«Die Bergwelt muss modern bleiben»

Jaun

In Jaun drohte das einzige Hotel für immer zu schliessen. Die Schweizer Berghilfe half mit, den Umbau des «Wasserfalls» zu finan­zieren und das Hotel zu retten.

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Simone Lippuner

In Jaun hört man vor allem den Wasserfall und die Motorräder rauschen. Bis hoch auf den 1500 Meter hohen Jaunpass fehlt nicht mehr viel; das Dorf liegt auf rund 1000 Meter über Meer, 700 Einwohner, eine schöne Aussicht auf die Gastlosen, eine Post, eine Bank, ein Tearoom, eine Bäckerei und ein Hotel, das «Wasserfall». Seit Jahrhunderten ist es das einzige Hotel im Freiburger Dorf, für die Einheimischen ist der «Wasserfall» zudem ein wichtiger Ort zum Essen und zum Feiern.

Vor fünf Jahren drohte dieser Treffpunkt zu verschwinden. Das uralte Haus war sanierungsbedürftig, finanziell ging es stetig bachab. «Als das Hotel dann von einem auf den anderen Tag geschlossen wurde, war das für Jaun ein Schock», erinnert sich Regula Straub, die Geschäftsführerin der Schweizer Berghilfe.

Eine Käuferschaft, die das traditionsreiche Haus übernehmen und sanieren wollte, war zwar rasch gefunden. Den drei Privaten aus der Region gelang es in der Folge auch, eine Bankhypothek sowie private Darlehen zu organisieren. Doch noch immer fehlte Geld, und für diese Rest­finanzierung sprang die Berghilfe in die Bresche.

800 Gesuche pro Jahr

Der Umbau kostete 3,4 Millionen Franken, die Berghilfe zahlte 300'000 Franken. «Wir übernehmen grundsätzlich nur eine Restfinanzierung», sagt Geschäftsführerin Regula Straub. Doch bevor Geld fliesst, werden das Gesuch und die Menschen, die dahinterstecken, geprüft. Budget, Businessplan, zeitlicher Rahmen, Risiko der Verschuldung, die Grundsatzfrage: Kommt das Gesuch überhaupt aus dem Berggebiet? All dies entscheidet über den Verlauf. «Die Projekte müssen langfristig finanziell tragbar und nachhaltig sein», sagt Straub.

Die Schweizer Berghilfe arbeitet mit dreissig ehrenamtlichen, zumeist pensionierten Expertinnen und Experten zusammen. Sie beurteilen pro Jahr gegen 800 Gesuche, 500 bis 600 davon werden positiv beurteilt. «Ohne ehrenamtliche Mitarbeiter könnte die Berghilfe in dieser Form nicht funktionieren», sagt Regula Straub.

Am meisten Geld nach Bern

Die Stiftung finanziert sich ausschliesslich mit Spendengeldern: Von 60'000 Spendern fliessen jährlich insgesamt rund 25 Millionen Franken in den Topf, was die Berghilfe zu einem der grössten Hilfswerke der Schweiz macht. Das Hotel Wasserfall ist laut Straub eines der grösseren Projekte, «im Schnitt bewegen sich die Unterstützungsgelder im fünfstelligen Bereich».

Mit Abstand am meisten Geld fliesst in den Kanton Bern. 2017 waren es insgesamt 6,3 Millionen Franken für 142 Projekte. «Hier leben auch die meisten Bauern», begründet Regula Straub.

Altes Getreide, neue Ideen

Der Grossteil der eingereichten Gesuche betrifft landwirtschaftliche Vorhaben. Gefolgt von touristischen und gewerblichen Projekten. Zunehmend ist die Sparte der Nischenprodukte: Junge, innovative Menschen übernehmen in den Bergen das Ruder, sie mischen den Markt mit neuen Produkten auf, brechen mit alten Traditionen oder nehmen diese neu auf. «Junge Bergbewohner experimentieren auch mal, da unterstützt die Berghilfe gerne auch das Risiko», sagt Straub. Hirsche statt Kühe halten, alte Getreidesorten anbauen, Biketouren durch den tiefen Schnee organisieren, die Ideen sind vielfältig. Straub: «Es ist toll, mit­zuerleben, wie diese Menschen auf ihre Träume und Ziele hinarbeiten.»

Auch das Ziel des Hilfswerks ist klar: Die Bergwelt soll modern und attraktiv bleiben, die Projekte sollen eine Wirkung in der Region haben. Arbeitsstellen schaffen, eine Wirkung nach aussen generieren, die Abwanderung stoppen. Letzteres wird auch künftig eines der grossen Themen der Schweizer Berghilfe sein. «Wir helfen mit, dass es in den Bergdörfern auch künftig genügend Arbeitsstellen und eine Grundinfrastruktur gibt.»

Die Bergler vernetzen

Nebst der Reduzierung der Abwanderung nennt Straub zwei weitere Schwerpunkte, welche die Stiftung künftig beschäftigen werden: den Umgang mit dem Klimawandel und die Digitalisierung. «Die Digitalisierung ist eine grosse Chance für die Bergler», findet Straub. Geld fliesst hier unter anderem in die Finanzierung von Weiterbildungen sowie die Erstellung von Webshops oder Buchungsplattformen. «Die Berggebiete müssen mithalten können.»

«Das Hotel hatte zuvor zwar Charme, war aber längst nicht mehr zeit­gemäss.»Carmo Rauber, Pächterin

Das Berggebiet macht zwei Drittel der Fläche der Schweiz aus. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in den Bergen, und es be­findet sich dort ein Fünftel der Arbeitsstellen (550'000). «Im Prinzip hat jeder Schweizer irgendeinen Bezug zu den Bergen», sagt Regula Straub und begründet damit das erfolgreiche Wirken der Stiftung. Die Berge seien Heimat und Emotion, oft seien Kindheitserinnerungen mit ihnen verknüpft. «Es sind diese Gefühle, es ist diese Identifikation, welche die grosse Solidarität mit der Bergbevölkerung ausmacht und die Arbeit der Berghilfe überhaupt erst ermöglicht.»

Mehr Komfort für Touristen

17 rustikale Zimmer mit eigenem Bad, WLAN und einem Hauch Alpenchic, eine neue Terrasse, ein restauriertes Säli: Im Hotel Wasserfall in Jaun blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Vor einem Jahr eröffnete der Betrieb neu, Pächterin Carmo Rauber zieht eine positive Zwischenbilanz. «Das Hotel hatte zuvor zwar Charme, war aber längst nicht mehr zeitgemäss. Heute können wir den Touristen viel mehr Komfort bieten», sagt sie.

Und die Touristen kommen. Familien, Wanderer, Biker, Töfffahrer, jetzt, in den Sommermonaten, ist Carmo Rauber regelmässig ausgebucht. Jaun ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen um die Gastlosen, das freiburgische Greyerzerland ist eine touristische Hochburg. Und im Winter kann man Ski fahren. «Auch da läuft es gut. Einzig im Frühjahr gibt es Monate, die schlecht gebucht sind», sagt ­Carmo Rauber. Doch die Stammgäste aus dem Dorf, die kommen immer.

Berner Zeitung

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