Der Stapi auf dünnem Eis

Stadt Bern

Stadtpräsident Alec von Graffenried stellte sich am Dienstagabend den Sorgen der Gewerbetreibenden aus Berns Westen – keine einfache Aufgabe.

hero image

(Bild: Sheila Matti)

Sheila Matti

Die Spenglerei der Carrosserie Steck AG war am Dienstagabend gefüllt mit Gewerbetreibenden des Berner Westens – Gärtnern, Spenglern, Bauunternehmern. Und mittendrin: Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL), als Vertretung der rot-grünen Stadtregierung. Er war der Einladung des Gewerbevereins KMU Bern West gefolgt und stellte sich den Fragen des kritischen Publikums.

Viele der Anwesenden befürchteten, dass das städtische Gewerbe zunehmend von der rot-grünen Wohnbaupolitik verdrängt wird. Oder wie es Gast­geber Peter Steck auf den Punkt brachte: «Im Fokus stehen meist nur die grossen Firmen. Die ­Sorgen von uns kleinen Handwerkern werden hingegen kaum wahrgenommen.»

Bereits der Versammlungsort stand sinnbildlich für die Bedenken der Gewerbetreibenden: Seit 60 Jahren steht die Carrosserie Steck AG auf dem Areal Weyermannshaus-West, das in spätestens 21 Jahren durch ein Wohnquartier ersetzt werden soll. Die teils alteingesessenen Betriebe sollen bis zu 1000 Wohnungen weichen, ergänzt durch 20 Prozent Raum für Dienstleistungsgewerbe.

Lieber leere Büroflächen

«Für uns ist natürlich das einzelne Unternehmen sehr wichtig», versuchte der Stadtpräsident zu beruhigen, «wir müssen aber auch die Stadt als Ganzes beurteilen». Und der Standort Weyermannshaus-West sei nun mal sowohl für die Stadt als auch für den Kanton in vielerlei Hinsicht wertvoll: Er sei ideal gelegen, gut erschlossen und lasse sich stark verdichten. Es komme einer Verschwendung gleich, wenn das Areal nicht richtig genutzt werden würde.

«Ich will aber nichts schön­reden», so von Graffenried: Tatsächlich würde das laute Gewerbe hier künftig keinen Platz finden, angedacht seien lediglich Dienstleistungsbetreibe. «Wir wollen in einem Wohnquartier halt lieber einen lebendigen Ort als einen reinen Lagerbetrieb.» Eine Aussage, die im angespannten Publikum heftige Kritik auslöste: Leer stehende Büroflächen, von denen es in Bern aktuell sehr viele gebe, seien der Stadt anscheinend lieber als ein Lager­betrieb, in dem jeden Tag hundert Menschen arbeiteten. Ein Vorwurf, auf den auch der sonst so schlagfertige Stapi keine Antwort hatte.

Gemeinsam entwickeln

Fürwahr: Von Graffenried hatte keinen einfachen Stand. Immerhin musste er Pläne verteidigen, die lange vor seinem Amtsantritt entstanden sind. Vor über 30 Jahren wurde die Überbauung ­Weyerli-West im Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen verankert. Dennoch schlug sich der Stadtpräsident tapfer – etwa, als Moderator Steck eine der Grundfragen auf den Tisch brachte: «Wollen wir als kleine Stadt überhaupt so stark wachsen?»

Die Stadt verändere sich halt, meinte von Graffenried – und das sei auch gut so. Wichtig sei es dabei einfach, dass man sich gemeinsam entwickle. «Wir wollen nicht, dass die Leute das Gefühl haben, sie werden alleingelassen.» Ein weiterer Grund, weshalb er die Einladung angenommen habe.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...