Bern

Der Test für die Selbstständigkeit

BernFür Menschen mit Behinderung ist es ein grosses Bedürfnis, selbst­ständig zu leben. Ob sie diesen Schritt schaffen, können sie nun in der ersten städtischen Sprungbrett­wohnung testen.

Sprung in die Selbstständigkeit: Die Stadt Bern lanciert «Sprungbrettwohnungen». Video: Sheila Matti

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Die schwere Tür öffnet sich ganz von alleine, als Flavia Trachsel den Schlüssel im Schloss dreht. Mit ein paar kräftigen Armbewegungen befördert die junge Frau ihren Rollstuhl den Gang entlang in den Fahrstuhl.

Dieser teilt ihr mit freundlicher Frauenstimme mit, dass der erste Stock erreicht ist. Eine Funktion, die von Trachsel zwar nicht benötigt wird. Dennoch freut sie sich, als die Stimme erklingt: «Für Menschen mit einer Seh­behinderung ist dieses kleine Detail von unschätzbarem Wert.»

Die Wohnung, die Flavia Trachsel anpeilt, ist auf jede Art von Behinderung ausgelegt – egal, ob der Bewohner in Mobilität, Sehkraft, Hörvermögen oder Psyche eingeschränkt ist. Es handelt sich um die erste sogenannte Sprungbrettwohnung der Region Bern. «Das Projekt soll es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, den Schritt – oder eben Sprung – in die Selbst­ständigkeit zu wagen», erklärt Trachsel.

Die Liegenschaft in der Siedlung Stöckacker-Süd ist aber nur eine Probewohnung: Die Mieter ziehen nicht definitiv ein, sondern testen die Wohnung etwa ein halbes Jahr lang. Gefällt ihnen das selbstbestimmte Leben, hilft ihnen der Verein Wohnenbern, eine längerfristige Lösung zu finden.

Der Verein fungiert als Hauptmieter der Wohnung, ­Bauherr ist die Stadt Bern. Deren Vertreter, Gemeinderat Michael Aebersold (SP), ist ebenfalls begeistert, als er Trachsel in die Wohnung folgt: «Wir sind sehr stolz auf dieses Projekt.»

Verstellbare Einrichtung

In der Wohnung angekommen, wird Flavia Trachsels Lächeln noch ein Stück breiter. Über drei Jahre hat sie, als Projektleiterin der Behindertenkonferenz Stadt und Region Bern, an der Entstehung der Sprungbrettwohnung mitgearbeitet. «Um allen Arten von Behinderungen gerecht zu werden, mussten wir einige Kompromisse eingehen», erzählt Trachsel.

Ein Beispiel seien die Küchenschränke: Diese müssen tief genug hängen, damit Rollstuhlfahrer sie problemlos erreichen. Gleichzeitig sollten sich stehende Menschen aber nicht benachteiligt fühlen.

«Um allen Arten von Behinderungen gerecht zu werden, mussten wir einige Kompromisse eingehen.»Flavia Trachsel

Um diesem Höhenunterschied gerecht zu werden, ist ein grosser Teil der Innenausstattung verstellbar. Drückt man etwa auf einen Knopf an der Küchenablage, fahren Kochherd und Spülbecken in die Höhe.

«Diesen Luxus werden die Bewohner in ihrer künftigen Wohnung zwar nicht haben», meint Trachsel, die bereits länger selbstständig lebt. «Aber so kann man die individuelle Idealhöhe herausfinden und diese später umsetzen.»

Der Wille ist entscheidend

Der Zeitpunkt der Projektlancierung ist bewusst gewählt: Das Behindertenkonzept des Kantons soll demnächst von der Objekt- in die Subjektfinanzierung überführt werden.

Das bedeutet, dass Betroffene künftig über ein Budget verfügen und so entscheiden können, wie sie genau leben möchten. «Und gerade Menschen mit Behinderungen möchten möglichst selbstständig leben», betont Flavia Trachsel.

Der Wille des einzelnen Bewohners sei dann auch entscheidend für den Erfolg des Projekts, ist Eugen Uebel, Geschäftsleiter von Wohnenbern, überzeugt: «Der Schritt in die eigene Wohnung birgt viele Herausforderungen – nicht nur organisatorisch, sondern vor allem auch psychisch.» Deshalb gehöre auch eine individuelle Lebensberatung zum Projekt.

Der Wille, sich auf dieses Experiment einzulassen, scheint vorhanden zu sein: Bereits morgen wird der erste Mieter in die Wohnung im Stöckacker einziehen und so den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 20:05 Uhr

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