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Die Allesnäherin

Sie flickt Reissverschlüsse in 30 Sekunden: Martha Mancini (47) betreibt seit 14 Jahren das Schneideratelier Mancini in der Stadt Bern.

Jeden Zentimeter ausgenutzt: Martha Mancini in ihrem kleinen Schneideratelier.
Jeden Zentimeter ausgenutzt: Martha Mancini in ihrem kleinen Schneideratelier.
Beat Mathys

Flaschen, Handykabel, Torten. Es gibt nichts, wofür Martha Mancini nicht eine Tasche nähen könnte. Die Ideen dazu kommen ihr im Alltag. «Ich stand im Coop und wollte Wein kaufen. Ich sah diese Plastiksäcke für Weinflaschen und dachte: Das geht besser.»

Die 47-Jährige hasst Plastik. Wenn immer möglich, greift sie auf Alternativen zurück. Also nähte sie sich für zukünftige Weinkäufe eine Tragetasche aus Jeansstoff mit Fächern, damit die Flaschen nicht umkippen. So ist das bei Martha Mancini: Probleme geht sie kreativ an.

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Seit 14 Jahren betreibt sie in ihrer ehemaligen Garage im Stadtberner Breitenrainquartier ein kleines Nähatelier. Jeden Zentimeter davon nutzt sie aus: Die Regale an den Wänden sind voller Kleider, Stoffe und Fadenrollen. Es gibt ein Bügelbrett und eine Zuschneideplatte. Auf den Tischen beim Fenster stehen mehrere Nähmaschinen: eine für den Saum von Jerseystoffen, eine für unelastische Stoffe, mit dunklem Faden, rotem, braunem, weissem. Und all das auf ungefähr zwölf Quadratmetern.

Kürzen, flicken

Trotz der Fülle an Dingen wirkt hier nichts chaotisch. In Martha Mancinis Atelier hat jedes Utensil seine Schachtel oder Tasche, in der es verstaut wird. Und es gibt sogar noch Platz für eine Erinnerungswand: Fotos von ihren Kindern Nikoll (25) und Michelangelo (15), Postkarten, Ferienbilder, Geburtsanzeigen. In ihrem Atelier kürzt die Kolumbianerin Hosen und Röcke, näht Knöpfe an und flickt Jeans.

Auch für den Kleiderladen Zara im Stade de Suisse näht sie Kleider nach Kundenwünschen um. Meistens sind es Hosen, die gekürzt werden müssen. Ändern und Flicken sind die Haupteinnahmequellen des Schneiderateliers Mancini. Eigene Nähprojekte wie die Flaschentasche lohnten sich finanziell nicht, sagt sie. «Ich verkaufe sie im Atelier, auf Facebook und einmal im Jahr auf dem Nachhaltigkeitsmarkt am Berner Umwelttag.»

«Ich kaufe keine neuen Stoffe oder Knöpfe. Es ist doch viel schöner, aus Altem etwas Neues zu machen.»

Schneiderin Martha Mancini

Auch ihre neusten Produkte will sie auf diesem Weg an Mann, Frau und Kind bringen: Hübsche Mädchenkleider mit Häkeleinsatz. Der Stoff stammt von alten Jeans oder anderen Kleidern, die nicht mehr getragen werden. «Ich kaufe keine neuen Stoffe oder Knöpfe», sagt Mancini stolz, «es ist doch viel schöner, aus Altem etwas Neues zu machen.» Sie zeigt auf ein Regal mit vielen kleinen Dosen, nimmt eine in die Hand und schüttelt sie. «Die sind voller alter Knöpfe.»

Ständiger Kampf

Martha Mancini wuchs in Kolumbien auf und erlebte eine unbeschwerte Kindheit. Erst als Erwachsene lernte sie die Schattenseiten ihrer Heimat kennen. «In Kolumbien ist das Leben ein Kampf. Du musst dich immer verteidigen, für einen Job kämpfen, für eine Wohnung, für deine Rechte, für Geld, für deine Würde. Und stehst am Ende doch ohne alles da.»

Irgendwann war sie es leid zu kämpfen. Die gelernte Modedesignerin entschied sich für einen Neustart in der Schweiz. Das war 1997 und Martha Mancini 26 Jahre alt. «Das erste Jahr war sehr hart, und ich war oft traurig», erzählt sie. Ihre Ausbildung wurde nicht anerkannt. Also arbeitete sie in Zürich als Servicefachangestellte, später in einer Parfümerie. Irgendwann lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, zog zu ihm nach Bern.

Als ihr Sohn Michelangelo ein Jahr alt war, wollte sie wieder arbeiten, fand aber keine Stelle mehr. «Eine Frau mit einem kleinen Kind, und dann noch Ausländerin? Vergiss es!» Wie immer ging sie das Problem kreativ an – und eröffnete 2005 das Schneideratelier Mancini. Seit 2011 ist sie ausserdem als Schneiderkurier unterwegs, sie holt die Sachen beim Kunden zu Hause ab und bringt sie geflickt zurück. Dieser Service sei vor allem bei älteren Leuten beliebt, sagt Mancini.

Die Jüngeren kommen lieber vorbei – so wie der Mann, der plötzlich mit einem kaputten Reissverschluss im Türrahmen steht. «Kannst du einen neuen einsetzen?», sagt er. Martha Mancini lacht ihr schallendes Lachen. Sie nimmt die Jacke, greift zur Zange – nach 30 Sekunden ist der Reissverschluss geflickt.

«Die Schweiz – ein Paradies»

Würde sie nicht lieber Kleider entwerfen, wie sie es einst gelernt hat, als Reissverschlüsse zu flicken? Martha Mancini winkt energisch ab. Dafür habe sie gar keine Zeit. Ausserdem mache die Arbeit im Atelier Spass und verschaffe ihr eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Dafür sei sie sehr dankbar, überhaupt für das Leben in der Schweiz. «Hier gibt es Sicherheit. Und Zuverlässigkeit. Ich kann ins Tram steigen und fahren, wohin ich will. Den Abfall stelle ich einfach auf die Strasse, und er wird abgeholt.» In Kolumbien und vielen anderen Ländern funktioniere gar nichts. «Die Schweiz ist ein Paradies.» Martha Mancini fährt sich durch die langen, schwarzen Haare. Nur die Wärme und den Karneval vermisse sie manchmal.

Viele Kunden bringen schon seit Jahren regelmässig Arbeit ins Atelier Mancini. «Jeder hat ein Lieblingsstück», sagt die Schneiderin. Meistens handle es sich dabei um Jeans. «Manche geben mir Hosen mit riesigen Löchern an unmöglichen Stellen», sagt sie und lacht. Auch solche Probleme löst Martha Mancini kreativ. Wie immer.

Infos: www.schneiderkurier.ch.

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