Die «Aktie Flüchtling» findet Abnehmer

Gutbetuchte legen ihr Geld oft in Firmenaktien oder Immobilien an. Vor zwei Jahren ­jedoch haben Private und Stiftungen ihr Geld investiert, damit Flücht­linge schneller zu einer Arbeit kommen. Bei 28 Personen hat es bisher funktioniert.

Bewerbungsgespräch bei Caritas: (v.l.) Projektleiter Marc Baumann, ­Flüchtling Abdu Mohammed und Jobcoach Urs Zürcher.

Bewerbungsgespräch bei Caritas: (v.l.) Projektleiter Marc Baumann, ­Flüchtling Abdu Mohammed und Jobcoach Urs Zürcher. Bild: Andreas Blatter

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Sie arbeiten als Kellnerin im Restaurant, als Mechaniker in der Autogarage, als Pfleger im Altersheim oder als Landschaftsgärt­nerin beim Gartenbauunternehmen: Flüchtlinge, die bei Berner Unternehmen eine Stelle gefunden haben, weil Private in sie investieren. 28 Frauen und Männer sind derzeit fest angestellt oder in einem Praktikum, 31 weitere sind sich am Bewerben, und 3 machen eine Ausbildung.

Die insgesamt 2,7 Millionen Franken, welche dem Kanton Bern über fünf Jahre hinweg für das Projekt zur Verfügung ­stehen, stammen nicht wie üblich aus der Kantonskasse und damit von den Steuerzahlern, sondern von Privatpersonen und Stif­tungen. Sie haben vor rund zwei Jahren ihr Geld in einer spe­ziellen Obligation angelegt, in einem sogenannten Social Impact Bond.

Wirkung wichtiger als Profit

Es ist eine ungewöhnliche Geldanlage, obwohl der Name nach einer ganz normalen Anleihe auf dem Geldmarkt tönt. Doch das ­investierte Geld soll nicht wie andere Anlagen möglichst viel finanzielle Rendite abwerfen, sondern eben «social impact», also soziale Wirkung, haben.

«Wir sind auf Kurs», zieht Oliver Lüthi, Mediensprecher der Caritas Bern, zufrieden eine Zwischenbilanz. Seine Organisation ist mit der Vermittlung der Flüchtlinge betraut. «Eine endgültige Bilanz ist aber erst am Ende des Projekts möglich und wird auch davon abhängen, wie viele Praktika sich in feste Stellen überführen lassen», so Lüthi.

Denn nicht die Arbeit des ­Hilfswerks bestimmt, wie viele Flüchtlinge tatsächlich einen Arbeitsplatz finden. Massgebend ist auch die Bereitschaft der Berner Firmen, Flüchtlingen eine Stelle zu bieten. Hilfe leisten unter anderem die Berner Unternehmen der Organisation Fokus Bern.

Plus oder Minus 5 Prozent

Im besten Fall erhalten die Sozialinvestoren am Ende der ­Projektlaufzeit 5 Prozent mehr als den ursprünglich investierten Betrag zurück. Im schlechtesten Fall müssen sie auf 5 Prozent ihres Geldes verzichten.

Es locken also weder fette Renditen im Erfolgsfall, noch drohen herbe Verluste bei einem Misserfolg. «Die soziale und nicht die finanzielle Rendite steht im Vordergrund», erklärt Marc Baumann. Er ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Invethos und betreut die Investoren. Die Geldgeber hat Baumann etwa je zur Hälfte bei Stiftungen und bei sozial eingestellten Privatpersonen gefunden.

Politisch umstritten

Der Kanton Bern hat den ersten Social Impact Bond der Schweiz herausgegeben. In anderen Ländern gibt es laut Baumann diese Anlagemöglichkeit auch, zum Teil jedoch mit erheblich grösserem Gewinn- und Verlustrisiko für die Investoren. «In der Schweiz werden solche Anlagen von politischer Seite kritisch beurteilt, da ein Gewinn auf dem Rücken von Flüchtlingen aus ethischen Gründen als verwerflich gilt», sagt Baumann.

Doch ­dabei werde ausgeblendet, dass die Integration eine positive Wirkung habe und dass für die An­leger auch Verluste entstehen könnten. Statt hohen Gewinn- und Verlustrisiken hat der Kanton Bern bei seinem Social Impact Bond erstmals ein Bonus-Malus-System eingeführt.

Dieses System soll die Caritas Bern direkter in den Erfolg oder den Misserfolg der Massnahmen einbinden. In anderen Ländern werden die Sozialinstitutionen nicht am Erfolg beteiligt.

Für die Caritas Bern steht eine – wenn auch kleine – Summe Geld auf dem Spiel: Kann sie die Vorgaben nicht einhalten, erleidet sie einen Kapitalverlust von bis zu 1,5 Prozent auf der Projektsumme von 2,7 Millionen Franken. Das wären gut 40 000 Franken.

Hat das Hilfswerk jedoch mit seiner Vermittlungsarbeit Erfolg, erhält es dafür einen Bonus. Und auch den Investoren muss der Kanton einen Bonus zahlen. Allerdings entstehen ihm dann auch weniger Kosten aus Sozialleistungen für arbeitslose Flüchtlinge. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 10:11 Uhr

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