Die Fusion bewegt die Gemüter

Tägertschi

Die Gemeinde Tägertschi entscheidet am Dienstag, ob sie mit Münsingen fusionieren will. Es wäre das Ende eines jahrelangen Konflikts zwischen Alteingesessenen und Neuzuzügern.

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Quentin Schlapbach@qscBZ

«Halt der S 2 nur noch im Stundentakt» steht auf dem froschgrünen Metallschild am Bahnhof Tägertschi. Die BLS muss aufgrund von Bauarbeiten im Wankdorf den Fahrplan straffen. Tä­gertschi fällt dem zum Opfer. Das Beispiel zeigt: Ein bäuerlich geprägtes 393-Seelen-Dorf hat es schwer, im Konzert der Grossen gehört zu werden. Und in Täger­tschi fehlt es in naher Zukunft nicht nur an Zügen, sondern auch an finanziellen Mitteln.

«Die vor­aussichtlichen Defizite belaufen sich im Mehrjahresschnitt auf rund 65'000 Franken», heisst es im Finanzplan 2015–2020. Im Jahr 2020 drohen bereits rote Zahlen. Schon 2013 läuteten beim Gemeinderat deshalb die Alarmglocken. Heute nun befindet die Gemeindeversammlung über eine Fusion mit Münsingen.

Heinz Habegger wohnt seit seiner Geburt in Tägertschi. Sein Hof liegt gleich neben dem Haus, in dem er zur Welt kam. «Schade, dass es so weit kommen musste», sagt der pensionierte Landwirt zur aktuellen Situation. Was ihn am meisten beschäftigt: der Verlust der Eigenständigkeit. «In einer kleinen Gemeinde wird mehr gespart», ist er überzeugt. Dass Tägertschi steuerlich von der Fusion profitieren würde, lässt Habegger nicht gelten. «Dafür sind einige Gebühren höher.»

Vor zweieinhalb Jahren gab die Gemeindeversammlung grünes Licht für die Fusionsabklärungen mit den umliegenden Gemeinden. Auch Konolfingen kam in­frage. Er sei damals dagegen gewesen, sagt Habegger. Aber jetzt sei es zu spät. «Man hätte den Lauf der Dinge vorher stoppen sollen.»

«Klar tut das weh»

Neben Habeggers Hof liegt die Käserei. Es ist die einzige Einkaufsmöglichkeit in Tägertschi. Vor dem Eindunkeln liefern die Bauern hier die Milch ab. Einer von ihnen ist Fritz Gäumann. Er wohnt in Ämligen, dem zugehörigen Weiler. «Klar tut das weh», sagt Gäumann zum drohenden Autonomieverlust. Er hätte die Fusion mit Konolfingen bevorzugt, so der Landwirt. Münsingen nehme zusehends die Form einer Kleinstadt an. «Ich hoffe der Bauboom wird nicht nach Tägertschi verlagert.» Platz dafür hätte es in der 3,6 Quadratkilometer grossen Gemeinde. Flächenmässig ist Tägertschi gut dreimal kleiner als Münsingen. Aber im Nachbarort leben fast dreissigmal mehr Menschen.

«Münsingen-Nord»

Er komme nicht aus Tägertschi, sagt Thomas Gerber, der gerade aus dem Zug gestiegen ist. Aber zur Gemeindefusion hat der Münsinger auch etwas zu sagen. Seine Gemeinde stimmte am vergangenen Abstimmungswochenende mit 94,3 Prozent für die Fusion. «Es wäre ein logischer Schritt», so Gerber. Im Gegensatz zu Gäumann hofft er, dass das neue Münsingen auch im Ortsteil Tägertschi wachsen wird. «Münsingen hat bereits ein Dichteproblem», so Gerber.

Und seine zweite Hoffnung: dass am Bahnhof Tägertschi – von Gerber kurzerhand in «Münsingen-Nord» unbenannt – wieder mehr Züge halten werden. Gleich neben dem Bahnhof liegt das Restaurant Bahnhof. Seine Kundschaft stamme vor allem aus Münsingen, informiert der Wirt. Die eigentliche Dorfbeiz – das Restaurant zum Wilhelm Tell – hat an diesem Donnerstag geschlossen.

Peter Theilkäs rührt in seinem Tee. Er sei klar für die Fusion, so der Kadermann der in Affoltern beheimateten Viscom AG. Gesellschaftlich und kulturell ge­höre Tägertschi zu Münsingen, ist Theilkäs überzeugt. Kalt lässt ihn der Verlust der Eigenständigkeit aber nicht. «Es war toll, eine autonome Republik zu sein», so Theilkäs. Bedenken, dass Täger­tschi verbaut werde, hat er, der vor dreissig Jahren von Münsingen in den Nachbarort «ausgewandert» ist, nicht. «Trimstein ist ein gutes Beispiel, dass eine Fusion von Vorteil ist», so Theilkäs. Das Dorf nördlich von Tä­gertschi fusionierte vor drei Jahren mit Münsingen.

Ein alter Konflikt

Dass Theilkäs, obwohl er bereits dreissig Jahre in Tägertschi wohnt, sich noch immer als «Zuzüger» bezeichnet, erstaunt. Die Nachfrage beim nächsten Einwohner zeigt aber, dass dies in der kleinen Gemeinde tatsächlich ein Thema ist. Er wohne erst seit zwanzig Jahren in Tägertschi, sagt der Mann entschuldigend. Mit Name und Bild Stellung nehmen finde er daher nicht angebracht.

Eine Frau, die kein Problem hat, ihre Meinung zu sagen, ist Beatrice Bühlmann. Auch sie ist eine Zuzügerin. Vor dreissig Jahren kam sie nach Tägertschi. «Diese Fusion hätte schon viel eher passieren sollen», so die ­ehemalige Gemeinderätin. Sie bestätigt, dass es zwischen den Zugezogenen und den Alteingesessenen immer wieder Meinungsverschiedenheiten gab. Früher versuchte sie für die Gemeindeversammlungen daher noch Leute zu mobilisieren. Sodass, neben den stets vertretenen Landwirten und Schützen, noch eine andere Meinung vertreten war. «Dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr», sagt Bühlmann etwas resigniert.

Trotzdem: Sie wird heute Dienstag an der Versammlung teilnehmen. Und sie hoffe, dass alle, die in Tägertschi wohnhaft sind, heute von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen würden, so Bühlmann. Auch um jene zu überstimmen, bei denen das Nein des Bauches immer noch mehr zählt als das Ja des Kopfs.

Berner Zeitung

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