Die Geschichte der Frauenbewegung ist gefährdet

Worblaufen

Die Gosteli-Stiftung erhält den Kulturpreis der Burgergemeinde Bern. Doch die 100'000 Franken Preisgeld sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein: Dem Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung geht das Geld aus.

Viel Zeit zum Diskutieren bleibt nicht, im Archiv gibt es viel zu tun: Die 99-jährige Stifterin Marthe Gosteli und die 38-jährige Leiterin Silvia Bühler.

Viel Zeit zum Diskutieren bleibt nicht, im Archiv gibt es viel zu tun: Die 99-jährige Stifterin Marthe Gosteli und die 38-jährige Leiterin Silvia Bühler.

(Bild: Urs Baumann)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Frau Bühler, was macht das Archiv der Frauenrechtlerin Marthe Gosteli eigentlich?Silvia Bühler:Bis heute über­nehmen wir Bestände. Gerade heute Morgen hat jemand einen Koffer voller Akten abgeliefert. Eine Nachlieferung zu einem Nachlass.

Was sind das für Nachlässe? Wir bewahren gegen zweihundert Nachlässe von Privaten auf. Das sind Frauen aus den verschiedensten Bereichen, Frauenrechtlerinnen, Theologinnen, Frauen aus der Wirtschaft. Zudem archivieren wir auch die Unterlagen von über zweihundert Frauenvereinen, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Frauen, aber auch für die Gesellschaft und das Gemeinwohl engagiert haben. Ein Beispiel dafür ist die Spitex. Als Frau Gosteli vor 35 Jahren das Archiv eröffnete, haben die staatlichen Archive nur sehr begrenzt Unterlagen aus privater Herkunft gesammelt. Frau Gosteli ist in die Bresche gesprungen.

Und wer benutzt diese Dokumente? Zu uns kommen Forscherinnen und Wissenschaftler, Studierende, Medienschaffende, Schüler und Schülerinnen. Gerade das Frauenstimmrecht ist immer wieder Thema von Maturarbeiten. Wir bieten auch Führungen an, Frauenorganisationen sind da sehr interessiert. Sie wollen ihre eigene Geschichte erzählt bekommen.

Werden diese Bestände auch digitalisiert? Sie werden in einem digitalen Verzeichnis erfasst, damit Be­nutzerinnen und Benutzer online recherchieren können. Einzelne Dokumente werden auf Anfrage digitalisiert, aber für die vollständige Digitalisierung fehlt es uns an Zeit und Geld.

Im März kommt der Film «Die göttliche Ordnung» von Re­gisseurin Petra Volpe ins Kino. Darin geht es um die Einführung des Frauenstimmrechts – und Petra Volpe sagt, Initialzündung für den Film sei eine Notiz im Gosteli-Archiv gewesen. Ja, sie hat sich mit einer Notiz auf einem Einzahlungsschein der Stimmrechtsgegnerin Gertrud Haldimann-Weiss zu ihrer Hauptfigur inspirieren lassen. Das ist natürlich toll. So wird auch für ein breites Publikum sichtbar, dass solche künstlerischen Produktionen auch dank einem Input unseres Archivs ­entstehen können. Wir Archive kämpfen ja generell gegen das Vorurteil, staubig, langweilig und veraltet zu sein. Und wir hier im Gosteli-Archiv kämpfen noch gegen ein zweites Vorurteil, das der verbissenen Feministinnen.

Das Gosteli-Archiv befindet sich in Altikofen in Worblaufen. Bild: zvg

Da muss es eine Erleichterung sein, den Kulturpreis der Burgergemeinde Bern zu bekommen. Ja, wir sind sehr glücklich über diese Ehrung. Die 100 000 Franken sichern zudem unseren Betrieb für etwa ein halbes Jahr. Das Archiv finanziert sich ja über Spenden und eigene Mittel. Unser Stiftungsvermögen schrumpft leider von Jahr zu Jahr um etwa 100'000 Franken. Lange konnte Frau Gosteli das Archiv mit grossen Beiträgen unterstützen. Auch weil ihre Mitstreite­rinnen ihr Geld dem Archiv vermachten. Doch diese Frauen leben nicht mehr. Archivieren ist nicht gratis, Infrastruktur und Löhne müssen bezahlt werden.

Und Fördergelder? Bereits in den 1990er-Jahren haben wir uns um Bundesbeiträge bemüht, das ist jedoch an fehlender Subsidiarität gescheitert. Der Bund sagt: Wir zahlen nur, wenn der Kanton auch zahlt. In den letzten zwei Jahren haben wir erneut Gespräche mit den Behörden aufgenommen und hoffen, dass wir die Zukunft des Archivs langfristig sichern können.

Sind die finanziellen Probleme denn akut? Wir können uns ausrechnen, wie viel Geld es noch hat und wie lange es noch reicht. Ende 2015 hatten wir noch gut 450'000 Franken. Wobei es sehr schwer ist, die Höhe an Spenden vorauszusagen.

Der Anschluss an ein Bundesarchiv ist kein Thema? Es ist der Wunsch von Frau Gosteli, der sogenannte Stifterinnenwille, dass wir unabhängig und neutral bleiben und das Archiv am jetzigen Standort Altikofen weitergeführt wird. Aber wenn es uns nicht gelingt, den Betrieb auf finanziell gesunde Füsse zu stellen, müssen wir schauen, dass die Unterlagen irgendwo gesichert werden.

Können Sie sich überhaupt über den Kulturpreis freuen? Natürlich! Der Preis ist eine rie­sige Freude. Wir freuen uns auch über die Anerkennung der Burgergemeinde für unsere Arbeit. Und wir spüren seither ein grosses Wohlwollen von allen Seiten. Das gibt uns Auftrieb. Wir machen diese Arbeit nicht einfach zum Spass, wir machen das im Dienste der Öffentlichkeit und der Forschung. Gerade das Zen­trum für Geschlechterforschung der Universität Bern versicherte uns mehrmals, wie wichtig wir seien.

Dann schaut das Archiv trotz Problemen zuversichtlich in die Zukunft? Ja, wir glauben fest daran, dass es noch eine Lösung gibt. Wenn es uns nicht mehr geben würde, würde man die Frauen gleich noch einmal strafen. Bis 1971 durften sie nicht aktiv am politischen Leben teilhaben, und jetzt ist auch noch ihre Geschichte gefährdet. Aber noch machen wir den Laden nicht dicht. Der Kilometer Akten, den wir hier haben, steht der Forschung weiterhin zur Verfügung.

Berner Zeitung

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