Bern

«Die Beine sind am wichtigsten»

BernEr ist die Berner Eminenz im Rennvelobereich. Früher als Radrennfahrer, heute als Velohändler profitiert Aldo Schaller von der ständigen Weiterentwicklung des Velos.

Aldo Schaller in seinem Laden mit dem Velo, auf dem er 1995 das letzte Rennen fuhr.

Aldo Schaller in seinem Laden mit dem Velo, auf dem er 1995 das letzte Rennen fuhr. Bild: Raphael Moser

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Herr Schaller, Sie überblicken rund vierzig Jahre Veloent­wicklung aus nächster Nähe. Was sind für Sie die grössten Veränderungen in dieser Zeit?
Aldo Schaller: Ich habe gerade noch das Ende der Ära der Wolltrikots und Riemchen an den Pedalen miterlebt. Die grössten Änderungen in meiner Zeit waren der Wechsel von der Rahmenschaltung auf Bremsschalthebel, Klickpedale und die elektronische Schaltung. Die Entwicklung von Stahl- über Aluminium- zu Carbonrahmen bedeutete natürlich viel für das Gewicht der Velos – grundlegend verändert hat sie die Velos aber nicht.

Ist die elektronische Schaltung nicht eine verzichtbare Erfindung zum Verkauf neuer Velos?
Die Frage ist berechtigt. Aber wenn man einmal elektronisch geschaltet hat, ist das schon phänomenal, vor allem vorn: Obwohl das relativ viel mechanische Kraft braucht, tippt man die elektronische Schaltung nur leicht an, und sie kommt wie Butter. Beim Hoch- und Runterschalten korrigiert sie selber, von tausend Schaltungen sind tausend präzis. Richtig ist aber auch, dass es an einer gut eingestellten mechanischen Schaltung nichts auszusetzen gibt.

Dann kann man aber trotzdem sagen: Nötig ist eine elektronische Schaltung nicht.
Einverstanden: Wer ein Budget für ein Rennvelo von 3000 Franken hat, muss nicht darüber nachdenken – da spart man lieber bei der Schaltung als bei anderen Komponenten. Aber für Neueinsteiger, für Neueinsteigerinnen, für vorsichtige Kunden ist die elektronische Schaltung genial. Inzwischen gibt es sie sogar kabellos und mit bloss noch zwei Hebeln.

Wie findet man heraus, welches Rennvelo für jemanden passt?
Verkaufsgespräche dauern heute viel länger als früher. Es gibt das klassische Rennvelo – alles wie immer, aber zwei Kilos leichter und mit ein paar Gängen mehr. Neu haben wir aber auch Komfort-Rahmen, die hinten leicht ­federn – perfekt für Leute in meinem Alter und ohne Energieverlust. Und schliesslich aerodynamisch optimierte Rennvelos, die letzte Revolution, dank der wir von ‹schnellen Rahmen› sprechen können. Mit ihnen fährt man 38 Stundenkilometer, wenn ein Komfortvelo mit 35 unterwegs wäre.

«Leichter können Velorahmen wohl nicht mehr werden.»

Aldo Schaller

Wobei am wichtigsten . . .
. . . immer noch die Beine sind, klar. Wenn jemand 95 Kilos wiegt, muss er nicht unbedingt das leichteste Velo haben. Leute kaufen ihre Velos heute aber auch mit dem Auge: ein schönes Velo, ein geiles Velo. Dafür muss man nicht 10 000 Franken ausgeben.

Je nach Rahmen unterscheiden sich Komfort, Aerodynamik, Sicherheit und Stil.
Genau, das gilt es gegeneinander abzuwägen. Wichtig sind aber auch die Räder oder die Felgenhöhe. Ich stehe grundsätzlich auf hohe Felgen. Kürzlich hatte ich bei einer Abfahrt vom Susten aber mit den grossen Aero-Rohren und höheren Felgen als üblich zu viel Angriffsfläche und musste bremsen. Dann gibt es Fahrer, denen die gröberen Aero-Lenker mit den versteckten Kabeln zu steif sind. So gibt es zig Parameter, die zudem auf alle unterschiedlich wirken.

Eine komplexe Sache, so ein Fahrradkauf.
Ja, die Bedürfnisse und Kom­ponenten, die es abzuwägen gilt, sind fast endlos. Die Räder sind zum Beispiel viel wichtiger als der Rahmen, das glaubt man fast nicht. Am Ende muss jemand sein Velo schön finden und sich darauf wohl fühlen. Man muss zudem klar sagen: Das Velo für alles gibt es nicht. Auch an der Tour de Suisse fahren nicht alle das gleiche Rad. Ein Bergfahrer will sein filigranes Velo mit schmalem Lenker fahren, sonst hat er allein schon im Kopf ein Problem.

Eine grosse Diskussion ist auch jene über die Frage Felgen- oder Scheibenbremse.
Wir sind nicht der Händler, der die Scheibe pusht. Aber die Nachfrage ist gross, und auch hier kann man genial finden, wie leicht sich mit bloss einem Fingerchen und auf nasser Strasse bremsen lässt.

Aber der normale Gümmeler geht bei Schönwetter raus. Da braucht er doch keine Scheibenbremsen.
Sie reden mir aus der Seele. Das frage ich immer: Wie oft fährst du bei Regen? Nie? Dann brauchst du keine Scheibenbremse! Hast 600 Gramm mehr, es quietscht, und häufig schleift sie. Ich werde der Letzte sein, der eine Scheibe an sein Rennvelo montiert. Aber die Anbieter steuern das natürlich, und immer mehr Leute wollen Scheibenbremsen. Inzwischen sind sie zwar schön in­tegriert – aber mir gefallen sie auch optisch nicht. Du hast ein Loch in der Gabel und eine Öl­leitung! Am Rennvelo! Bei Mountainbikes sieht es selbstver­ständlich anders aus.

Dann könnte der Händler sagen: Du brauchst zwei Rennvelos.
Ja, das kann durchaus sinnvoll sein: Für die schlechte Jahreszeit oder wenn es halt doch einmal regnet, noch ein Rennvelo mit Scheibenbremse zu haben. Vielleicht mit einem Gravel-Rahmen, bei dem man die Pneus wechseln kann und im Winter mit breiteren Reifen mit Profil unterwegs ist. Andere behalten ihr altes Velo für Schlechtwettertage. Wir nennen dieses Velo ‹Grosi›.

Wie geht es weiter bei der Innovation im Velobereich?
Es ist unglaublich, wie gut Velos heute sind. Oder wie Carbon in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt worden ist. Leichter können Rahmen wohl nicht mehr werden. In den Bereichen Komfort und Aero wird aber sicher weiter optimiert. Die totale Integration der Scheibe, daran ist man auch. Neuer sind Keramik­lager, die momentan erst der Fan kauft – sie drehen endlos. Weiter geht die Forschung sicher auch beim Zubehör, wie zuletzt bei den Taschen für Gravel-Bikes.

Stark verändert hat sich in den letzten Jahren auch das Training, das selbst Hobbyfahrer teilweise fast wissenschaftlich betreiben.
Das ist so. Grundsätzlich gilt für alle Zeiten: Grundlagentraining ist wichtig, und Einsteiger sollten nicht übertreiben. Heute messen alle ihre Wattleistung, ich mache das neuerdings auch. Und ich muss anerkennen, wie genau das anzeigt, ob man im grünen oder im roten Bereich unterwegs ist. So lässt sich eine lange, schwere Tour sehr präzis einteilen.

Bis alle wattgesteuert unterwegs sind wie die Sky-Profis?
Nein, man sollte sich nicht völlig darauf fixieren. Das Gefühl ist ­immer noch wichtig, die Tagesform. Manchmal fühlt man sich schlecht, und dann gehen plötzlich die Beine auf. Auch im Radsport wird es hoffentlich immer jene Fahrer geben, die etwas probieren, angreifen – egal, was der Computer sagt. Das hat übrigens schon bei uns begonnen, als die Trainingspläne kamen: Da schaute man beim Training plötzlich nur noch auf den Plan, nicht mehr aufs Wetter.

Und wie war es davor?
Da hiess es einfach: Wer am meisten trainiert, der ist der Beste. Und: Das Rennen ist das beste Training – was übrigens immer noch richtig ist. Als die Pulsuhren kamen und darauf die Trainingspläne, gingen plötzlich alle sehr stur für sich allein trainieren. Wir haben dann bald wieder geschaut, dass wir gemeinsam ausfahren konnten. Da müssen auch alle die Hobbyfahrer aufpassen, die sich auf dem Netzwerk Strava untereinander vergleichen. Sie sind oft viel zu verbissen und werden trotz harten Trainings nicht besser, weil die Erholung so wichtig ist wie das Training selbst.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2018, 06:14 Uhr

Zur Person

Der 53-jährige Aldo Schaller stammt aus Visp. Von den Walliser Bergen und Winden gestählt, fuhr er als Jugendlicher allen davon, wenn er in den Ferien bei Onkel und Tante in Bern mit dem Radclub CIO Ostermundigen unterwegs war. Neben der Lehre als Velomech im Liebefeld setzte er auf den Radsport und gewann etwa als 19- Jähriger die Berner Rundfahrt. Er fuhr siebzehn Jahre lang Radrennen, davon zehn Jahre als Halbprofi bei den damaligen Eliteamateuren. Daneben arbeitete er halbtags als Vertreter von Eiger-Velos. «Irgendwann merkte ich, dass bei Rennvelos nicht viele richtig eine Ahnung haben», sagt Schaller – etwas, das heute nicht anders sei. Mit 30 machte er sich in einer kleinen Garage in Bümpliz als Velohändler und -mechaniker selbst­ständig und führte anfänglich parallel dazu sein eigenes Rennteam. Die bekanntesten Fahrer in seinen Farben waren die jungen Fabian Cancellara und Sven Montgomery. Heute beschäftigt er in seinem Geschäft im Berner Weissenbühl drei Vollzeitangestellte und bildet drei Lehrlinge aus. Er ist Sponsor und Manager von Marlen Reusser, die neben ihrer Arbeit als Ärztin in Langnau hohe Radsportziele verfolgt. An den letzten beiden Austragungen der Tour de Suisse amtete Schaller als UCI-Rennkommissär-Chauffeur, eine Funktion, in der er ab nächster Woche in China an der Tour of Guangxi teilnimmt.

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