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Die Filmwochenschau aus Köniz

Ein Krokodil und ein Ozelot waren 1959 die Attraktion am Neuhausplatz – davon berichtete die Könizer Filmwochenschau. Gedreht wurde sie von Ernst Maur­hofer, gezeigt in dessen Kino.

Die alte Kasse vor sich: Elsbeth Maurhofer (rechts) und ihre Tochter Katharina Siegenthaler schwelgen in Erinnerungen an ihr Kino.
Die alte Kasse vor sich: Elsbeth Maurhofer (rechts) und ihre Tochter Katharina Siegenthaler schwelgen in Erinnerungen an ihr Kino.
Beat Mathys
Die grosse Leinwand vor Augen: Blick in den Saal des Kinos Elite mit seinen 377 Plätzen.
Die grosse Leinwand vor Augen: Blick in den Saal des Kinos Elite mit seinen 377 Plätzen.
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Stattlicher Bau: Das Kino Elite am Neuhausplatz im Liebefeld wurde zu Beginn der 1950er-Jahre neu erstellt.
Stattlicher Bau: Das Kino Elite am Neuhausplatz im Liebefeld wurde zu Beginn der 1950er-Jahre neu erstellt.
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Ein Krokodil von 1,30 Meter Länge, «lebendig», wie der Kommentator anmerkt. Dazu ein schön ­gemusterter Ozelot «mit einem Pelzli», so die Stimme aus dem Off weiter, an dem die Frauen ihre helle Freude haben.

Beides gibt es ­«im Café Afrika», Pardon, im Café Rondell am Neuhausplatz im Liebefeld. Es ist das Jahr 1959, und Ernst Maurhofer ist einmal mehr mit seiner Kamera unterwegs. Der Besitzer und Betreiber des Kinos Elite schräg gegenüber fängt das Neuste aus dem Dorf­leben von Köniz ein.

Gezeigt werden diese und viele weitere Bilder später, schön zusammengeschnitten und mit passendem Kommentar und stimmiger Musik unterlegt, im Vorprogramm des Kinos Elite. Als Könizer Filmwochenschau in 13 Fol­gen – Maurhofer nimmt im noch analogen Köniz vorweg, was im digitalen Hier und Heute zum guten Ton gehört. In Lyss etwa, wo das Lokalfernsehen Loly aus dem Dorfleben berichtet. Oder in der Region Gantrisch, wo der Internetkanal Guggi-TV dasselbe tut.

Professionell eingelagert

Elsbeth Maurhofer sitzt in ihrer Wohnung im Spiegel, vor sich die alte Kinokasse mit einem Stock alter angelaufener Münzen. Die 92-Jährige, die das Kino gemeinsam mit ihrem Mann aufgebaut hat und auch Abend für Abend an der Kasse gesessen ist, erinnert sich noch gut an die Könizer Wochenschau. Und an ihr grosses Vorbild, die Schweizer Filmwochenschau – auch sie lief im Elite jeweils als Vorfilm.

Diese legendären, ebenfalls bis zu achtminütigen Filme wurden zwischen 1940 und 1975 produziert und beleuchteten die Welt aus Schweizer Sicht. Im Bestreben, der deutschen und französischen Propaganda des Zweiten Weltkriegs etwas Eigenes ent­ge­ge­nzu­setzen, förderte der Bundesrat die Streifen mit Geld. Die ­Kinos mussten sie auch abonnieren und obligatorisch vorführen – heute gelten sie als wertvolle Zeugen dieser Epoche.

Als Zeitdokument bezeichnet Katharina Siegenthaler auch die Wochenschauen aus Köniz. Letztes Jahr hat die Tochter von Elsbeth und Ernst Maurhofer die Filmrollen vom Estrich geholt und sie der ortsgeschichtlichen Sammlung der Gemeinde Köniz geschenkt. Die wiederum reichte sie als Leihgabe an die Kinemathek in Bern weiter, wo sie digitalisiert wurden und nun in einem professionellen Umfeld lagern. Weggesperrt sind sie aber nicht: Am Mittwoch lädt die Gemeinde zum Kinoabend mit zwei Teilen der Wochenschau.

Brand im Rössli Gasel

Nach der Exotik im Café Rondell streift Ernst Maurhofer in seiner Wochenschau noch den Brand im Rössli Gasel. In der nächsten Ausgabe befasst er sich mit den Folgen des Feuers: Freiwillige gehen von Tür zu Tür und sammeln Geld, die Bauern brechen auf in die Wälder und fällen Bäume. Altertümliche Traktoren und Gespanne mit Ross und Wagen bringen die Stämme nach Gasel, wo sie in der Säge zu Bauholz verarbeitet und dem Rössli-Wirt sowie dem eingemieteten Metzger zum Wiederaufbau geschenkt werden. Holzfuhren wie diese wa­ren Brauch, wenn ein Unglück seine Opfer forderte.

Klar, sagt Katharina Siegenthaler in der Wohnung im Spiegel: «Die Wochenschau schuf Nähe und lockte die Leute ins Kino.» Dass das Publikum nicht einfach so kommt, hatten die noch jungen Eltern am eigenen Leib erfahren: Als Ernst und Elsbeth Maurhofer 1953 den erst zweijährigen Betrieb mit seinen 377 Plätzen übernahmen, lief das Geschäft harzig. Das Blatt wendete sich aber bald. Dank einer geschickten Filmwahl mit allerhand Kassenschlagern, aber auch dank anderer Aktivitäten: Die legendären, vom Nahrungsmittelmulti Nestlé gesponserten Filmnachmittage des Fip-Fop-Clubs seien in Köniz noch präsent, sagt Elsbeth Maurhofer.

Der geschäftliche Erfolg überdauerte die 1960er-Jahre nicht. Weil immer mehr Familien einen Fernseher hatten, versiegte der Zuschauerstrom. Ernst Maur­hofer reagierte, machte das Kino 1968 zu und baute den Saal zum TV-Geschäft um. Später zog das Schuhhaus Ferstl ein. Für Elsbeth Maurhofer war das Ende im Elite nicht ohne Bitterkeit: «Zur letzten Vorstellung kamen noch fünf Personen.»Könizer Filmwochenschau:1. November, 18 Uhr, Gemeindehaus Köniz (Fünfliber-Anlass).

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