Der Widerstand formiert sich unter freiem Himmel

Wileroltigen

Zur Protestversammlung gegen den Transitplatz für Fahrende in Wileroltigen kamen zu viele. Am Ende tagten sie im Freien – und trotz des Regens.

Widerstand gegen die Fahrenden: Weil so viele kamen, mussten sich die Wileroltiger gestern Abend im Freien versammeln.

Widerstand gegen die Fahrenden: Weil so viele kamen, mussten sich die Wileroltiger gestern Abend im Freien versammeln.

(Bild: Stephan Künzi)

Stephan Künzi

So viele Leute lassen sich in Wileroltigen nie an der Gemeindeversammlung blicken. Wenn es aber um die Absicht des Kantons geht, an der nahen Autobahn einen Transitplatz für ausländische Fahrende einzurichten, ist alles anders: Gegen 200 Personen strömten am Montagabend zusammen, um mit ihren Behörden zu überlegen, was sich gegen die unliebsamen Pläne machen lässt. Und vor allem klar und deutlich zu machen, dass sie die Roma, die Sommer für Sommer in Scharen aus Frankreich und anderswoher anreisen, nicht wollen.

Unter den Anwesenden waren – auch das ist ungewöhnlich für derartige Versammlungen – auffällig viele junge Leute auszumachen. Am Schluss war die Menge so gross, dass der Saal im Gemeindehauses zu klein war. Kurzerhand verschob man sich auf den Vorplatz und beriet unter freiem Himmel. Dass es ab und zu regnete, störte die wenigsten.

Ärgernis Freiluft-Toilette

Seinem Ärger Luft verschaffte zuallererst Armin Mürner. Er redete für ein Komitee, das bereits auf Facebook gegen den Platz aktiv geworden ist. In drei Tagen sei die Seite bereits 5000-mal angeklickt worden, merkte Mürner an – um später anzufügen: «Es brodelt in Wileroltigen.»

Eine Steilvorlage boten ihm die Roma, die seit Wochen auf dem vom Kanton zugewiesenen Feld haltmachen. Bis zu 500 Leute in 200 Wohnwagen lebten hier in Spitzenzeiten. Widerrechtlich sei das passiert, polterte Mürner mit Blick darauf, dass die Fahrenden das Tor vom angrenzenden Rastplatz her aufgebrochen und das Areal so in Beschlag genommen hatten. Nicht in den Kopf ging ihm auch, dass der Bund als Eigentümer auf eine Miete verzichtet, weil er den Zustand nicht legalisieren will: So werde die Okkupation noch belohnt.

Buchstäblich in die Nase gestochen war Mürner weiter, dass etliche Roma auf den Gang zur Toilette verzichten und ihr Geschäft unter freiem Himmel verrichten. Ein Kollege sei unlängst beim Pinkeln in der Berner Altstadt erwischt und gebüsst worden, ereiferte er sich. Wenn man alle gleich behandeln würde, käme bei den Fahrenden in Wileroltigen viel Geld zusammen.

Dass die Freilufttoilette ein Problem ist, gestand Roma-Vertreter und Platzwart Andreas Geringer gegenüber der BZ schon letzte Woche ein. Er wies aber darauf hin, dass ein von den Fahrenden bezahlter Reinigungsdienst regelmässig sauber macht. Zugleich erinnerte er daran, dass die Roma andere Vorstellungen von Reinheit haben. Toiletten als unsaubere Orte sind in den Wohnwagen verpönt. Und mobile WC-Häuschen sind insofern keine Alternative, als ein Toilettengang vor aller Augen als unschicklich gilt. Kurz ins Gebüsch zu verschwinden, ist da viel diskreter.

Nächstes Mal im Zelt

Dass die Emotionen auch in Kerzers hochgehen, machte Nicole Schwab klar. Die Gemeindepräsidentin und SVP-Politikerin erinnerte daran, dass die Freiburger Nachbargemeinde mit ihren Läden und dem Schwimmbad das Zentrum für die Region ist.

Was das mit Blick auf die Fahrenden heisst, hatte sie ebenfalls letzte Woche im Gespräch mit der BZ illustriert: Wenn die Roma in grossen Gruppen und unüberhörbar parlierend auf Einkaufstour gingen, reagiere das Ladenpersonal verunsichert. Wenn sie in ähnlicher Art die Badi in Beschlag nähmen, fühlten sich die Einheimischen nicht mehr wohl. Und wenn sie auf der Suche nach Aufträgen zu zweit auf einen älteren Hausbesitzer einredeten, um seine Fensterläden auffrischen zu können, beschleiche einen ein mulmiges Gefühl.

«Das kann es nicht sein», bekräftigte sie diese Aussagen nun. Sie wisse allerdings, dass die Kantonsgrenze ihren Handlungsspielraum stark einenge.

Umso dezidierter rief der Wi­ler­oltiger BDP-Grossrat Daniel Schwaar dazu auf, aktiv zu werden und sich gut zu vernetzen. Er wurde gehört: In einem zweiten Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit bildete die Versammlung diverse Gruppe. Eine ist für den geplanten Abend mit Christoph Neuhaus im August verantwortlich. Der zuständige SVP-Regierungsrat soll nicht unter freiem Himmel reden müssen: Auf dem Vorplatz wird dann wohl ein Zelt stehen.

Berner Zeitung

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