Die Aare ist nichts für Kinder

Bern

Flüsse sind prinzipiell nicht geeignet für Kinder. Besonders die Aare sei für den Nachwuchs gefährlich, und entsprechend fahrlässig sei das Handeln mancher Eltern, sagen Fachleute.

Die Schweizerische ­Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hat eine Faustregel aufgestellt. Die Sache ist simpel: Flüsse sind prinzipiell nicht geeignet für Kinder.

Die Schweizerische ­Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hat eine Faustregel aufgestellt. Die Sache ist simpel: Flüsse sind prinzipiell nicht geeignet für Kinder.

(Bild: KEystone)

Auf den ersten Blick unterscheidet das Gummiboot nichts von den anderen, die an diesem Sommertag die Aare hin­abtreiben. Bis im Boot etwas Rotes sichtbar wird. Eine Schwimmweste. Vorbildlich, denkt sich der Betrachter. Eine positive Ausnahme, die meisten Böötler verzichten auf derlei Sicherheitsvorkehrungen. In der Weste steckt aber ein Kind, das von Alter und Grösse her den Nichtschwimmern zuzuordnen ist. Beim Betrachter mehren sich die Zweifel. Ist es in Ordnung, ein Kleinkind auf die Aare mitzu­nehmen?

Gleicher Fluss, anderer Fall. Am Ufer spielt ein Kleinkind, es trägt Schwimmflügel. Neben ihm steht ein Erwachsener. Von der Strömung ist es nur wenige Meter entfernt. Ist das zu nah, oder ist der Betrachter übervorsichtig?

Immer mehr Leute am Wasser

Meldungen, wonach vermehrt Kleinkinder an und in die Aare mitgenommen werden, erreichen regelmässig auch diese ­Zeitung. Die Schweizerische ­Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) beobachtet Ähnliches. Immer mehr Leute würden sich an Gewässern tummeln, so Geschäftsführer Reto Abächerli. Gerade auch mit Kindern. «Die Risikoexposition nimmt zu», sagt er. «Einen gewissen Einfluss haben auch die zahlreichen Trendsportarten wie etwa das Stand-up-Paddling.»

Auf die Frage, ab welchem Alter oder welchen Fähigkeiten Kinder an Gewässer mitgenommen werden dürfen, gibt es keine abschliessende Antwort. Eine gesetzliche Bestimmung fehlt. Grundsätzlich gelte für die Aufsichtspersonen die Aufsichtspflicht, so Abächerli. Ansonsten müsse man sich mit dem gesunden Menschenverstand behelfen. Eine schwammige Formulierung. «Viele Leute hätten gerne klare Regeln», sagt der Experte.

Die SLRG hat darum eine Faustregel aufgestellt. Die Sache ist simpel: Flüsse sind prinzipiell nicht geeignet für Kinder. In und auf Flüsse gehören nur gute und geübte Schwimmer. Wenn unbedingt Kinder mit an Bord sein sollen, dann nur mit einer Rettungsweste. Diese unterscheiden sich von einer Schwimmweste durch ihren Kragen, der verhindert, dass man in einer Notlage ertrinkt.

Bei einer Schwimmweste ohne Kragen sei Ertrinken sehr wohl möglich, weil der Kopf nicht automatisch über Wasser gehalten werde, so Abächerli. Davon, nur mit Schwimmflügeln ausgestattet zu sein, rät er dringend ab. «Diese können platzen, oder die Nähte lösen sich langsam auf.»

Rettungsweste hilft nur teils

Im Fall der Aare mit ihrer hohen Fliessgeschwindigkeit sei es gefährlich und fahrlässig, mit Kindern hinzugehen, so die Meinung der Lebensretter. Auch der im Kanton Bern obligatorische Wassersicherheitscheck, welcher in der dritten bis vierten Klasse unterrichtet wird, reiche für die Aare nicht aus. Er prüfe nur minimale Selbstrettungskompetenzen. Etwa, ob jemand wieder an die Wasseroberfläche hoch­komme.

Fürs Schwimmen in einem Fluss brauche es definitiv mehr. Etwa die Kraft, selber an Ausstiegsstellen zu schwimmen. Ein Unterfangen, das auch manch Erwachsenen fordert. Bei Fliessgewässern schütze auch die Rettungsweste das Kind nur bedingt. Im schlimmsten Fall treibe es auf sich alleine gestellt im Wasser.

Mit Schwimmweste in Badi

Ohne Begleitung in der Aare zu baden, empfehlen die Lebensretter erst urteilsfähigen und mündigen Personen. Zwar wollen sie keine Altersangabe nennen, auf die sie behaftet werden könnten, die Experten vom SLRG dürften aber ein Alter zwischen 16 und 18 Jahren meinen. Auf die Frage, bei welchen Situationen man sich als Drittperson einmischen sollte, gilt die Faustregel: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. «Man sollte dem Gegenüber mit Respekt begegnen und nicht belehrend auftreten. Viele sind offen für ein Gespräch, sofern der Ton stimmt», so Abächerli.

Es gibt übrigens auch einen Gegentrend: Manche Eltern sind vorsichtiger geworden. So beobachtet die SLRG seit einiger Zeit in den Badis, dass viele Kinder nicht nur mit Schwimmflügeln oder –reifen ausgestattet sind, sondern richtige Schwimmwesten tragen.

Berner Zeitung

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