Der versüsste Kampf um die Gunst der Wähler

Köniz

Überall stehen im Kanton derzeit Grossratskandidaten mit Flyern und Schokolade. Allerdings lassen sich die wenigsten Passanten von Süssigkeiten beeindrucken.

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Mutter und Tochter verstauen ihre Einkäufe. In der linken Hand zwei Velohelme, rechts eine voll gepackte Tasche. «Der Aufmarsch ist schon gewaltig», erklärt die Könizerin. Dabei reiche das Stimmmaterial zur Meinungsbildung doch völlig.

Vor der Migros haben sich die lokalen Parteien aufgebaut. Ein regelrechter Schilderwald steht auf dem Platz. Und die Kandidaten lassen ihre Blätter fallen. Genauer: Flyer, mit politischen Programmen und den Konterfeis der Kandidatinnen und Kandidaten für die Grossratswahlen.

Hauptsache, die Farbe stimmt

Patric Brechbühl von der SVP sieht das realistisch: «Ich rechne mir keine Chancen aus.» Trotzdem hat sich der 34-Jährige gemeinsam mit Bührer und Schokolade in Köniz installiert. Bührer ist schwarz-weiss gefleckt und beschnuppert die Passanten – und er zieht den Hundewagen mit der traditionellen Holzkanne. Die SVP gibt sich in Köniz ländlich und bodenständig.

Gleich nebenan wirbt die SP für das Tram Region Bern. Man gehöre schliesslich zur Agglomeration Bern, lassen die Kandidaten um den ehemaligen Gemeindepräsidenten Luc Mentha verlauten. Sie diskutieren, ob mit einer reinen Frauenliste der SP noch junge Wählerinnen angesprochen werden können.

Im Könizer Zentrum liegen die politischen Gegensätze jetzt, knapp zwei Wochen vor den kantonalen Wahlen, nur wenige Schritte auseinander. Neben SVP und SP sind auch die EVP, die BDP und die FDP anwesend. Die Stimmung ist gesellig.

Die beiden Einkäuferinnen haben derweil mit Sack und Pack den Platz überquert. Von der SVP haben sie ein Schöggeli erhalten, von der EVP Minzetäfeli und von der SP ein aufwendig verpacktes Ragusa. Bei der BDP wären noch Toblerone, Post-it, Kugelschreiber und Leuchtstifte bereit gelegen. Was gelb ist, taugt bei den bürgerlichen Demokraten für den Wahlkampf. Sowieso seien die sogenannten «Give-aways», kleine Geschenke, bei der Bevölkerung beliebter als politische Inhalte. Das sagen alle Kandidaten einstimmig und wenig überraschend.

«Das gehört zum Zirkus»

Viele Passanten haben den Wahlkampf satt. «Am Ende verzichte ich gar noch aufs Wählen», sagt die Mutter zum Abschied. Mit ihren Taschen ist sie nicht empfänglich für politische Botschaften. Rolf Zwahlen von der EVP hat Verständnis. Aber das sei wohl ein «Kollateralschaden» des Wahlkampfes, fügt er an.

Auch Patric Brechbühl weiss: «Einer von fünf nimmt die Schokolade, einer von zehn den Flyer». Aber einen SP-Wähler könne er hier sowieso nicht umstimmen. Warum also zieht Brechbühl mit seinem Hund durch das Bernbiet? «Es geht darum, die eigenen Wähler zu mobilisieren.» Und dann gehöre das wohl zum Zirkus. Tatsächlich haben die Kandidaten kaum eine andere Möglichkeit, sich zu präsentieren.

Nicht alle Passanten reagieren indes genervt. Viele finden die Stände in Ordnung. «Der Dialog soll stattfinden», sagt ein Vater, der den Kinderwagen aus dem Coop schiebt. Aber umstimmen lasse auch er sich nicht. Rolf Zwahlen und Melanie Beutler hören einem Passanten zu: «Es lügen einen ja langsam alle gleichermassen an.» Zwahlen pflichtet bei und erklärt, dass die Ehrlichkeit «natürlich ein wichtiger Grundsatz» seiner Partei sei.

Sabotage bei Plakaten

Die Kontrahentin von der FDP kommt mit einer Passantin im Schlepptau zum EVP-Stand. «Schauen Sie, hier gibt es noch Minzetäfeli», sagt sie und verschwindet wieder. Die Frau erhält eine Packung «Pastillen mit Süssungsmitteln». «Erfrischend» steht da drauf, und ein blau-gelber EVP-Gockel lacht.

Die BDP-Vertreter erklären, sie hätten einen «anderen Weg gewählt» als die anderen. Die Partei sei noch jung, müsse sich etablieren, so Thomas Frey. «Vor einer Woche haben wir hier 250 Bratwürste verschenkt.» Während ein Windstoss den Stapel mit Flyern durcheinanderbringt, lässt er sich über angebliche Wahlkampfsabotage aus. Jemand habe die BDP-Plakate abmontiert. «Bestimmt zwölf Stück.»

Gegen Mittag nimmt die Parteiendichte langsam ab. Der Hundewagen von Patric Brechbühl ist verschwunden, auch die FDP ist nicht mehr zu sehen. Die BDP verstaut den Karton-Frey im Auto, die SP hängt noch ein paar Plakate auf. Und Rolf Zwahlen und Melanie Beutler ziehen mit dem Gockel unter dem Arm von dannen. Das SP-Ragusa dürften die beiden Einkäuferinnen inzwischen verspeist haben.

Berner Zeitung

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