Von Graffenried glaubt an den Dialog mit der Reitschule

Bern

Seit 100 Tagen ist Berns neuer Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) im Amt. Während der «Schonfrist» hatte von Graffenried bereits seine Feuertaufe beim Dauerbrenner Reitschule. Und konnte wie sein Vorgänger das Singen üben.

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Ralph Heiniger

Herr von Graffenried, haben Sie gut geschlafen?Alec von Graffenried:Ja, danke. Glücklicherweise schlafe ich meistens gut.

Das war aber nicht immer so. Vor zwei Jahren haben Sie ­gesagt, dass Sie nicht mehr gut geschlafen haben. Danach sind Sie aus dem Nationalrat ­zurückgetreten.Es ging damals nicht um die Schlafqualität, sondern um die -quantität. Ich habe so viel gearbeitet, dass ich zu wenig geschlafen habe.

Als Stadtpräsident arbeiten Sie nicht mehr so viel wie früher?Damals war es die Doppelbelastung, die mir zu schaffen machte. Ich hatte nicht mehr genug Zeit, um mich in Politik und Beruf voll zu engagieren. Ich arbeitete zudem nicht nur in Bern, ich war auch oft in Zürich, Basel oder Lausanne. Das ist jetzt anders, ich muss keine Abstriche mehr machen, ich kann mich voll aufs Stadtpräsidium konzentrieren.

Vor zwölf Jahren haben Sie die Wahl in den Gemeinderat haarscharf verpasst. Jetzt wurden Sie deutlich zum Stadtpräsidenten gewählt. Wie fühlt sich dieses Amt nun an?Ich habe mir damals keine Vorwürfe gemacht. Ich habe vor zwölf Jahren alles gegeben, und es hat halt nicht gereicht. Das war dieses Mal anders. Für mich fühlt sich das Amt des Stadtpräsidenten sehr stimmig an. Es ist fast wie ein Heimkommen. Der Job macht mir sehr viel Spass. Das liegt auch daran, dass ich hier mit hervorragenden, motivierten Mitarbeitern zusammenarbeiten darf. Ich halte es zudem für einen Vorteil, dass ich viele Entwicklungen in der Stadt Bern seit langem mitverfolgt habe und entsprechend einordnen kann.

«Politische Ämter sind nicht so wichtig. Es zählen Liebe, Familie und Freundschaft.» Das haben Sie vor zwei Jahren gesagt. Wie passt das dazu, dass Sie Stadtpräsident geworden sind?Gerade als Stadtpräsident sind dies für mich wichtige Werte. Es geht um die Stadt Bern und ihre Bewohner, das liegt mir am ­Herzen.

«In den ersten 100 Tagen hatte ich andere Dinge zu tun, als Bilder für mein Büro auszusuchen.»

Der Stadtpräsident könnte aus dem städtischen Kunstfundus schöpfen, um sein Büro ein­zurichten. Dennoch hängt bei Ihnen noch kein Bild. Warum?In den ersten 100 Tagen hatte ich andere Dinge zu tun, als Bilder für mein Büro auszusuchen. Zudem ist die Aussicht auf die Matte und die Aare das schönste Bild. Aber in einem Jahr werden sicher ein oder zwei Bilder hängen.

Sie haben schon einige Auftritte als Stadtpräsident hinter sich. Dabei haben Sie auch schon ­gesungen. Unter anderem das «Guggisberglied» am Bern-Tourismus-Abend oder ein Krokodillied bei der Dählhölzli-Gala.Ich singe gerne. Ich hab auch schon früher bei Feierlichkeiten gesungen. Als ich noch die Stadtpolizisten vereidigt habe (Anmerkung der Red.: als Regierungsstatthalter) habe ich für die Polizisten einmal den Fansong des FC Liverpool «You’ll Never Walk Alone» gesungen.

Als Sie aus dem Nationalrat zurückgetreten sind, wollten Sie einem Chor beitreten. Haben Sie das gemacht?Ja, ich habe letztes Jahr im Murifeldchor gesungen. Ich hoffe, auch in diesem Sommer dabei zu sein – die Proben sind zumindest in der Agenda angestrichen.

«Wenn irgend­welche Gewalttäter bei der Reitschule Autos anzünden, regt mich das auf.»

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Frusttoleranz eigentlich zu tief liege für die Politik. Wann wurde Ihre Frusttoleranz als Stapi bereits auf die Probe gestellt?Ich finde, dass wir uns zu sehr auf die Dinge konzentrieren, die nicht gut laufen. Wir könnten auch zufrieden und dankbar dafür sein, dass es uns eigentlich sehr gut geht. Aber klar: Wenn ­irgendwelche Gewalttäter bei der Reitschule Autos anzünden, regt mich das auf.

Wie beurteilen Sie diese Ausschreitungen?Wir haben vorher mit der Polizei abgemacht, dass wir keinen Umzug wollen. Die Polizei hat das umgesetzt. Die Lage war unter Kontrolle, sodass trotz hoher ­Risiken glücklicherweise relativ wenig passiert ist. Die Wahrnehmung in den nationalen Medien war jedoch eine andere, was zu entsprechenden Schlagzeilen führte.

Zehn Polizisten wurden verletzt. Das heisst für Sie «relativ wenig passiert»?Nein, so ist das nicht gemeint. Jede Verletzung ist eine zu viel. Für Gewalt habe ich null Verständnis. Was ich meine, ist, dass die Ausschreitungen auf einen sehr engen Perimeter und auf einen kurzen Zeitraum beschränkt waren. Die Polizei hat ihren Auftrag erfüllt und die angrenzenden Quartiere geschützt. Trotzdem gingen kriegsähnliche Bilder durch die nationalen Medien, und es entstand fälschlicherweise der Eindruck, als hätte die Polizei die Lage nicht im Griff gehabt. Diesen Eindruck hatte ich vor Ort nicht.

Solche oder ähnliche Bilder gibt es um die Reitschule seit mehr als zwei Jahrzehnten. Wie können Sie daran etwas ändern?Die Reitschule ist ein Jugend- und Kulturzentrum, das jedes Wochenende von Tausenden ­Jugendlichen besucht wird. Ich selber pflege einen entspannten Umgang mit der Reitschule. Ich habe Verständnis für die Polizei, die Reitschule muss mit der Polizei zusammenarbeiten. Ich habe aber auch Verständnis für die Reitschule, sie kann nicht für alle Probleme verantwortlich gemacht werden, die sich auf dem Vorplatz und im Bereich Schützenmatte abspielen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es immer so weitergehen muss wie in der Vergangenheit. Ich bin überzeugt, dass wir Lösungen finden können, um die Situation zu verbessern.

Wechseln wir zu einem Highlight Ihrer Amtszeit: Der SCB wurde Schweizer Meister, Sie haben in der Postfinance-Arena mitgefeiert.Ja, das war super, die Stimmung war toll. Der SCB unterstützt die Stadtpräsidenten: Er hat meinem Vorgänger einen Titel zum Abschied geschenkt und mir einen Titel zum Amtsantritt (lacht).

Ihr Vorgänger hat Bern als Sportstadt positioniert. Ist das für Sie ebenfalls wichtig?Auf jeden Fall. Die Sportbegeisterung der Bernerinnen und Berner ist legendär. Gerade im Eishockey kann man das auch mit Zahlen belegen. Kein anderer Verein in Europa lockt so viele Zuschauer an wie der SCB.

Im Rahmen der Kandidatur Sion 2026 für die Olympischen Spiele ist Bern als Austragungsort für Eishockey im Gespräch. Aber die Begeisterung für Olympia ist in Bern überschaubar. 2002 stimmten fast 80 Prozent gegen die Kandidatur 2010.Wir reden dieses Mal ja nicht über komplette Spiele, sondern nur über das Eishockeyturnier. Ich denke, das Turnier würde sehr gut zu uns passen. Es wäre organisatorisch gut machbar, und das Publikumsinteresse wäre in Bern auf alle Fälle vorhanden.

«Diese Kulturstätten sind der Stadt sozusagen in den Schoss gefallen.»

Sie interessieren sich persönlich nicht nur für Sport, sondern auch für Kultur. Als Sie noch nicht im Amt waren, haben Sie sich gegenüber der Kulturstrategie skeptisch gezeigt. Jetzt müssen Sie diese Strategie selbst umsetzen ...Ich begrüsse es, dass mit der Erarbeitung der Kulturstrategie eine Diskussion stattgefunden hat. Wichtig ist aber aus meiner Sicht, dass bei aller Strategie die Offenheit erhalten bleibt. Was war denn strategisch an der kulturellen Entwicklung in der Stadt Bern in den letzten dreissig Jahren? Dampfzentrale, Reitschule, Progr, das Zentrum Paul Klee: Nichts davon ist je in einem städtischen Strategiepapier aufgetaucht. Diese Kulturstätten sind der Stadt sozusagen in den Schoss gefallen. Vieles hat die Szene selbst entwickelt. Die beste Kulturstrategie ist es, offen zu sein gegenüber solchen Entwicklungen und sie zuzulassen.

Im Rahmen der Reihe «Berner Kulturgespräche» ­haben Sie angekündigt, das Bewilligungswesen für Kulturveranstalter zu zentralisieren. Wie weit sind Sie damit?Im nächsten Monat wird die Gesellschaft «Bern Welcome» gegründet. Wer in Bern eine grosse Veranstaltung durchführen will, findet bei «Bern Welcome» künftig eine Ansprechpartnerin für sämtliche Bewilligungen. Diese Vereinfachung ist dringend nötig, aktuell ist vieles zu kompliziert. Es kann nicht sein, dass wir kulturelles Engagement mit Bürokratie ersticken.

Zum Wohnbau: Die Überbauung des Viererfelds war für Ihren Vorgänger eine Herzensangelegenheit. Nun ist die Überbauung Ihre Aufgabe. In letzter Zeit ist es aber ziemlich still geworden ums Viererfeld.Es gibt bei solchen Projekten Phasen, in denen es etwas ruhiger ist. Das ist jetzt so, aber dennoch geht es vorwärts. Zurzeit wird das Wettbewerbsprogramm vorbereitet. Dabei geht es darum, alle Ansprüche und Wünsche für das neue Quartier zusammenzustellen – dabei wird auch die Länggasse miteinbezogen. Das ist eine grosse Herausforderung, aber wir sind im Zeitplan.

Bei den Stichworten, die zum Thema Wohnbau in der Stadt Bern immer wieder fallen – zum Beispiel nachhaltig, ökologisch, dicht –, kommt einem auch das Projekt Waldstadt in den Sinn. Wird es in Ihrer Amtszeit noch einmal ein Thema?Ich persönlich halte die Waldstadt nach wie vor für eine sehr gute Idee. Im Moment ist sie aber kein Thema. Priorität haben in diesem Perimeter nun das Viererfeld und Weyermannshaus-West. Es ist aber gut möglich, dass wir in einigen Jahren wieder über das Projekt Waldstadt reden ­werden.

Im Gemeinderat hätten Sie ja bereits eine Mehrheit: Ursula Wyss (SP) und Sie waren beide Präsidenten des Vereins Pro Waldstadt, Reto Nause (CVP) war Vorstandsmitglied.Im Gemeinderat haben wir das noch nicht thematisiert. Aber wie gesagt: Wir warten nicht auf die Waldstadt, wir sind bereits jetzt aktiv in Sachen Wohnbau.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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