Bern

Die Berner Veloliebe

BernHeute feiert das Velo seinen 200. Geburtstag. Man kann sich einfacheres Terrain vorstellen als Bern,um den Draht zum Fahrrad zu ­finden. Aber wie in jeder ­Beziehung gilt: Man muss an ihr arbeiten, sonst welkt die ­Liebe. Wenn es denn Liebe ist.

Berner Veloliebhaber über Stürze, Helden und Schwerelosigkeit. Video: Claudia Salzmann

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In meinem Erwachsenenleben bin ich mit sechs Velos ernsthafte Beziehungen eingegangen, teilweise liefen (und laufen) sie parallel, und die Trennungen, selbst wenn der altersbedingte Ruhestand der Grund war, waren immer emotional.

Aber Liebe? Natürlich bin ich Karl Freiherr Drais von Sauerbronn dankbar, der sich am 12. Juni 1817 auf sein Laufgefährt schwang und wegen der stahlbereiften Holzräder lärmend durch die gepflästerten Gassen Mannheims pfeilte.

Drais war der erste Velofahrer der Welt, und es ist sicher nicht falsch, wenn ich mich, zusammen mit den Milliarden Velofahrerinnen und Velofahrern weltweit, quasi in einer Verwandtschaftslinie mit ihm sehe. Dass man als Radfahrer in Bern regelmässig über gepflästerte Strassen rattert, kann man auch als holprige Verneigung vor dem Erfinder des Velos verstehen.

Protest gegen Autoverkehr

Drais war ein adliger Freak. Der Sommer 1817 fiel in Europa wegen eines Vulkanausbruchs in Südostasien aus, die Nahrung wurde knapp, und weil Pferde fehlten, gelang ihm in der Not eine bahnbrechende Innovation.

Aber er konnte nicht erahnen, was zwei von einem Rahmen ­zusammengehaltene Räder 200 Jahre später in der satten Dienstleistungsgesellschaft in Hirn, Herz und Seele von Menschen anrichten würden, die ihre Tage hauptsächlich sitzend vor Computern verbringen.

Zugegebenermassen betrachtete ich das Velo lange bloss als günstiges Fortbewegungsmittel und als (vor 30 Jahren politisch noch ein bisschen unkorrekten) leisen Protest gegen den umweltverschmutzenden Autoverkehr. Doch dann traf ich einen Konstrukteur, der in einer Industriezone bei Locarno im Einmann­betrieb Fahrräder aus Stahl fertigte, die mindestens zur Hälfte aus Leidenschaft und Liebe bestanden.

So erinnern sich Leser und Veloliebhaber an ihre ersten Fahrversuche:

Besuche in seiner kleinen Fabrik uferten stets in philosophische Grundsatzdiskurse zu grossen Fragen des irdischen Daseins aus, und ich verstand, dass er das alles in seine Velos einbaute. Ich begriff: Fahrräder sind eine aufs Wesentliche reduzierte Idee, und darauf zu fahren, ist eine hart erarbeitete Haltung.

Leiden, um zu lieben

Seither sitze ich anders auf meinen Rädern: Velofahren ist eine existenzielle Erfahrung, aber auch ein Akt der Demut, weil man seiner Begrenztheit in die Augen schauen muss. Eine Beziehung zum eigenen Fahrrad, ohne zu leiden? Gibt es nicht. «Vado a faticare – ich gehe leiden», sagt man auf Italienisch auch, wenn man aufs Velo steigt.

Es gibt nur die eigene Arbeit, die einen vorwärtsbringt. Man ist auf dem Rad, selbst in Begleitung, sehr oft sehr allein, Wind, Regen, Kälte und dem nächsten Anstieg ausgesetzt. In Bern ganz besonders: Man findet kaum einen Weg aus der Stadt, der nicht über einen saftigen Hügel führt. Und wenn es doch flacher ist als gedacht, bläst der Gegenwind, und sonst braut sich am Horizont ein Gewitter zusammen oder der nächste Winter.

Nichts geht ohne Anstrengung

«Ich denke nicht, wenn ich radfahre», sagt Markus Aeschbacher, Mechaniker im Velokurierladen in der Lorraine, und meint damit das Gefängnis der Vernunft, dem er auf dem Rad entrinnt. David Stampfli, Berner SP-Grossrat, leidet gerade schwer, weil er ­wegen einer Handgelenksverletzung, die er sich bei einem Sturz vom Velo zuzog, im Moment nicht Rad fahren kann.

Man könnte auch sagen: Sich jeden Tag aufs Velo zu setzen, ist eine Versicherung dagegen, der Bequemlichkeit zu erliegen. Und der Illusion, irgendetwas auf dieser Welt gehe ohne Anstrengung. Radfahren heisst: Man muss selber etwas tun, sich einsetzen, sich exponieren, gegen Widerstand antreten.

Kein vernünftiger Velofahrer kann etwas dagegen haben, dass die Berner Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) mit Verve ihre Velooffensive vorantreibt und Radfahren zur politisch korrektesten Fortbewegungsart ever macht. Aber: Ist das wirklich noch Velofahren, über den aus­gerollten Teppich, ohne ein Mikrogramm Rebellion?

Es gibt inzwischen Horden von E-Bikern, die ohne Anstrengung unanständig schnell über die Strassen (und an mir vorbei) brettern. Sie gehören nicht zur selben Familie wie ich. Mag sein, dass sie glauben, glücklich zu sein, aber von meinem Glück ­haben sie keine Ahnung. Liebe? Irgendwie schon. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.06.2017, 06:13 Uhr

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