Dichter gebaut als heute erlaubt

Bern

Das Gebäude des Geographischen Ins­tituts der Uni Bern sprengt die geltende Bauordnung um 29 Meter. Ein Skandal? Nein, völlig normal sei das – und symptomatisch für ein Kernproblem der Raumplanung, sagt ein Forscher.

Korrekt gebaut, aber heute so nicht mehr möglich: Das Geographische Institut in der Länggasse.

Korrekt gebaut, aber heute so nicht mehr möglich: Das Geographische Institut in der Länggasse.

(Bild: Andreas Blatter)

Herrscht Anarchie im Geographischen Institut der Universität Bern (GIUB)? Das Erdgeschoss des Gebäudes, in dem das GIUB untergebracht ist, misst vom Eingang bis zum Hinterhof rund 42 Meter. Erlaubt wären für das Haus, das in der Länggasse steht, gemäss Bauklassenplan der Stadt Bern jedoch nur 13 Meter. Die geltende Regelung wird also um fast 30 Meter überschritten. In den Obergeschossen beträgt die Gebäudetiefe noch rund 17 Meter und somit 4 Meter zu viel.

«Wir haben das nicht gewusst.» Diese Ausrede würde man den Vertretern des Geographischen Instituts nicht abnehmen. Denn im Gebäude forscht die Gruppe um Professor Jean-David Gerber zu Raumentwicklung und -planung. In der Stadt Bern kennt sich also kaum jemand besser aus mit Zonenplänen, der Bauordnung und erlaubten Gebäudedimensionen.

Neue Regeln wirken nicht

Ist das Unigebäude illegal? «Mitnichten», sagt Andreas Hengstermann, Doktorand der Forschungsgruppe Raumplanung, der zum Thema Bodenpolitik ­dissertiert. «Die baurechtliche Grundordnung sagt lediglich aus, welche Dimensionen ein Gebäude haben darf, welches heute gebaut wird», so Hengstermann.

Das Haus an der Hallerstrasse 12 wurde aber 1972 nach der dama­ligen Bauordnung mit einer Gebäudetiefe von 42 Metern bewilligt und in den darauffolgenden Jahren errichtet. So kann man es im Planarchiv des Bauinspektorats zwar nicht schwarz auf weiss, aber weiss auf schwarz nachlesen. Die Bewilligungen sind platzsparend als Mikrofilme gelagert.

Für das Gebäude des Geographischen Instituts gilt die Bestandsgarantie: Ist ein Bauwerk einmal rechtmässig erstellt worden, darf es auch erhalten bleiben, wenn es neuen Vorschriften widerspricht.

Wie ist es, als Planungswissenschaftler in einem Gebäude zu arbeiten, das nicht der Bauordnung entspricht? «Völlig normal», sagt Andreas Hengstermann. Mehr noch: «Das Haus steht für ein Grundproblem der Schweizer Raum- und Stadt­planung.» Gemeinden können zwar neue Regeln aufstellen, sie wirken aber erst, wenn die Eigentümer der betroffenen Grund­stücke und Bauten ein Haus verändern oder ein neues bauen ­wollen.

Verdichtung wäre das Ziel

Diese Problematik zeigt sich auch bei einer der grössten Herausforderungen der Schweizer Raumplanung: der Zersiedelung. Sie soll eingedämmt werden, indem weniger neue Bauzonen ausgeschieden werden. Die Revision des Raumplanungsgesetzes, die 2014 in Kraft getreten ist, soll dies sicherstellen. Um weiter genügend Wohnraum zu schaffen, müssen die Siedlungen dichter bebaut werden. Dazu können Gemeinden beispielsweise in Bauzonen, wo schon Häuser stehen, mehr Geschosse zulassen.

Über solche Änderungen der baurechtlichen Grundordnung befinden in der Stadt Bern die Stimmbürger. Ob tatsächlich höhere Häuser und somit mehr Wohnungen gebaut werden, entscheiden aber nicht sie, sondern die Eigentümer, welche die neuen Möglichkeiten zwar nutzen können, aber nicht müssen.

Heute soll in der Schweiz möglichst dicht gebaut werden. Man würde also denken, dass die Häuser deshalb eine möglichst grosse Gebäudetiefe aufweisen sollten. Wie kommt es aber, dass in den 1970er-Jahre das Gebäude des Instituts um fast 30 Meter tiefer gebaut werde konnte, als es heute erlaubt wäre? Damals war der Bauklassenplan von 1955 gültig, der lediglich eine Bestimmung zur Gebäudetiefe vorsah: «Das Gebäude durfte nur so tief sein, dass die Feuerwehr im Hof für Löscheinsätze noch ausreichend Platz hat», sagt Andreas Hengstermann.

Heute zählt auch anderes

Heute seien die planerischen Ziele anspruchsvoller. Zwar soll verdichtet werden, doch darunter solle die Lebensqualität nicht ­leiden: «Die Raumplanung soll hochwertige Siedlungen gestalten. Daher werden besonnte und belüftete Höfe angestrebt», so Hengstermann. Gebäude, die nahe beieinanderstehen, bringen sich aber um Licht und Luft. Sie dürfen daher nicht zu tief sein. Dass in den 1970er-Jahren frische Luft und Sonnenlicht noch nicht einen so hohen Stellenwert genossen, verrät auch der grosse Hörsaal 001 im Gebäude des Geographischen Instituts: Er besitzt kein einziges Fenster.

Berner Zeitung

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