisigl, «sie beeinflusst auch unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln.»

Wer sich konsequent an die sprachlichen Regeln halte, wende diese irgendwann selbstverständlich an und übertrage den Gleichstellungs­gedanken dann vielleicht auch auf andere Lebensbereiche.

«Die Sprache ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung.»Martin Reisigl

«Man sollte aber nicht immer nur stur dieselbe Formel wiederholen», warnt Reisigl und nennt als Beispiel politische Ansprachen, die meist mit dem Satz «Liebe Schweizerinnen, liebe Schweizer» beginnen, ohne dass im weiteren Verlauf der Rede konsequent an Frauen und Männer gedacht wird. Diese Taktik mute daher oft floskelhaft und halbherzig an.

Empfehlenswert sei dagegen ein möglichst viel­fältiger Gebrauch der verschiedenen Strategien, mit stetem Bedacht auf die Lesbarkeit. Entsprechend werden auch in den Empfehlungen der Universität verschiedene Lösungsansätze präsentiert.

Die Broschüre befasst sich neben der schriftlichen auch mit der mündlichen und der visuellen Sprache. Denn auch Abbildungen können diskriminierend sein – etwa wenn Männer tendenziell häufiger im Fokus stehen und Frauen an den Rand gedrängt werden.

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sei auch heute immer noch ein wichtiges Thema. «Das sieht man bereits an der Universität Bern», nennt Lilian Fankhauser ein Beispiel, «hier gibt es zwar mehr Studentinnen als Studenten – die Pro­fessuren sind aber hauptsächlich von Männern besetzt.»

«Auch wenn man sich nicht persönlich angegriffen fühlt, braucht es doch einen zusätzlichen Gedankengang dazu, Frauen mitzudenken.»Lilian Fankhauser

Doch fühlt man sich als Frau wirklich benachteiligt, wenn ausschliesslich das angeblich generische Maskulinum verwendet wird, also schlicht «Liebe Leser» am Anfang eines Textes steht? «Die Diskriminierung geschieht oft un­bewusst», erklärt Fankhauser, «auch wenn man sich nicht persönlich angegriffen fühlt, braucht es doch einen zusätzlichen Gedankengang dazu, Frauen mitzudenken.»

Manche würden diesen Schritt gar nicht erst machen. Wenn aber umgekehrt lediglich von Leserinnen die Rede ist, würden sich Männer keineswegs mit angesprochen fühlen. Genau hier liege die Diskriminierung. Zudem gebe es zahlreiche Studien, die aufzeigten, dass es durchaus einen Unterschied mache, ob beide Geschlechter erwähnt würden oder nicht. «Wird beispielsweise nur das vermeintlich generische Maskulinum verwendet, werden Frauen gedanklich weniger stark einbezogen als Männer», betont Reisigl.

Kreativ statt umständlich

Trotz dieser Vielzahl von Argumenten für die geschlechter­gerechte Sprache wird diese auch an der Universität nicht konsequent umgesetzt. Weshalb? «Ein häufig genanntes Argument ist, dass diese Art der Sprachver­wendung aufwendiger und komplizierter sei», so Reisigl. Diese Entschuldigung lassen die beiden nicht gelten. Es gebe viele einfache Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu formulieren.

«Man muss nicht immer die längere Paarform verwenden, sondern kann auf eine Vielzahl von anderen, kreativen Möglichkeiten zurückgreifen», meint Fankhauser. So müsse man einen Text beispielsweise nicht zwingend mit «Liebe Leserinnen und Leser» beginnen, sondern könne auch einmal eine geschlechts­unspezifische abstraktere Version wählen und «Liebe Lesende» schreiben.

Berner Zeitung

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