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Die Dänin bringt die Düsternis

Sie gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Skandinaviens: Josefine Klougart unterrichtet diesen Herbst an der Universität Bern. Nicht nur mit guter Literatur beschäftigt die Dänin, auch politisch ist sie engagiert.

Für Josefine Klougart ist Literatur dann gut, wenn der Leser sich durch sie wandelt.
Für Josefine Klougart ist Literatur dann gut, wenn der Leser sich durch sie wandelt.
Nicole Philipp

Sobald die Kamera auf sie gerichtet wird, wird Josefine Klougart zu einem anderen Menschen: Das sonst so präsente Lächeln in ihrem Gesicht verschwindet, sie hebt die linke Augenbraue, blickt leicht lasziv in das Objektiv der Fotografin und wechselt dabei, ganz professionell, regelmässig die Pose. Sobald sich die Kamera wieder senkt und die Fotografin nach einem neuen Blickwinkel sucht, ist Josefine Klougart wieder ganz sie selbst. «Meine Schwester ist Fotografin», erklärt die Dänin auf Englisch, «ich bin es also gewohnt, fotografiert zu werden.»

Vor der Kamera zu stehen, gehört auch zu ihrem Beruf: Josefine Klougart gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten jungen Autorinnen Skandinaviens. Letztes Jahr erschien ihr fünfter Roman «New Forest». Diesen Herbst verbringt Klougart in Bern: Sie belegt die Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessur für Weltliteratur (siehe Box). Es sei ihr erstes Mal in der Schweiz, gesteht die 32-Jährige: «Bern ist herrlich!»

Unangenehme Themen

Nicht nur während des Fotoshootings macht Josefine Klougart einen souveränen Eindruck: Auch das Gespräch wird von der hochgewachsenen Frau dominiert. Diese Selbstsicherheit kommt ihr auch während des Unterrichts zugute: Einmal pro Woche leitet Klougart an der Universität ein Seminar über das Thema «Darkness», also Düsternis, in der Literatur.

Der Begriff Düsternis stehe dabei einerseits für unangenehme Themen, die in ihren Büchern einen hohen Stellenwert einnehmen –so handelt ihr neues Werk etwa von einem drogensüchtigen Onkel. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der negative Erlebnisse möglichst schnell überwunden werden müssen», enerviert sich Klougart und bezeichnet diesen Umstand als absurd: «So funktioniert der Mensch einfach nicht.»

Ein wirrer Arbeitsprozess

Die Düsternis stehe aber auch für das Unbekannte, für alles, was wir nicht sehen oder wissen. «Obwohl Lesen eigentlich zu mehr Klarheit führen sollte, produziert es oft Dunkelheit», so Klougart. Sie möchte diesem Trend entgegenwirken: Anders als bei Goethe und Schiller muss man bei Klougart nicht viel Interpretationsarbeit leisten: Sie schreibe direkt das, was sie sagen wolle.

In ihren Büchern stecke viel Autobiografisches, meint Klougart. Das habe mit ihrem Schreibprozess zu tun: «Ich sammle alle meine Gedanken, Briefe und Nachrichten in einem einzigen Dokument.» Dieses sei ungefähr achtmal so lang wie das fertige Werk. Zum Vergleich: «New Forest» umfasst rund 700 Seiten. Diese wirre Ansammlung sichte sie dann, suche darin nach sich wiederholenden Bildern und forme daraus eine Geschichte.

Ein Thema, das die Schriftstellerin beschäftigt und öfters in ihren Werken auftaucht, ist die Natur. «Ich verstehe nicht, wieso sich der Mensch stets von der ­Natur abgrenzt», sagt Klougart – schliesslich seien wir doch ein Bestandteil davon. Und spätestens wenn Klougart abschweift, um über die Absurdität der Ressourcenausbeutung zu diskutieren, merkt man, wie politisch engagiert sie ist.

Lesen als Selbstbildung

Politik ist für Josefine Klougart ohnehin ein wichtiges Thema: In ihrer Heimat Dänemark war sie Mitglied verschiedener Gesprächskreise, die sich intensiv mit den Themen Gesellschaft und Umwelt beschäftigten. Die dadurch gewonnenen Sichtweisen spiegeln sich nicht nur während des Gesprächs, sondern auch in ihren Büchern wider.

«Literatur kann gar nicht nicht politisch sein», meint Klougart und präzisiert den Gedanken sogleich: Gute Literatur bringe den Leser dazu, die Dinge genauer zu überdenken – ein grundlegend politischer Vorgang.

Damit beantwortet Klougart auch gleich eine der Hauptfragen, die sie während ihres Seminars an der Universität klären möchte: Was macht gute Literatur eigentlich aus? Die Dänin selbst hat eine klare These: Ein gutes Werk ruft im Leser eine Veränderung hervor. «Deshalb tendieren wir auch dazu, uns in der Literatur wiederzuerkennen: weil wir unbewusst bereits von ihr geformt wurden.»

Öffentliches Gespräch mit Josefine Klougart am 25. Oktober, 18.30 Uhr, in der Burgerbibliothek Bern.

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