Die eiskalte Aare lockt die Gfrörli zum Bade

Sind andere dick vermummt, packt die Berner Gfrörli Badelust. Von November bis April steigen sie zweimal pro Woche in die Aare. Dabei ist auch Redaktorin Laura Fehlmann.

So fühlt sich ein Aareschwumm während der russischen Kältepeitsche an.
Video: Christian Häderli

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Warum Winterschwimmen? Nun, ist die Luft minus zehn Grad kalt, die Wassertemperatur drei Grad warm, dann spricht nichts da­gegen. Erst recht nicht, wenn die Sonne scheint. Die Aare fliesst langsam. Der Geruch des grünen Wassers macht mich ganz ungeduldig.

Dann, kurz vor 11.30 Uhr, treffe ich mich mit den Mitgliedern des Berner Gfrörli-Clubs im Pärkli beim Altenbergsteg. Er­staunlich: Auf dem temperaturmässigen Tiefpunkt dieses Winters treffen nach und nach acht Schwimmerinnen und Schwimmer ein.

Trotz kalter Bise. Die Jacke behalte ich noch an, ziehe Stiefel, Socken und Hose aus, schlüpfe in die Neoprenschuhe. Den Badeanzug habe ich schon am Morgen angezogen. So. Bereit für den Aareschwumm.

Die meisten der Gruppe laufen mit Hardlinerin Anna «Annush­ka» Leykum ein paar Hundert Meter flussaufwärts. Die Frau ist Gründungsmitglied des Gfrörli-Clubs und stammt aus Russland, wo Eisschwimmen Volkssport ist. Ihr wird es nie zu kalt. Mir selber reicht es, bei diesen Tiefsttemperaturen bloss von einem «Stägli» zum andern zu schwimmen.

Darauf freue ich mich im Wissen, dass das Wasser heute ja viel wärmer ist als die Luft. Ohne zu zögern, laufe ich los, springe lustvoll ins Wasser, lege mich hinein und schwimme gegen den nächsten Ausstieg. Nach wenigen Sekunden fühlen sich Hände und Füsse steif an.

Nacken und Schultern schmerzen, das Atmen fällt schwer. Die andern Gfrörli haben mich schon im November be­lehrt: «Eine Minute durchhalten, dann hören die Schmerzen auf.» Ich lasse mich treiben, atme tief und langsam, tauche mein Ge­sicht ins Wasser. Aber nach einer Minute gebe ich auf und schwimme zur Treppe mit dem roten Geländer. Es ist genug für heute.

Draussen kühlt die beissende Bise meinen nassen Körper augenblicklich ab. Die betäubte Haut erwacht, schmerzt, wie von tausend Nadeln gepikst. Da hilft auch Rennen nicht. Rasch zu den Kleidern, kräftig abrubbeln und in Rekordzeit anziehen. Aber weder zwei Wollpullis unter dem Daunenmantel noch die Lammfellstiefel können den gequälten Leib erwärmen.

Trotz Textilschichten und Handschuhen friere ich jämmerlich, zittere wie ein Wackelpudding und hüpfe auf und ab, bis die andern plaudernd angeschwommen kommen und rot wie Krebse an Land klettern. Die Kollegen haben in der Aare ein Velo und einen Stuhl gefunden und tragen die Gegenstände ans Trockene.

In Russland habe ich schon bei viel kälteren Temperaturen gebadet.Anna «Annushka» Leykum

Annushka Leykum steigt als Letzte aus dem Wasser, strahlend lächelnd wie gewohnt. «In Russland habe ich schon bei viel kälteren Temperaturen ge­badet», sagt sie. Mit klappern­den Zähnen eilen alle zu ihren Kleidern.

Auf dem Altenbergsteg stehen Zuschauer. Einige kommen ins Pärkli und erkundigen sich: «Macht ihr das jeden Tag?» Oder: «Warum macht ihr das? Ist das gesund?» Diese Fragen werden immer wieder gestellt – eine Gelegenheit, selber über die eigenen Beweggründe nachzudenken.

Jeden Tag? Nein. Gesund? Vielleicht. Warum? Um herauszufinden, wo meine Grenzen sind. Schon als Kind habe ich mit meiner Mutter in eiskalten Bergbächen gebadet. Oder wir gingen barfuss durch den Schnee. Bei beidem ging es darum, wer län­ger durchhält.

Diesen Wettstreit habe ich immer verloren, und Mueti gewann mit triumphierendem Lachen. Das hat mich aber nie entmutigt, sondern angespornt. Vielleicht wirkt das bis heute nach. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.02.2018, 18:03 Uhr

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